Ich hänge mich an Kleinigkeiten auf und lasse mich bremsen von Dingen, die nun mal so sind wie sie sind, wenn ich meinen eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werden will.
Und die lauten nun mal: Respekt vor dem biologischen Vater meiner Kinder. Trotz absoluter Sympathielosigkeit. Haha. Leider hat irgendwann vor einem knappen Jahrzehnt, als ich schon über 48 Stunden in katastrophalen Wehen lag, der damalige Ehemann Geburtstag. Und alles, worum er bat, war: Aber heute nicht mehr, ja? Ich brauch eh ne Pause, ich geh dann mal nach Hause.
Ruf mich an, wenn das Kind endlich rauskommt.
So ungefähr, ich mag dann Einzelheiten heute auch nicht mehr hochholen, weil es inzwischen wirklich irrelevant ist. Ich habe dann nach einer weiteren durchweinten Nacht mit Dauerwehen und dem absoluten Erschöpfungszustand meines Körpers den Ärzten das Okay für den Kaiserschnitt gegeben. Dass das alles in einer noch größeren Katastrophe münden würde, konnte ich damals nicht ahnen und trotzdem war es für den Moment damals die richtige Entscheidung. Was solls. Bedauern lösen andere Dinge aus.
Der Mann, der mich nach meinen Eltern so konsequent belogen und betrogen hat wie kein anderer, geht nun auf die 50 zu. Und hat auch nach so vielen Jahren immer noch einen Tag vor meiner Tochter Geburtstag. Und weil ich meinem Kind beibringe, dass Menschen, die sie liebt, umsorgt und respektvoll behandelt werden, werden wir an diesem Tag (wieder mal) Kuchen gebacken, Geschenke besorgt, geschmückt und Luftballons aufgeblasen haben. Hier, natürlich.
Und einen Tag später ist er natürlich auch da. Ist ja ihr Geburtstag.
Und ich gebe zu, dass es mir in meinem momentanen hormonellen Zustand deutlich schwerer fällt, das Richtige zu tun. Denn beteiligen möchte er sich ja auch nicht. Er möchte das größte Geschenk überreichen, alle anderen Geschenke abwerten, seins immer wieder hervorheben und sich den Rest des Tages an meinem Küchentisch aufhalten und sich durch Torte und Muffins fressen, das Mittagessen genießen und bloß nicht mit dem Tochterkind spielen, weil man sich dafür ja vom Essen wegbewegen müsste. Hatten wir alles schon, kennen wir.
Ich habe in meinem Leben oft erlebt, dass es sich nicht unbedingt gut anfühlen muss, das Richtige zu tun. Es muss nicht leicht fallen, Dinge zu leben, von denen man überzeugt ist.
Aber diesmal, dieses Jahr, so kurze Tage vor dem Entbindungstermin, da blockt wirklich alles in mir. Jede Faser meines Herzens, jeder Gedanke, alles schreit nein, nein, nein.
Ich weiß, ich muss das loslassen. Ich weiß, ich muss locker lassen. Und jedes ich sollte, ich muss, ich kann, ich weiß… sorgt für eine neue Blockade.
Ich bin nicht kraftlos, nicht mutlos, nicht mal erschöpft über mein normales Maß hinaus, allein, ich will nicht. Ich will das nicht. Ich will diesen Mann nicht hier haben, nicht in meiner Nähe, nicht in der Nähe meiner Kinder. Ich will nicht, dass er hier seinen Kuchen frisst, in meiner Küche herumsteht, seine dummen Witze macht, mein Leben mit seiner Anwesenheit besudelt.
Das hier ist mein ureigener Rückzugsort, den ich für meine Tochter öffne, wo ich diesen Mann ohne sie hochkant aus meinem Leben geworfen hätte, weil ich alles an ihm verabscheue.
Und im Moment geht es grad nicht konstruktiv.