Wohl jede Beziehung hat ihre Leichen im Keller. Das ist vermutlich so erschreckend wie normal, wo menschliche Abgründe aufeinandertreffen. Die Frage ist, wie stabil das Fundament ist und wie groß man den Keller geplant hat.
Nichts im Lot hier momentan. Ich entschuldige das mit Hormonen und den damit verbundenen Flashbacks, die ich schon aus mehreren Schwangerschaften kenne und trotzdem zermürbt es mich. Ich ertrage nichts zusätzlich. Keine Berührung, keine Ansprache, keine Abweichung vom Alltag. Ich schaffe es ja gerade so, mich mit den alltäglichen Dingen vorwärts gehen zu lassen, alles, was da von der Seite kommt, muss zurückweichen.
Jede Schwäche ein Zugeständnis, das ich nicht geben kann. Und so sind die Momente, in denen ich weich und entspannt sein kann, rar. Der Bauch lässt es mich spüren, hart und verkrampft schleppt er sich von Wehe zu Wehe – manchmal Stunden, manchmal nur Minuten dazwischen.
Das Stehen ist eine Zumutung, sitzen äußerst schmerzhaft, bewegen ist nur sehr eingeschränkt und unter starken Nervenschmerzen möglich. Liegen beschwört Erinnerungen herauf, die ich nicht in meinem Kopf sehen will und alles in mir, an mir, ist beschäftigt, den dicken Panzer aufrecht zu halten, der die Tage wenigstens einigermaßen betäubt.
Heller schreiender Schmerz verbirgt sich darunter und ich kann mich dem momentan nicht stellen. Ich kann einfach nicht. Ich habe nicht den Raum und nicht die Zeit, die Wunden aufbrechen zu lassen. Alles fühlt sich falsch an. Ich habe eine Führung übernommen, die ich nicht einfach abgeben kann. Und auch das trägt sich schwer.
Ich spüre nach dem Wollen, das sich normalerweise unter der Härte versteckt und höre kein Echo auf meine Frage.
Kein Bedürfnis, sich hinzugeben, keine Chance sehend, innezuhalten und sich anzulehnen.
Die Berührungen der Kinder sind angenehm, wertfrei. Ich kann sie entgegennehmen und auch antworten. Sie sind unschuldig, wunderbar.
Da das große Kind fehlt, das schon über einiges an Tiefe und Erkenntnis verfügt, ist es erträglich.
Und trotz des Trennungsschmerzes und der Sehnsucht, wieder vollständig zu sein, bin ich dankbar, dass ihr wacher Geist nicht hier bei mir ist.
Mit dem Mann verhält es sich anders. Er ist tiefer als ich ermessen kann, voller Sehnsüchte, Leidenschaften, Echos, Antworten und Fragen.
Und ich muss das momentan blocken, um mich selbst zu schützen. Ich merke, wie er sich nach einer Weile zurückzieht, enttäuscht, frustriert, wenn er in Gedanken nach mir sucht und ich ihm nur die Leere anbieten kann, hinter der ich alles verschanze, was mich ausmacht.
Habe mich heute Nacht wieder dem verachtenden Hass meiner Mutter gestellt. Ein Traum, der so greifbar war, als wäre es erst gestern gewesen und nicht schon 15 Jahre her. Wechselnde Bilder, die sich übereinander legten, schnell umsprangen und mir einen Film von sekundenlangen wechselnden Szenerien zeigten. Meine Mutter, wie sie mich immer wieder anfasste, ihre Hand zwischen meinen Beinen, ihr Lachen, ihre Verachtung, wenn ich mich verweigerte, ihr ständiges „Du bist so zum Kotzen.“, wenn ich Widerworte gab, ihre Pornosammlung, ihre Angebote, die Erpressungen, die Verachtung. Immer wieder dieser verachtende Blick. Ungeliebt.
Der Bauch verkrampft sich wieder in diesen Worten.
Es ist ein Schlüsselmoment zur Freiheit, ich spüre das. Aber ich sehe nur blutroten Schmerz, Verzweiflung und Leid. Und Sehnsucht.
Jede Nacht sehe ich sie, jede Nacht gehe ich durch die Hölle, die damals nur Suche nach Liebe war und sich ab und zu seltsam anfühlte. Aber ich kannte ja nichts anderes.
Jetzt ist da ein Gefährte…
Aber diese Welten beide in meinem Kopf gleichzeitig ertragen zu müssen, würde mich vielleicht endgültig zerbrechen lassen.
Vielleicht ist es das Licht, in dessen Wissen die Dunkelheit unerträglich wird.
Vielleicht ist Licht nicht immer nur Trost.