Hoch lebe die Unverbindlichkeit

Das Internet ist der wohl einzige Ort, an dem man jemandem, der in seinem Blog eröffnet, bald sterben zu müssen, „Kopf hoch, ich schick dir ein paar Sonnenstrahlen“ schreiben kann, ohne dafür den Hintern versohlt zu bekommen.

Manchmal kann man sich nur an den Kopf greifen.

[direkt gefolgt von: „Hast du es mal mit Globuli versucht?“]

Gleichgültigkeit

Vielleicht ist das Schlimmste an diesem Zustand die alles erträglich machende und gleichzeitig so unerträgliche Gleichgültigkeit. Ich bin heute das erste Mal an unserem persönlichen Einkaufsobdachlosen vorbeigegangen und hatte keine Worte. Nur hässliche, zynische Gedanken, die mir so vertraut sind, weil ich damit aufwuchs und gegen die ich mich Zeit meines Erwachsenenlebens zur Wehr setze. War froh, dass er in die andere Richtung sah und ich mich nicht entscheiden musste…
Heute nur Sprachlosigkeit. Und Zynismus. Kein freundlicher Gruß, kein kleiner Plausch, die Nerven waren dafür nicht da.
Erinnere mich daran, wie ich Bahnhofsklos geschrubbt habe, um finanziell über die Runden zu kommen, irgendwie. Wusste nicht, dass es sowas wie Grundsicherung oder Sozialhilfe überhaupt gibt. Woher auch. Ich dummer gebildeter Mensch, damals. Und ich sehe ihn an und frage mich, wo heute das Mitgefühl hin ist. Eine Mischung aus überheblicher Arroganz und Gleichgültigkeit verurteilt ihn heute für einen Weg, den ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann.
Höre wie immer Kunden, die sich im Laden beschweren, dass der Bettler doch bitte mal weggescheucht werden soll, wie jedesmal.
Ein flüchtiges Gefühl durchweht mich, ist es Mitgefühl? Mitleid?
Ich frage mich, ob er das wohl haben wollte, oder ob ihm das Geld reicht, das ich ihm normalerweise da lasse.
Ob er in Kauf nimmt, verachtet zu werden, von jenen, die einen halben Meter über ihm ein bisschen Münzgeld in seine Schale fallen lassen.
Sehe vor meinem inneren Auge, wie ich meine Kinder jedes Mal vorher leise dazu anhalte, zu grüßen, das Geld persönlich zu übergeben, weil es ein Geschenk ist, kein Almosen.
Ob ihm das überhaupt auffällt oder wir nur weitere Dumme sind, die sein Leben finanzieren.
In Kauf nehmen… Käuflich sein. Das ist er. Er erniedrigt sich für Geld.

Wie die meisten anderen Menschen auch…

Wundheilung

Generell bin ich ja begeistert von Wundheilung bei Kindern.
Und so sieht die am Sonntagabend vollständig durchtrennte Lippe des Mottenkindes im Grunde hervorragend aus.

Das Bisschen, was da noch an Gewebe raushängt und das Loch im Oberkiefer nun mal außen vorgelassen, ist die Lippe seit Montag nicht mehr aufgeplatzt, blutet nicht mehr und die Schwellung ist auch deutlich geringer geworden.

Das Kind, das strenge Auflagen zu erfüllen hat bezüglich Ruhe und Berührungen an den offenen Wunden schert sich einen Dreck um Anweisungen und macht einfach weiter wie bisher.
Und ganz der Uropa meckert sie ab und an, dass die Fäden so stören würden – ob wir das nicht eben selber machen könnten mit dem Rausziehen.

Bis Freitag warten wir nun noch, dann kann auf jeden Fall ein Teil der Fäden schon mal weg.Und irgendwann im Laufe der nächsten zwei Wochen wird sich dann wohl auch unser Strohhalmverbrauch wieder normalisieren.

[Pudding durch Strohhalm – geht]
[Tomatensauce mit winzig kleinen Spaghettikrümeln haben gerade einen Tobsuchtsanfall ausgelöst]

Sack Flöhe…

Das Kind hat einen Haschmich und treibt mich in den Wahnsinn. Heute, ausgerechnet heute, mit einer frisch genähten Gesichtswunde, die alle paar Minuten aufreißt und dann wieder tropft, hat sie ihre Vorliebe dafür gefunden, sich im Kreis zu drehen und nach zwei Umdrehungen vor lauter Schwindel umzukippen und irgendwo anzuschlagen. Vorzugsweise mit dem Gesicht.

Sie macht mich wahnsinnig. Wahnsinnig. Sie ist draußen heute Morgen so oft hingefallen wie in einer Woche sonst nicht. Von hier drinnen mal ganz zu schweigen. Ständig stößt sie sich, fällt hin, dreht sich, lacht ein wenig irre und macht weiter. Sie darf nicht nach draußen auf den Spielplatz, nicht toben, sich nicht überanstrengen, nicht rennen, will nicht zuhören, basteln oder malen, sondern lieber kopfüber vom Sofa Salti üben. Sie.macht.mich.wahnsinnig.

Dazu sabbelt sie ununterbrochen (was sie natürlich auch nicht soll) und hört sich durch die Gesichtsschwellung an wie ein Seemann nach fünf Tagen Kneipentour. Nur lauter.

Unser Kinderarzt heute Morgen: „Sauber genäht, sieht gut aus.“

Motte: „Schab ja auch total tapffa schtillehalten! Schbin schonne grosche Mausch!“ Jetzt: Autofahren, weitere Kinder einsammeln.

Dabei ist sie wenigstens fest angeschnallt.

Auf Nimmerwiedersehen.

Vielleicht ist das mit der These vom Guten im Menschen einfach nur eine dreckig beschissene Art, die nicht ganz so Gestörten nicht vorzeitig in den Selbstmord zu treiben.
Geben wir ihnen doch was, an dem sie sich in kalten Nächten wärmen können. Jeder Mensch trägt etwas Gutes in sich… Haha. Selten so gelacht.
Wann genau habe ich mit diesem Scheiß eigentlich angefangen?

Gutes tun wollen, an das Gute glauben…?

Moral, Ethik, Anstand…

Eiternd

Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.

Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.

Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.

Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…

Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…

Ich sehe das Licht nicht mehr.

Wehen

Sie begleiten mich schon einige Wochen, immer mal wieder, immer nur kurze Zeit – eine Stunde, zwei Stunden… aber als deutliches Zeichen: Stopp – bis hierhin und nicht weiter.
Und so absurd es mir vorkommt, denn ich habe nur 3 Kinder, die auch noch in einem Alter, in dem sie notfalls wirklich alles alleine machen können und ein relativ geordnetes und übersichtliches Leben, ich mache langsam.
Ich watschle durch Supermärkte, über Spielplätze, durch die Gegend, ich brauche gefühlt 20 Minuten für 4 Treppen – ich watschle so durch mein Leben, um dieses Kind nicht zu gefährden.

Die einfachsten Sachen sind nur noch sehr eingeschränkt und sehr langsam möglich und das kotzt mich sehr an. Im gleichen Atemzug bin ich grundlegend dankbar, nicht liegen zu müssen, noch die Wahl zu haben, die Dinge überhaupt tun zu können, wenn auch auf eine Art, die mich innerlich Amok laufen lässt.

Ich bin unruhig, innerlich. Sehr. Meine Haut spiegelt meine Seele wie immer durch massive Neurodermitisanfälle, Juckreiz und Schmerzen. Meine Narben haben sich in den letzten Tagen dort wieder intensiv rosarot gefärbt, wo schon ein sanftes Perlmutt schimmerte, das ihr Alter verrät. Bah, alles. Erinnerungen hängen leuchtend bunt und kreischend in der Luft, wo ich auch hinsehe. Meine Mutter, an vorderster Front, und Ekel und Würgereiz überkommt mich.

Auch hier, Wehen. Geistig. Ich versuche, die Bilder zuzulassen, in sie hineinzuatmen, die Tränen zuzulassen, wenn sie kommen und Schritt für Schritt weiterzugehen. Ich bin sicher. Ich kann das. Ich schaffe das. Berührungen sind fast unerträglich geworden, mir graut es wie jedes Mal vor dem Stillen des Babys. Immer noch triggert gerade der Brustbereich auf grausame Art und Weise.

Ich sehe sie wieder vor meinem Bett sitzen, streicheln, sich langsam vortasten, mir in meine Abwehr sagen, ich solle mich doch nicht so anstellen…
Hier fahren die Wächter aus ihrem Schlaf und lassen mich in tröstender Dunkelheit versinken.

Und ich gehe weiter im Alltag. Aufstehen, mich um alles kümmern, 12 Stunden später dankbar sein, dass da noch zwei Hände sind, die die beiden Abendstunden übernehmen können, schlafen. Bis zum nächsten Morgen. Oft liege ich wach und denke über den nächsten Schritt nach. Keine Kinder mehr. Familienplanung abgeschlossen. Mein Herz schreit, wimmert, bittet… und der Bauch und der Kopf atmen auf. Ich merke, wie ich schwächer werde. Neunte Schwangerschaft. Mein Körper wehrt sich und ich verstehe ihn so gut.

Allein, mein Herz…
Wehen veratmen. Im realen Leben und auch hier im Schreiben.
Der Bauch kommt langsam wieder zur Ruhe, ich warte darauf, meinen Sohn heute vielleicht spüren zu dürfen, nur ein kleines Zeichen.

Vielleicht später.

Alternativen

Letzte Vorbereitungen fürs Wochenende, wenn wir auf ein Kindergartenkind und einen Säugling aufpassen.
„Wenn er brüllt, lass ihn ruhig schreien, bis er schläft.“
Äh.
[sehr philosophisch – was schadet dem Kind nun mehr? Das Brechen mit gewohnter Einschlafmethode oder die Einschlafmethode selber?]

Kausalketten

So dankbar, dass der Kobold endlich, nach endlosen Erklärungsversuchen, zu der Einsicht gelangt ist, dass die Größe der Brüste einer Frau nichts darüber aussagt, ob sie stillt, überhaupt ein Kind hat oder wieviel Milch sich darin befindet.
Vor Monaten kam er nach Gesprächen über das Baby aus einem mir unerfindlichen Grund zu der Erkenntnis, dass die Brust größer werden muss, wenn da auch noch Milch drin ist.
Fortan (und wir hatten sehr warme Frühlingsmonate hier) starrte er jeder Frau in den Ausschnitt und machte eine (sehr laute) Bemerkung über ihre Körbchengröße.

An der Kasse lief das dann so: ich bin mit Auspacken beschäftigt und der Kobold begutachtet die Frau vor uns, die ihre Sachen (vorneübergebeugt) in den Wagen packt. Dann kam wahlweise ein: „Mami, schauuuuu mal, die Frau hat aber SEHR große Brüste. Wo ist denn ihr Baby?“ Oder auch: „Mami, schau mal die Frau hat aber VIEL Milch!“
Die meisten Frauen nehmen das (relativ…) gelassen hin, wenn ich dann dem Kobold erkläre (haha, während er voller Faszination auf BRÜSTE starrt: „Mami, schau, wie schön die wackeln!“), wie es sich so verhält, aber ganz ehrlich? Es gibt schönere Arten, wie die eigenen Kinder auffallen…

Und weniger angenehm wird es dann im Umkehrfall: „Mami, schau mal, die Frau hat ein Baby. Aber wie wird das denn satt? Die Frau hat ja nur so kleine Brüste?“
Aber, ich wurde der Erklärungen nicht müde und wiederholte tapfer Mal um Mal, dass die meiste Milch erst gebildet wird, wenn das Baby trinkt und der Rest der Brust nur aus Fett- und Drüsengewebe besteht. Mal mehr, mal weniger.

Das schlug mir wenige Tage später schon aufs Butterende, als er einer Frau hinterherkuckte und laut bemerkte: „Die Frau hat aber sehr viel Fettgewebe an der Brust.“ Hargh.

Nun endlich, etwas Ruhe. Brüste werden nur noch fasziniert beäugt, aber nicht mehr sofort kommentiert. Meine Nerven befinden sich im Naherholungsurlaub, weil ich das Schlimmste dieser Phase durchstanden wähne, da kommt mir heute Morgen ein Gespräch mit einer Mutter dazwischen, das der Kobold belauscht, statt sich für den Waldtag fertig zu machen.

Es geht um Babynahrung. Sie sagt: „…und er bekommt jetzt fertige Milch aus der Flasche…“

Der Kobold blickt auf, ich ahne Schlimmes, versuche, ihn wieder zur Garderobe zu scheuchen, doch er lässt sich nicht irritieren.

Er blickt auf die Brüste meines Gegenübers und sagt voller Inbrunst: „Dein Baby kann aber trotzdem aus der Brust trinken. Auch wenn die so klein ist. Die ist doch prima!“