Wenn ich dich doch nur spüren könnte…
7 Monate trage ich dich nun schon und spüre dich kaum. Als würdest du etwas zurückhalten, etwas wissen, das ich noch nicht wissen darf…
Hab Vertrauen, sagt dein Vater…
Wenn ich dich doch nur spüren könnte…
7 Monate trage ich dich nun schon und spüre dich kaum. Als würdest du etwas zurückhalten, etwas wissen, das ich noch nicht wissen darf…
Hab Vertrauen, sagt dein Vater…
Wie zynisch ich im Grunde meines Herzens doch geblieben bin. Ich verachte sie alle. Männer, Frauen, Kinder, Menschen.
Das Tier an sich kann wenigstens nichts für seine Egozentrik, alles andere wäre nicht naturgemäß, doch der Mensch mit seinem unglaublichen geistigen Potential, das ihn von allen anderen Tieren unterscheidet?
Warum ausgerechnet diese Intelligenz und dieses Potential dazu genutzt werden muss, wie ein niederes triebgesteuertes Tier nicht nur nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein sondern im Gegenteil sich auch noch darin äußert, auf sadistische Art und Weise andere Lebewesen zu demütigen, zu missbrauchen, zu foltern, zu töten, das erschließt sich mir nicht. Hat es noch nie und wird es auch nicht.
Bei allen Schlägen und Demütigungen und sonstigen Abartigkeiten, die mein Vater mir angetan hat, die Lektion, dass jeder Mensch an irgendeinem Punkt – für Geld, für Vorteil, für Anerkennung… – seine Moral verkauft, die sitzt tief. Ich habe es so oft gesehen. Ich habe die Gespräche belauscht, abends, wenngleich er auch tagsüber keinen besonderen Hehl aus seiner Ansicht machte.
Als ich älter wurde, haben wir oft abends auf der Terrasse gesessen. Mein Herz war nach wie vor weich, trotz all der Demütigungen… Dachte ich. Er trank, viel. Und er wurde manchmal härter, manchmal weicher. Manchmal hatten wir gute Gespräche über das Universum und manchmal fiel ihm eine Flasche Alkohol runter und ich war daran schuld und kroch spät abends im Frottee-Schlafanzug zu seinen Füßen herum und wischte alles wieder auf. Meistens war seine gute Laune dann dahin und ich ging nach Alkohol stinkend ins Bett.
Die anderen Abende… eröffneten mir eine neue Welt.
Heute erkenne ich, wie recht er doch hatte. Auch er hat seine Seele verkauft. Der Erinnerung, dem Alkohol, der Mauer, die seinen Schmerz eindämmt, indem er andere Menschen gequält hat. Ich glaube, dass es ihm ein Trost war, mich zu misshandeln. Dass es ihm geholfen hat, dieses Programm mit mir durchzuziehen, von dem er dachte, dass es mich hart und unverwundbar und unsterblich machen würde.
Ich denke, dass der innere Schmerz für ihn irgendwann so unerträglich war, dass er sich entschieden hat, die Liebe aus seinem Leben zu verbannen. An ihre Stelle traten Sadismus, Betäubung und Gewalt. Und er ist mit jedem anderen Menschen in dem Wissen umgegangen, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem jeder seine Ideale verraten würde.
Er hat immer Recht behalten.
Vielleicht muss ich ihm für diese Erkenntnis dankbar sein. Vielleicht sollte ich ihn dafür verfluchen, dass knapp zwei Jahrzehnte negative Erfahrung mit dem geistigen Potential von Menschen es mir sehr schwer machen, noch an irgendetwas zu glauben… Ich weiß es nicht.
Es ist ein Kampf. Jeden Tag aufs Neue.
Es ist immer schade, wenn Menschen meinen, die Bedeutung von bemerkenswert speist sich eher aus „eine Bemerkung dazu machen“ denn aus „zur Kenntnis nehmen“.
Man sollte meinen, mit der Zeit schleicht sich ein gewisser Gewöhnungseffekt in Todesdingen ein, aber so ist es nicht.
Und so ziehen und zerren und zehren die sich immer wiederholenden Gespräche mit den Kindern über Tod und Sterben und den Wert von Leben an meinen Nervenenden, so dass ich am liebsten ein Kopfkissen über den Kopf ziehen würde, um nichts mehr hören zu müssen.
Ich kann den Wert eines Lebens nicht beziffern. Weder den einer lebenden Ameise noch eines lebenden Babys oder Greises.
Heute Nacht das beeindruckende Gefühl einer reißenden Fruchtblase geträumt und plötzlich war es fünf Jahre früher, als ich mit zwei kleinen Kindern im Wohnzimmer stand, die Hand auf dem nur leicht runden Bauch und das Reißen sehr deutlich spüren konnte. Und mein erster instinktiver Impuls Freude war, bevor mir bewusst wurde, dass ich das Todesurteil meines Kindes gespürt hatte.
Und so lag ich da, schweißgebadet, meine Gedanken sammelnd, ob es nun Traum oder Wirklichkeit war, ob ich mich nun darauf einstellen muss, ein Kind zur Welt zu bringen oder mich umdrehen kann, um neben den seidig weichen, duftenden Haaren der Motte beruhigt weiterzuschlafen.
Erst ein Gang durch die Wohnung und ein Hineinspüren in den Bauch brachte Sicherheit und Gewissheit, dass alles so ist, wie es sein sollte. Mein Sohn bewegte sich unter meiner Berührung, sachte nur, aber immerhin so beständig und unaufgeregt, dass es mich nach einiger Zeit wieder in den Schlaf sinken ließ.
Seine Namen stehen seit einiger Zeit unumstößlich fest, ein Trost in düsteren Gedankengängen, dass es eines weniger sein wird, um das wir uns im Todesfall Gedanken machen müssten. Jetzt verabschiede ich mich von der Nacht und den Todesgedanken, das Licht und der Tag warten schon seit Stunden auf mich.
Spät dran heute, gefangen, gefesselt in der Dunkelheit…