Puzzleteile

Dir wird ja schon aufgefallen sein, dass ich in Gedanken oft mit dir rede.

Deine Kinder kommen hierher. Und weißt du was? Das ist ganz großartig. Es stellt sowohl unser Leben als auch unsere Planung auf den Kopf und rührt alles einmal ordentlich durch. Es wird anders werden als alles, was wir uns vorgestellt haben. Aber wem erzähle ich das? Ich bin mir sicher, sterben stand für dieses Jahr auch nicht auf deinem Plan.

Es wird nicht leicht werden, nicht einfach, nicht ohne Probleme oder Stolpersteine, aber es ist das Richtige. Auch wenn du das anders gesehen hast. Manchmal möchte ich mich fast bei dir entschuldigen, dass es nun alles so anders kommt, als du wolltest, aber ich verstehe dich nach wie vor nicht. Warum hast du sie direkt vor deinem Tod so weit von Zuhause weggebracht? Ich verstehe, warum DU 400km in den Norden ziehen musstest. Ich verstehe, dass du in der alten Heimat sterben wolltest. Am Meer. Ich verstehe das.

Was wolltest du für die beiden?
Wo sollten sie leben?
Hauptsache nicht in der Nähe ihres Vaters?
Was hat dich angetrieben?
Wir wissen es nicht.

Aber diese Entscheidung bedeutete, dass du zwei Kinder drei Monate vor deinem Tod von ihrem Zuhause, aus der Schule, aus dem Freundeskreis, von ihrem Großvater, der mit ihnen im selben Haus gelebt hat, wegreißen musstest, um das zu tun.

Die Richterin nicht, das Jugendamt nicht, die Pflegefamilie der Kinder nicht, wo sie leben, seit du ins Hospiz gekommen ist – sie sind nach dem Umzug dorthin ja mehr oder weniger auch sofort von dir weggekommen – sie alle tappen im Dunkeln. Deine Eltern wedeln mit 11 Jahre alten Briefen, die im emotionalen Ausnahmezustand einer Trennung geschrieben wurden und wiederholen in Endlosschleife, was für ein schlechter Mensch der Mann ist.

Was zur Hölle hast du dir für Gedanken für die Kinder gemacht? Und weißt du noch was? Das ist kein Angriff. Diese Worte könnten nicht weiter davon entfernt sein. Verstehen will ich dich. Muss ich.

Ich werde in ein paar Wochen deine Kinder hier bei mir aufnehmen. Sie erziehen und begleiten. Und ich werde auch dich mit hierhernehmen. Du bist ein Teil von ihnen, so wie sie ein Teil von dir sind. Das passt jetzt nicht gut zu dem Bild, das du vor so vielen Menschen in all den Jahren von uns hochgehalten hast, ich weiß das wohl. Wir hätten uns nicht rühren müssen. Nicht ein Stück. Haben wir aber. Wir stehen hier. Schon lange. Hilfe wolltest du nicht. Keine Unterstützung, keinen Kontakt, nichts. Wir haben das akzeptiert. Aber wir haben die Zeit genutzt, uns vorzubereiten. Unsere Kinder auf den Tag vorzubereiten, der nun bald naht.

Wir haben vor Jahren Kontakt zu dir herstellen wollen. Mit dem Jugendamt. Du hast das verweigert, auf ganzer Linie, gegen jeden Einwand.

Und es macht mich wütend und hilflos, wenn ich darüber nachdenke, was ich deinen Kindern von dir mitgeben soll.

Du hast nichts hinterlassen.

Ich habe jetzt eine Tüte voller Restsachen von dir bekommen. Wie soll ich wissen, was du deine Kinder von dir wissen lassen wolltest? Wir haben nichts. Wir haben Tüten. Und wir haben Müll. Wir haben weder Fotos noch Briefe noch irgendwas, womit wir dein Andenken mit Leben füllen können.

Das werden wir uns irgendwie noch zusammensuchen müssen. Weiß der Kuckuck, woher.Ich vermute, dass du dir in den letzten zweieinhalb Jahren sehr wohl Gedanken gemacht hast, was du ihnen mitgibst. Aber wo sind diese Sachen? Wir bräuchten wirklich ein wenig Hilfe. Ein Foto von dir. Ich brauche ein Foto von dir. Für unser Haus.

Verdammt noch mal, verstehst du das überhaupt?

Wir lassen dich nicht sterben, egal wie tot du bist.

Wetter

Die Nacht war grauenhaft. Das Gewitter hat abwechselnd drei der großen Kinder wachgemacht, die dann auch entweder Angst hatten oder nicht mehr schlafen konnten oder fragten, ob das ein Grund sein könnte, heute schulfrei zu bekommen. Nur das kleinste Kind zwischen dem Mann und mir kuschelte sich trotz des Getöses vertrauensvoll in die Kissen und schnurchte bei geöffnetem Fenster selig vor sich hin, während ich Gedanken wälzte.

Heute Morgen ist das Gewitter weitergezogen, nur der Regen nicht. Dicke Wolken verbergen meinen Berg, auf den ich seit fast 11 Jahren blicke, wenn ich aufstehe. Ach ja, Hochzeitstag haben wir heute ja auch nocht. Wie immer, wenn es Wetter hat (Nieselregen, Nebel, Schnee oder Wind), dürfen die Schönwetterkinder aus der Nachbarschaft nicht laufen.

Zur Schule laufen dürfen hier ohnehin die wenigsten, aber bei Regen ist der Strom von Kindern, der morgens um 7 Uhr an unserem Haus vorbeizieht, noch einmal dünner als ohnehin schon.

[Wie einer meiner Lieblings-Schuldirektoren jedes Jahr aufs Neue verlauten lässt: „Liebe Eltern, Laufen ist nicht schädlich für die Kinder. Auch nicht bei Regen.“]

Ich versuche, meine Arbeit vom Tisch zu kriegen, nicht zu viel über den anstehenden Hausbesuch des Jugendamtes nachzudenken und werde mich dann notgedrungen dem Haushalt zuwenden, den ich am Wochenende zugunsten von Freizeit ignoriert habe. Die unterspülte Terrasse verlege ich dann neu, wenn es wieder trocken ist.

In reißender Flut neuen Sand aufzufüllen, ist wohl eher sinnlos.

[wenigstens muss ich heute nicht gießen]

Vom Erblühen

Ich mache mir tausend Gedanken. Zu Organisation, Zeitplanung, zu allem Möglichen.

Neben all den Gesprächen mit Jugendamt, Anwälten, Gericht und Pflegefamilie ist es aber Zusatzkind1 und sein Bild von sich selbst, das mir am meisten Gedankenarbeit beschert. Einem Kind Selbstwert zu vermitteln, der nicht auf Reaktionen oder Wertvorstellungen anderer Menschen beruht, ist wohl eine der größten Aufgaben, denen man sich bei der Erziehung stellen muss.

Hier gilt die Regel, dass jeder sein eigenes Leben leben muss.
Jeder ist selbst für sein Glück verantwortlich.
Ich muss das Leben meiner Kinder nicht leben.
Keiner ihre Freunde muss ihr Leben leben.
Darum gibt es auch nur eine einzige Person auf der ganzen Welt, die ihr sagen kann, was für sie das Richtige ist.

Nun wird das Zusatzkind bald hierherkommen und sie kommt aus einer ganz anderen Welt. Eine Welt, wie die meisten Menschen sie kennen.
Eine, die aus emotionaler Erpressung, Druck, und Erwartungshaltung besteht.
Und die von keinem Menschen schlechter denkt als von sich selbst.

Sie verabscheut ihren Körper, ihr Aussehen, ihre Weiblichkeit und ihre Intelligenz. Es sind harte Worte, die sie für sich selber findet.

Was mache ich nur mit ihr?

Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, ich habe diese 14 Jahre Erziehungsarbeit nicht mehr zur Verfügung, ich kann das Kind doch aber auch nicht in dem Glauben lassen, dass das alles schon richtig sei? Ich weiß nicht, ob ich ausreichend darauf vorbereitet bin. Ich weiß nicht, ob ich ihr genügend Rüstzeug mitgeben kann.

Manchmal erscheint mir die Aufgabe, die vor uns liegt, als viel zu groß.

Norbert ist ein Idiot. [Lebe den Moment]

„Norbert ist ein Idiot!“ ist zurzeit wohl der meistzitierte Satz dieses Haushaltes.

Die Kinder sind große Minions-Fans und ich kann mich dem Charme der kleinen Biester auch nicht entziehen. Und da wir Partyzeit haben, habe ich meinen gestrigen Abend statt mit trüben Gedanken eben mit Ü-Eier-Bemalen verbracht, damit die Motte die Einladungen morgen mit zu seinen Freunden nehmen kann.

Auch die Party vom Kobold letzte Woche war eine großartige Ablenkung in all dem Trubel und die Überlegungen, die ich gestern schon vor dem Mann formuliert habe, reifen in meinem Kopf zu etwas, das sich fast wie Gewissheit anfühlt: Vielleicht liegt mein Fokus zu sehr auf dieser großen Umwälzung.

Ich kann in Gedanken kaum auf etwas anderes blicken als auf diesen Tag und die folgenden Wochen, wenn die Kinder endgültig zu uns kommen.

Jugendamtshilfe, Trauerbegleitung, neue Schulen suchen, neue Einrichtung – die Kinder kommen mit ihrem Koffer und vielleicht ein oder zwei Kisten persönlichen Habseligkeiten. Wir brauchen Betten, Matratzen, Kleidung, Schuhe, müssen die Zimmer oben umbauen … ich rotiere schon wieder, wenn ich nur daran denke.

Unsere gesamte Finanzplanung steht Kopf und wenn ich einen Blick darauf werfe, was wir bislang an Kosten hatten, dann mag ich kaum überschlagen, was uns dieses Abenteuer insgesamt kosten wird, bis alles in geregelten Bahnen verläuft…. Mein Gehirn verliert sich in einer endlosen Tirade aus Aufzählungen, Bedenken, Überlegungen, Zukunftsvisionen und roten Zahlen.

Und dann sehe ich in die kleinen gelben Gesichter auf meinem Schreibtisch. Der Alltag läuft unbeirrbar weiter. Und vielleicht ist das ganz gut so.

Mir fehlen meine Leichtigkeit und mein Lachen.
Und genau dies sind die beiden Dinge, die ich vermutlich am meisten brauchen werde.

Ein neuer Tag

Ich habe Kopfschmerzen aus der Hölle und beim Blick aufs Datum sehe ich, dass ich vor genau 19 Jahren das erste Mal geheiratet habe, um möglichst schnell von zuhause wegzukommen. Rückblickend betrachtet… ach, lassen wir das. Es hatte damals seine Berechtigung.

Vor 7 Jahren habe ich die Urne meines geliebten Großvaters über einen Friedhof getragen und später am Tag das allerletzte Mal meine Eltern gesehen. Lassen wir auch das.

Gestern Abend, als wir sechs alle wieder zusammen waren, haben wir das Wochenende aufgearbeitet. Wie erwartet kamen viele Tränen – Erschöpfung und Überforderung auf ganzer Linie. Besonders die Mediennutzung der Bonuskinder macht den Kindern zu schaffen.

Die ständige Beschäftigung mit Handy, Nintendo und Co., die keinen Raum für echte Interaktion lässt. Kein Blickkontakt, kein echtes Spiel.

Nur Ablenkung und Flucht in eine Welt, die die letzten Jahre ihre Realität geworden ist. Bei allem, was mich bewegt, schwebt drohend im Hintergrund die Frage: Wie mache ich das bloß?

Wieviel darf man Kindern zumuten?
Wieviel muss man ihnen nach dem Tod ihres Elternteils erlauben?
Ich kann nicht zwei Kinder in meine Familie aufnehmen und für sie völlig andere Regeln gelten lassen.
Ich kann sie aber auch nicht damit überfordern, ihre ganze Welt sofort auf den Kopf zu stellen.

Zeit.
Es braucht Zeit, die wir eigentlich nicht haben.

Wie schaffe ich es, die Bedürfnisse von sechs Kindern, die alle einer Situation ausgesetzt werden, die im Normalfall nie existent gewesen wäre – dazu das Durcheinanderbringen des gewachsenen Altersgefüges – so zu erfüllen, dass sich alle gesehen fühlen?

Und dabei weder mich noch den Mann noch unsere Beziehung aus den Augen zu verlieren?
Im Moment kann ich über meine Gedanken von letzter Woche – Das wird schon alles irgendwie – nur müde lächeln.

Sehr.müde.

Viel [zu viel]

Viele Einige Tage mit Kindern, deren Erziehung nach völlig entgegengesetzten Moralvorstellungen zu meinen stattgefunden hat. Deren Wortschatz zu einem relevanten Teil aus Wörtern besteht, die zu benutzen ich meinen Kindern verbiete. Kinder, die diskriminierende, sexistische und rassistische Äußerungen als normalen Bestandteil einer Unterhaltung sehen und die mit Pornos, Gewalt und Erwachsenenkram aufgewachsen sind.

Die nichtsdestotrotz jetzt zu uns gehören.

Meine Nerven liegen nach diesen Tagen blank.
Ich fühle mich überfordert.
Ich sehe, dass innerhalb von wenigen Tagen einige Dinge bereits im Wandel sind.
Ich sehe, dass sie verstanden haben, dass wir anders sind als sie das kennen.
Dass es hier nicht leicht für sie werden wird.

Dass es beispielsweise nicht akzeptabel ist, uns nachts um 2 Uhr zu wecken, weil man kein W-Lan hat.
Ich sehe, dass sie sich bemühen. Ich sehe es wirklich.
Ich weiß, dass wir das schaffen können.

Aber ich weiß nicht, ob wir es schaffen, ohne uns in den nächsten Jahren nervlich zugrunde zu richten.

Mehr Meer

Ich finde kaum Zeit, etwas aufzuschreiben. Ich finde kaum Zeit, meine Gedanken mal zu sortieren. Die Tage sind voll mit Planungen, Besuchen, Gegenbesuchen, Kennenlernen, Besprechungen, Geburtstagsvorbereitungen, Überlegungen und Umbauten.

Am Sonntag standen wir zu sechst am Meer. Lange.

Es war kalt und stürmisch und die Sonne ließ sich nur von Zeit zu Zeit mal zwischen den Wolken blicken. Während wir uns salzige Luft um die Nase wehen ließen, waren wir noch wir und die noch die.

Der Mann und ich blickten auf die endlose Weite hinaus und Seite an Seite hing jeder seinen Gedanken nach. Schaffen wir das wirklich? ist die allgegenwärtige stumme Frage, die wir in den Augen des jeweils anderen sehen konnten.

Acht Stunden später waren die plötzlich ein Teil von wir und wir fuhren mit einer klaren Antwort auf diese stumme Frage wieder nach Hause.

Ja. Wir schaffen das.

Heute.

Ich versuche, nicht durchzudrehen. Ich räume herum, putze Fenster, ich hänge Wäsche auf, ich versuche, so etwas wie Alltag zu leben. Und das funktioniert nicht sehr gut: In jeder Sekunde des heutigen Tages kleben all meine Gedanken an dem Geschehen 400 Kilometer von mir entfernt.

Was werden sie sagen? Was werden sie denken? Fühlen? Was wird der Mann denken? Mit welchen Eindrücken wird er mich gleich anrufen? Was wird er erzählen? Die möglichen Konstellationen sind schnell durchdacht, aber das bringt nur wenig Erleichterung. In meinem Magen formt sich ein Klumpen neben dem nächsten, Horrorszenarien geistern durch mein Gehirn und mir ist einfach nur schlecht.

Morgen

Morgen ist es soweit.

Hotel ist gebucht, das Treffen ist abgesprochen, der Ort wurde festgelegt, alle Beteiligten kennen ihre Aufgaben und dann wird es morgen ernst.

So richtig.

Und übermorgen wird es dann vor Gericht auch amtlich.
Ich schwanke zwischen erleichtertem Aufseufzen, dass es endlich weitergeht und panisch im Kreis laufen.

Und das ist im Grunde nur der erste Schritt.

Wenn es wirklich schlecht läuft, dann ist es auch der letzte.
Dann werden wir dafür sorgen, dass die Kinder eine gute Dauerpflegefamilie finden, in der sie sich wohl fühlen.
Wenn es gut läuft, dann besteigen wir ab übermorgen ein sich sehr schnell drehendes Karussell, das nicht mehr anhalten wird.

Zu acht.

Und weil es für uns alle sehr schwer ist, bei dem vielen wir-müssen-jetzt-erst-mal-abwarten nicht völlig verrückt zu werden, haben wir in den letzten Tagen erst einmal einen neuen Terrassentisch gebaut.

Für mindestens acht Leute.

Last

Wenn es einfach immer nur noch mehr wird und man kaum noch weiß, wie man die Last schultern soll. Wenn positive Gedanken und Worte fehlen. Wenn man nicht mehr abgrenzen kann, aber genau das so dringend nötig hätte. Wozu tun wir das? Nur, weil es das Richtige ist? Rennen wir sehenden Auges ins Verderben? Was, wenn es einfach nur immer grauenhafter wird? Was, wenn an diesem einen Kind und seinem Verhalten unsere ganze Familie zerbricht? Mutlos, heute Abend.