Lochfraß

Ich hasse diese depressiven Löcher, die im momentan hormonschwankenden Zustand noch schwerer zu ertragen sind als ohnehin schon.

Ich schreibe dagegen, ich wappne mich mit Arbeit und Tätigkeiten und doch kommt mir alles so sinnentleert vor. Alles. Immer. Ich kenne die Muster inzwischen und weiß, dass einzig ein Weitergehen mir helfen kann, einfach aushalten, Schritt für Schritt und warten, dass das Licht wieder zu sehen ist. Ich ignoriere den Berg vor mir, der laut und hämisch schreit: „du schaffst mich nicht, du schaffst mich nicht!“, weil ich weiß, dass er im Licht wieder wie ein grüner Hügel aussehen wird und nicht wie in der Dunkelheit eine scharfkantige Wand aus Granit.

Alles Scheiße. Hamsterrad.

Nerven

Ich bin so wütend. Und diese Wut ist so sinn- und nutzlos. Dadurch geht es nicht voran. Und ein halbes Jahr reden, motivieren, planen zieht sich inzwischen so endlos und zäh wie Kaugummi unter meiner Schuhsohle.
Ich erinnere mich so gut an all die Tränen, an den Umschwung, etwas verändern zu wollen… Sechs Monate sind es nun und es geht voran. Langsam. Mit Rückschritten. Und mein Nervenkostüm wird dünner, je schwerer ich trage und je näher die Geburt rückt.
Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. So nicht. Und ich kann nichts tun.

Vielleicht hat er nicht nur sich selbst betrogen, sondern auch uns. Es ist keine Verschnaufpause möglich, hier, mit den Kindern, in einer Zeit, in der ich so mühsam nur noch vorwärts komme, immer die Bitte auf den Lippen, dass auch ich mal eine Pause brauche. Eine kleine nur. Nur ein bisschen… Nur einmal durchatmen.
Es ist nicht möglich, es muss vorangehen. Und ich sehe seinen Berg und ich sehe meinen, der dadurch auch immer weiter wächst, ohne dass ich die Möglichkeit hätte, ihn abzutragen. Es liegt so sehr in seiner Hand, dass ich innerlich wüte und rase, weil mir die Hände gebunden sind, ich nichts anpacken kann mit der Aussicht auf Erfolg und Besserung, es ist mir nichts weiter möglich, als abzuwarten und auszuharren, einmal mehr.
Lektionen in Demut, auch hier.
Jeder Tag, der vergeht, schränkt mich mehr ein. Die Luft wird knapp, die Nerven jaulen auf, zusätzlich zu allem anderen. Die Vergangenheit steht groß und dunkel direkt hinter mir, manchmal drehe ich mich um, manchmal versuche ich einfach, einen Schritt nach dem anderen zu tun, ohne zurückzublicken.

Und dann ist da wieder diese Wut, nicht alles in den Händen zu halten.

Nur ohnmächtig darauf warten zu dürfen, dass ein Anderer endlich begreift…

Technikfreaks

Als das Tochterkind gestern das erste Mal ihr Handy bedienen musste, um bis Sonntag damit umgehen zu können, entfuhr ihr beim Auspacken ein quietschiger Seufzer.

„Oh Mama! Das ist ja so eines wie Papa hat!“

Ich ziehe die Augenbrauen fragend hoch und sehe sie an.

„Ähm. Ich dachte, das wäre so ein Altes wie Deins.“

Ich ziehe die Augenbrauen höher.

„Also. Nicht, dass ich das nicht schön fände. Nee, ich find das toll. Das ist super für dich.“

Ich sehe sie schweigend an, Augenbrauen hochgezogen.

„Es wird nicht besser, wenn ich noch mehr sage, oder?“

Ich habe grinsend den Kopf geschüttelt und musste an den Mann denken, der dieselbe Art von Begeisterung zeigt, wenn er neues Spielzeug bekommt.
Und Tatsache – kaum kommt der Mann nach Hause, springt das Kind auf ihn zu: „Papa, ich hab AUCH so ein Handy wie du“ und es vergehen keine 3 Minuten, da hat er seine Finger schon auf dem Touchscreen und sie fachsimpeln.

[Die sind zum Telefonieren da. Im Notfall. Ehrlich jetzt.]
[Alt. Pft.]
[Das ist noch lange gut.]

Ich bin doch kein Mädchen!

Dieser Satz in endlosen Variationen und Intonationen schallt seit einiger Zeit durchs Haus. Der Kobold hat im Rahmen seiner neuen Männerfreundschaften beschlossen, dass es da gewisse Dinge gibt, die einer Geschlechtsumwandlung gleichkommen. Lila Kleidung, zum Beispiel. Oder einem Schmetterling auf einer Tasche. Oder Herzen auf Bettwäsche.

Seine Kleider zieht er schon lange nur noch zuhause an, sein türkisfarbenes Lieblings-T-Shirt mit der Blume und das heißgeliebte dunkellila Hello Kitty T-Shirt habe ich vor zwei Wochen auf seine Anweisung hin in die Winterkiste gelegt und seine neue Wäschefarbe ist definitiv dunkelblau.
Männlich herb eben.

Zum Glück vergisst er noch ziemlich oft, dass er ja eigentlich gar kein Mädchen ist und spielt mit seiner Barbie, mit seinen rosa Sachen, die er sich ausgesucht hat, zieht sich zuhause nach dem Kindergarten auch gerne noch mal um und dann darf es ab und an sogar noch helle Kleidung sein.  Manchmal vergisst er es aber nicht, besonders nach diesen Vormittagen, an denen er intensivst mit der Männergruppe im Kindergarten in Kontakt kam. Und diese Nachmittage sind die Hölle. Da wird abschätzig über Spielzeug der Mädchen gesprochen, die rosa Lieblingsbettdecke verachtend in die Wäsche getragen, alles, was auch nur einen Hauch von rosa, lila, gelb, rot aufweist, in die Ecke der kleinen Schwester geworfen und der Standardsatz „Ihr seid ja nur Mädchen, ihr könnt das nicht!“ trotzig gegen eine Mutter, eine kleine und eine große Schwester gebrüllt.

Ich weiß, dass er schwer daran zu tragen hat, im Kindergarten gehänselt worden zu sein.
Ich weiß, dass er es hasst, seine Lieblingsschuhe zu tragen und dann zu hören, das wären Mädchenschuhe.
Ich weiß, dass dieses Verhalten Schutz ist.
Ich weiß, dass ich ihn nur begleiten, ihm den Weg aber nicht freikämpfen kann.
Mir bleiben nur meine Mantras, ruhig bleiben und manchmal auch meine Wut, die er zu spüren bekommt, wenn er respektlos wird.

Und wenige Momente nach seinen schlimmsten Tobsuchtsanfällen habe ich so oft ein schluchzendes zartes Bündel Mensch in meinem Arm, das mir erzählt, wie doof das ist, wenn man doch ein Junge ist und alle sagen, man wäre ein Mädchen.
Nur wegen der blöden Blume auf dem T-Shirt.
Blumen wären ja generell blöd.
Dann nicke ich und stimme zu, dass Blumen schon ziemlich doofe Pflanzen sein können, trockne seine Tränen und irgendwie ist die Welt dann doch wieder schön.

Bis zum nächsten Mal.

Profi

Was fragt das Mottenkind, nachdem es beim Fahrradfahren so dermaßen auf die Nase gefallen ist, dass wir uns von einem Schneidezahn und der inzwischen fast wieder verheilten Lippe verabschieden mussten?

„Muss genäht werden?“

Alter Profi.
Der Zahnarzttermin heute Morgen ist schon durchgesprochen, das Mottenkind guter Dinge, solange der gute Mann sich an die Hygienevorschriften hält: „Musscha abba scheine Handschuhe anschiehen!“

Oder wie mich heute Morgen der Satz aus einer Mail tröstete und anlachte gleichermaßen: „Du hast den Namen gewählt, nicht ohne Grund.“

Ja. Das ist sie.

Meine Kriegerin.

Problemlösungen

Heute Morgen in einem akuten Anfall von Luftnot und Bauchschmerzen die Boxershorts des Mannes angezogen. Hölle, ist das bequem.

[Und Oma sagt ja auch immer nur: „Kind, zieh dir IMMER einen frischen Schlüpfer an!“ – von Männer- oder Frauenunterwäsche hat sie nichts gesagt]

Planänderung

Ich wollte doch hier nichts mehr machen vor dem Umzug. Und nun säge und schraube ich wieder seit zwei Stunden und ersticke im Holzstaub. Eine hilfreiche aufgeregte Motte mittendrin, wo Arbeit alleine schon mühselig wäre, so mit kugelrundem Bauch, der Bücken fast unmöglich und Atmen sehr schwierig macht.
Von Rückennerven, der Hüfte und den Karpaltunnel-Armen mal ganz zu schweigen.

Kakaopause jetzt für das Mottenkind und für mich.

Erkenntnis

Ob der Mann wohl dasselbe über mich sagen würde wie ich über die Katze?

Vielleicht habe ich mich von Anfang an so sehr zu ihr hingezogen gefühlt, weil sie mein Spiegelbild ist… Erst verwunden, dann nachsehen, ob es gerechtfertigt war.
Und auch der Mann hat all die Jahre über meine Angriffe einfach nur ausgehalten, abgewartet und mir immer wieder offen seine Liebe und endlose Geduld entgegengebracht.
Ich zucke bei seinen Berührungen nicht mehr zusammen. Greife nicht mehr sofort an.
Trigger, die durch Anker ersetzt wurden.

Es ist viel zu früh für diese Gedanken. Ich brauche mehr Koffein.