neue Baustelle

Von den drei Hebammen, die in meiner Hebammenpraxis tätig waren, ist nur noch eine geblieben. Eine ging in Rente und die zweite ist nun doch lieber keine Hebamme mehr. Stattdessen blickte ich heute Morgen in die Gesichter zweier junger Frauen Mädchen, denen ich vieles zutraue, aber nicht, eine Geburt zu führen. Und es kam, wie es kommen musste. Ich saß vor einer dieser knapp 20jährigen und betete recht emotionslos für die Unterlagen meinen Werdegang runter.

„Und das ist jetzt die vierte Schwangerschaft?“, fragte sie kieksend mit einem Blick in meinen Mutterpass… Römische Zahlen wollen auch gelesen werden können und so antwortete ich nur trocken: Nein, die neunte.

Oh, haha, hihi, ja mit römischen Ziffern hätte es sie nicht so… hihi, haha … diese Art von Gekicher habe ich das letzte Mal in der Oberstufe gehört.
Bis die Worte durch das Kicherzentrum auch bis ins Gehirn vorgedrungen waren.
Mit großen Augen sah sie mich an, während ich bemüht war, das Geklapper ihrer blöden Ohrringe zu ignorieren.

„Die… neunte?? Du hast schon ACHT Kinder?“ Das kann ich ja gut ab.

Und so fiel die nächste Antwort dann auch etwas kühler aus. Nein. Ich habe drei Kinder.

Es ratterte. Und ratterte. Und sie wurde hochrot und blätterte hektisch in meinem Mutterpass, wo es ja netterweise auch groß und unterstrichen steht. 5xAbort. Rote Gesichtsfarbe wechselt zu kalkweiß und ich frage mich, ob die gute Frau überhaupt schon mal bei einer Geburt dabei war.

Das bessert sich auch nicht, als ich die Umstände,  Entbindungswochen und meine Entscheidung, Fehlgeburten ohne Ausschabungen zu begehen, kurz schildere. Als ich dann zur Frage komme, dass ich bei einem jetzigen Tod des Kindes gerne ebenfalls mit Hebammenbegleitung entweder  zuhause entbinden möchte oder je nach Lage zu einer ambulanten Totgeburt ins Krankenhaus gehen würde, habe ich die Befürchtung, sie kollabiert mir gleich auf diesem Stuhl. Sie nippt inzwischen an dem Tee, den sie eigentlich mir gebracht hatte, zittert und ich sehe die Tränen in ihren Augen, als ich Einzelheiten abklären möchte.

Ich entscheide, das Gespräch abzubrechen. So hat das keinen Sinn

Ich habe selten eine fehlerhaftere Besetzung in einem Beruf gesehen. Sie hatte zu keinem Zeitpunkt das Gespräch unter Kontrolle, ihre Reaktionen ebenfalls nicht und ich habe berechtigte Zweifel, dass sie mich ungefiltert unter der Geburt ertragen oder gar führen könnte.

Tja. Und nun?

Scheißdreck.

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