Adriano Celentano

Es ist mir kaum möglich, etwas von ihm zu hören. Jeder Ton beschwört die Erinnerung an meinen Großvater herauf, der ihm so ähnlich sah.

Exakt dieselbe Stimme, die mir immer und immer wieder Max und Moritz vorgelesen hat, dieses tiefe heisere Grollen, das auch Tote wiederauferstehen lassen würde.

Dieselbe Männlichkeit und auch Gewalttätigkeit, unfassbarer Charme, Charisma… aber allem voran diese Stimme, die bis tief in den Bauch dringt und alle Nervenenden vibrieren lässt. Absolute Dominanz, absoluter Schutz. Liebe. Geborgenheit.

In Momenten wie diesen wird mir klar, warum mein Vater ihn dafür gehasst hat, nicht von ihm geliebt zu werden.

Selbstbewusstsein

Manche Menschen vergessen völlig, sie selbst zu sein, weil sie so sehr damit beschäftigt sind, „Ich bin so anders!“ zu schreien.

[„Ich passe in keine Schublade. Es ist mir völlig egal, ob du mich da reinstecken willst. Ich passe da nicht rein. Ich bin ganz anders. Hörst du? HÖRST DU?“]

[Jeder beschäftigt sich eben so gut er kann]

Gesundheit

Als das backwütige Mutti heute im Kindergarten vor der Kaffeeklatschrunde der arbeitslosen Vollweibzeitmütter ihr absolutes Geheimrezept in Sachen Frosting raushaute, gruselte es mich schon im Vorübergehen, als ich etwas von einem halben Pfund Butter, einem Pfund Puderzucker, reichlich Frischkäse und „einem Schuss Sahne zum Glattrühren“ hörte. Uah.
Und seit wir das neue Elterncafe im Kindergarten habe, sitzen die da jeden Morgen mehrere Stunden bei Kaffee mit reichlich Zucker und Sahne und Törtchen mit ebendiesem Frosting, während die Kinder im Rahmen der Gesundheitserziehung nicht mal Marmelade mit in den Kindergarten nehmen dürfen.

Als ich auf dem Rückweg vom Giraffen- in den Mäuseraum war, in dem sich die Waldkinder sammeln, war das Gespräch mal wieder bei den neuesten Diätfortschritten angelangt.

Vier Frauen diskutieren bei Cupcakes darüber, warum das Gewicht einfach nicht fällt – und ich sage…

…nichts. Ich bin ein guter Mensch.

Verdachtsmomente

Der Mann stellt jetzt seit drei aufeinanderfolgenden Tagen den Duschkopf aus zweieinhalb Meter Höhe wieder nach unten.

[Das bedeutet, ich muss nicht hochschwanger unter der Dusche herumhampeln und versuchen, meine gute Laune zu behalten, während ich verzweifelt versuche, die bombenfest gedrehte Halterung loszuschrauben und/oder es mir wenigstens gelingt, den Duschkopf aus der Halterung zu lösen, um so zu duschen]

Das ist etwas, das in 6 Jahren nicht öfter als ein paar Mal im Jahr geklappt hat und ich starre seit 3 Tagen jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr im Bad fassungslos die Dusche an.

Am ersten Tag war ich freudig überrascht.
Gestern fand ich es seltsam.

Heute bin ich kurz davor, Amok zu laufen und auf der Suche nach seiner Affäre sein Büro zu stürmen und nach Beweismaterial zu suchen.
[zuhause hab ich schon alles durch]

Ich hab Hormone.

Gedankenarbeit

Erst Tränen vergossen, als ich eine Rede Nelson Mandelas hörte, der heute Geburtstag hat und dann an seinen Satz gedacht, der seit langer Zeit wie ein Stachel tief in meinem Fleisch sitzt: „Nur ein Mensch ohne Hass ist frei.“

Und so kommt mir mein eigenes Leben mal wieder wie eine endlose Aneinanderreihung von Rückschritten vor. Arbeit, Arbeit, Arbeit… Wann sich wohl der Knoten lösen wird…
Es gibt Antworten, die man nicht verstehen kann, wenn man die Frage stellen muss.
Und so ist der Griff zur Gitarre heute von einer melancholischen Grundstimmung begleitet, die mir Tränen aus Liebe und Hass gleichermaßen in die Augen treibt.

Just give me a steel guitar, a glass of wine

and let me drink to a love I thought was mine…

Gedankenmüde.

Schulidiotie

Jedes Kind kann innerhalb eines Schuljahres ein bis fünf Hausaufgabengutscheine gewinnen, erspielen oder geschenkt bekommen. Zum Geburtstag gibt es immer einen, der Rest kann bei Sonderaktionen erworben werden.
Ich finde die Idee großartig. Die Kinder können die Gutscheine aufbewahren und innerhalb des ganzen Schuljahres zum Zeitpunkt ihrer Wahl abgeben.
Hausaufgabengutschein heißt: Es müssen keine Hausaufgaben gemacht werden. Ohne wenn und aber. Soweit die Theorie bisher.

Nun kommt das Kind von der Schule und berichtet, dass alle, die dieses Jahr Hausaufgabengutscheine eingelöst haben, die fehlenden Seiten in den Arbeitsheften mal eben bis Montag nacharbeiten dürfen.

Entzückend.

Da muss man anscheinend erst mehrere Jahre studieren, damit einem der gesunde Menschenverstand abhanden kommt.

Gehirnfussel

Die Katze tobt mit den letzten Füllwatteflocken herum, die ich gestern nicht mehr weggeräumt habe. Das große Kind hat freudestrahlend das Haus verlassen, weil heute Mittag ihre Freundin mitkommt, die mich nach Nährwerten beim Mittagessen fragen wird und so Dinge von sich gibt wie: „Ich achte auf meine schlanke Linie.“
Sohnemann freut sich über seine neue Schlange und mein Herz geht auf, wie immer, wenn dieses so anstrengende Kind einen Moment lang seine Wut über Bord werfen kann und sich fallen lässt.
Das Mottenkind ist gutgelaunt wie immer. So ausgeglichen, voller Energie, fröhlich, liebevoll, dass ich mich frage, wie das sein muss mit diesem Gottvertrauen in sich und die Welt.
Ich habe in ihrem Alter mit schnüffeln angefangen.
Erst Klebstoff, später Aceton. Die private elitäre Kindergartengruppe, in die ich ab meinem ersten Lebensjahr gehen musste, nachdem ich seit meiner sechsten Lebenswoche durch wechselnde Kindermädchen betreut wurde, war in vielerlei Hinsicht exklusiv. Ich erinnere mich an Kellerszenen mit größeren Kindern, die Klebstoff auch gegessen haben. Mich hat immer nur der Geruch fasziniert. Und das, was er mit meinem Gehirn macht.

Als Chemikertochter hatte ich in unserer Wohnungsausstattung später auch leicht Zugriff auf alle anderen Arten von krebserregenden Stoffen.

Diese Minuten Traumland und Geborgenheit und Höhenflug haben eine Abhängigkeit hinterlassen, die mich sehr geprägt hat. In der Unschuld einer Dreijährigen fand ich es einfach nur grandios, was sich lange Jahre auch so gehalten hat.
Später erst kam die Angst dazu. Irgendwann, lange nach den Anfängen dort in diesem Kinderaufbewahrungsort.
Erinnerungslücken habe ich viele. Einige pulsieren schwarz, dunkel, blutrot… andere sind einfach nur tief im Grau versunken.
Ich versuche, richtig wach zu werden. Kopfschmerzen, Alpträume und das Gefühl auf den Zähnen, heute Nacht in einen dicht bepelzten Biber gebissen zu haben, hindern mich noch daran, ins Laufrad des Alltags einzusteigen. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Bekomme ich ausreichend Schlaf, muss ich diese kostbare Zeit abends mit mir selber und vor allem ohne Kinder wieder aufgeben.

Die Katze hat sich gut an ihren Einzeltierstatus gewöhnt. Fast drei Monate ist der dicke Perser nun nicht mehr da und sie ist nochmal deutlich zugänglicher geworden. Ihre Bisse gegenüber den Kindern entlocken diesen gerade mal ein leises Kichern, weil unsere reißende Bestie von vor drei Jahren ein ziemlicher Sofatiger geworden ist. Blut fließt hier schon lange keines mehr und eine Katze, die inzwischen zu den Kindern ins Bett schleicht um heimlich zu kuscheln und beim Hauen immer die Krallen einzieht, kann man als Feind nicht mehr ernst nehmen.

Natürlich versuchen wir, sie das nicht merken zu lassen.
Natürlich ist sie immer noch die aggressivste gefährlichste Katze des ganzen Landes und wir zittern innerlich ob ihrer Bösartigkeit.
Aber die Zeit, in der ich bei Berührungen Angst um mein Augenlicht hatte – die sind vorbei.

Enorm, was drei Jahre für einen Wandel bewirken können.

Was Zeit bewegt, wenn man sie loslässt…

Kino, mal wieder…

Nur noch ein Jahr, nur noch ein Jahr…

Die Klasse des Tochterkindes geht mal wieder ins Kino. Diesmal kein Zeichentrickfilm wie der letzte, den sie mit 5 Jahren sehen musste (ohne, dass wir im Vorfeld darüber informiert worden wären) und nach dem sie wochenlang Alpträume hatte – perfekt ausgewählt für das Seelenleben eines Kindes, das rein psychologisch gesehen dahingehend noch gar nicht voll ausgereift war, Fantasie und Realität zu unterscheiden.

Diesmal ist ja alles anders – diesmal ist das Kind ja schon 8 Jahre alt. Und immerhin wird an einem Freitag Mittag verkündet, dass man am Montagmorgen ins Kino gehen würde. Nachfragen nicht erwünscht. Diesmal ein Film mit echten Menschen und animierten Skeletten, Mumien und sonstigem. Aber lustig.
Hmhm. Ich kanns mir jetzt schon lebhaft vorstellen.
Ich kenne den Film und er ist ganz nett als seichte Unterhaltung. Für Jugendliche bis Erwachsene.

Und dem Himmel sei Dank haben wir das Ding im DvD-Regal stehen, so dass sich das Tochterkind nun am Wochenende in unserer Gesellschaft diese infantile Art der Unterhaltung mit Dialogen, bei denen ich meine eigene Kinder für Ausdruck und Wortwahl rügen würde ansehen darf und wir den Film vermutlich totquatschen dürfen, damit uns die darauffolgenden Nächte nicht aufs Butterende schlagen.

Aber wie sagte die Direktorin bei einem anderen Thema schon so schön vor eineinhalb Jahren? Die meisten Kinder im Alter des Tochterkindes sehen schon so viel Gewalt, die können das ab. Wenn unsere Tochter damit ein Problem hätte, wäre das nicht ihre Angelegenheit.

Japp. Wissen wir inzwischen. Danke für das Gespräch.