Angstpunkte

Ich beginne, meine Mutter zu verstehen. Saß heute Nachmittag über eineinhalb Stunden mit dem Mann im Bett und begann, zu verstehen. Dieses eng verwobene Geflecht aus Angst, Macht, Demütigungen, Missbrauch und Gewalt. Ich kann Dinge benennen, ich kann sie inzwischen ans Licht zerren, ohne dass sie zappeln und sich mit Bildern wehren, die mich dazu veranlassen, sie freizugeben und wieder in die Dunkelheit zu entlassen, von wo aus sie ihre Spielchen treiben können. Das ist für mich ein großer Fortschritt.
Ich betrachte für den Moment nur meine Mutter. Sie ist es, die mich Nacht für Nacht heimsucht und die die Bilder aus Erinnerungssequenzen und Alpträumen immer lauter auferstehen lässt.
Ich kenne diesen Zustand aus den Schwangerschaften und doch ist diesmal etwas anders. Es ruft. Nicht verlockend, dunkel. Sondern es ruft, mich mit ihm zu beschäftigen.

Es mitzunehmen ans Tageslicht, in meine Beziehung, in meinen Alltag. Um zu verstehen. Vielleicht. Endlich. Vielleicht nur ein bisschen.

Es drängt mich so sehr, meine Mutter endlich freigeben zu können. Sie entlassen zu können aus meinem Leben, aus meinen Träumen, meinen Ängsten, meiner Wut, meinem Hass, meiner Liebe… Da ist immer noch das Kind in mir, das schreit. Sehnt. Vieles ist klarer. Vieles darf ich hochholen, vieles betrachten.
Bei der Sexualität sperrt es sich. Vielleicht darf ich das gar nicht so sehr erzwingen, vielleicht kommt es automatisch. Versuche ich, an diese Bilder zu kommen, sie auszuhalten, überkommt mich nach wie vor nur der Ekel. Jede höhere intellektuelle Ebene ausgeschaltet, der Bauch nur noch ein Klumpen aus gellenden Schreien.
Nun ist mein Leben mit Sexualität angereichert, durchzogen und der Umgang damit kein leichter. Immer ist meine Mutter auch dort. Immer steht sie in der Ecke. Die Mauern sind mächtig und sie lassen mich nicht hinüberblicken.

Ich kenne diesen Schutz, ich weiß, er hat mir geholfen zu überleben. Und doch…

Da ist eine Antwort. Jetzt. Ich muss nur noch die Frage finden.

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