Geschmackssache

„Mama, ich hab den Alkohol im Schrank jetzt einfach mal probiert, der ist ja supergruselig.“

– Kobold? In diesem Haus gibt es keinen Alkohol?

„Doch, diese schwarze Flasche da, ganz oben im Schrank.“

Ich denke angestrengt nach.

– Diese… Ach! Die schwarze… Ja! Ja, Alkohol ist echt gruselig!

[Natives Olivenöl.]

Drahtseil

„Du gehst seit Monaten nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“

– Ja, ich kann nicht.

„Willst du sprechen oder soll ich einfach weitergehen?“

Es ist zu spät. Ich merke, wie sich die Dunkelheit öffnet.

– Mein Vater hat sich umgebracht.

Suizid, hämmert es in meinem Kopf. Es heißt Suizid. Aber es ist egal. Der einzige Mensch, der so roh und brutal und ungefiltert sagen kann, was er denkt und der mich ohne Kompromisse genauso annehmen kann, steht hier vor mir und ich bin so lange Monate vor ihm weggelaufen, damit ich die Mauern oben lassen kann, dass jetzt nichts mehr geht.

„Wichser.“

Ich nicke. Habe kein Verlangen, ihn zu verteidigen, auf seine Krankheiten und Schmerzen hinzuweisen, zwischen uns ist Platz für brutale Wut und den Hass, den ich mir verbiete.

Ich merke, wie die Maske der Menschlichkeit immer weiter sinkt und sie lockt mich. Wie sie das immer tut. Spüre den Wechsel, der sich ankündigt und weiß wieder, warum wir normalerweise telefonieren. Zuhause kann ich mich fallen lassen, kann abtauchen in die Welt, die nicht meine sein darf. Hier nicht. Verfluche mich selbst, dass ich nicht vorsichtiger war, dass ich ihr in die Arme gelaufen bin.

– Kein gutes Thema.

Sie nickt. Auch sie ist in der Öffentlichkeit und hier werden Grenzen toleriert. Das haben wir gelernt.

„Ich werde wieder anrufen.“

Ich nicke.

– Und ich weiß nicht, ob ich abnehmen werde.

„Vielleicht nächstes Jahr.“

– Ja. Vielleicht.

[Vielleicht. Vielleicht nächstes Jahr wieder.]

Dr. Batman

Der neue Zahnarzt hat an seiner Bürotür in sehr groß das Batmanzeichen hängen.

Er versucht bei wirklich jedem Termin, eine komplizierte Handschlag-Brofist-Geheimmove – Bewegungsabfolge zur Begrüßung zu performen und ich komme mir vor wie der letzte begriffsstutzige Körperklaus, der als Einziger die Etikette nicht kennt.
Heute immerhin 3 Moves geschafft.

Ich vermute irgendeinen perfiden psychologischen Trick für Angstpatienten.

Funktioniert.

Wie ich schon den ganzen Morgen vor dem Termin überlege, ob der Daumen jetzt hoch muss und wann der Ellenbogen kommt… Dazu die Panik, mich im Schal zu verheddern und ihm aus Versehen ins Gesicht zu schlagen…

Hab meistens schon zwei Betäubungsspritzen hinter mir, wenn ich mich geistig davon erholt habe.

Spiel

Ich bin der Überzeugung, dass jeder vernünftige Erwachsene spielen sollte.

Und in all dem Stress und der Hektik des Alltags ist Spiel die kostbarste Zeit, die ich mir nehme. Ich verbringe sie mit Menschen, von denen ich die meisten als Freunde bezeichne.

Heute in zwei Wochen tue ich gegen jede Vernunft das, was ich bei Release eines jeden neuen AddOns mache: Ich bleibe bis Mitternacht wach und spiele die Nacht durch. Das ist anstrengend, chaotisch, ich werde mich am nächsten Morgen dafür verfluchen, ich werde müde sein.

Ich bin 44 Jahre alt und bin knatschig, wenn ich nicht genug Schlaf bekomme. Mein Alltag hält nicht an. Kinder und Hunde wollen um 6 Uhr morgens versorgt werden, Termine lassen sich nicht schieben.

Und: Das ist es mir wert.

Ich freu mich wie blöd darauf. 💚

Von der Angst

Die Angst war lange Jahre die treueste Begleiterin des Kobolds.

Ich schätze, dass er heute darum auch so mutig ist, denn nur wer die Angst kennt, findet den Mut.

Sein schlimmster Feind war ein gleichaltriger Junge, mit dem er eingeschult wurde und von dem er tagein tagaus gepiesackt wurde. Erst war es nur ärgern, dann mobben, dann kam körperliche Gewalt dazu. Und ein Kobold kam jeden Tag weinend aus der Schule und schwor mir, dort nie wieder hinzugehen.

Ich versuchte alles. Wir haben viel über Notwehr gesprochen, aber allein die Vorstellung, jemandem weh zu tun, brach so verzweifelt über dem kleinen Jungen zusammen, dass er nur umso bitterlicher weinte. Einfach nur aufhören sollte es. Es hörte nicht auf.

Gespräche mit Lehrern, die nichts gesehen hatten, mit Pausenaufsichten, die Dinge sagten wie „Jungs halt“ oder „Dann soll er sich wehren!“ und es änderte nichts. Es wurde schlimmer und die Angst wurde größer.

Ich brachte den Kobold jeden Tag zur Schule und natürlich passierten diese Dinge nicht, wenn ich dort stand. Also legte ich mich auf die Lauer. Ungesehen, von beiden. Und es dauerte nicht lange. Ein Erstklässler wie ein Bulldozer – doppelt so breit und schwer wie der Kobold – und der seine Masse, seine Kraft und all seine Wut gegen andere Kinder richtete.

Er hielt den Kobold fest, schlug, lachte. Der Kobold weinte und wimmerte und schrie um Hilfe. Und ich sah rot. Ich stürmte auf den Schulhof, wutentbrannt auf diesen Jungen zu, bereit, mein Kind zu verteidigen. Ich hörte das Rufen hinter mir kaum, nur noch das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Er stand mit dem Rücken zu mir, drehte sich irgendwann um, während ich noch auf ihn zukam und ließ den Kobold los. Ich hob mein Kind auf den Arm und stellte mich vor ihn. Meine Stimme war leise und ich drohte. Unverhohlen.

Er nickte bleich.

Ich drehte mich um und ging. Holte die Sachen des Kobolds aus der Schule, erklärte den Lehrern, dass ich diesen Vorfall nur noch mit dem Direktor besprechen werde und jetzt mein Kind mit nach Hause nehme.

Im Rahmen der offiziellen Aufarbeitung dieser Vorfälle habe ich die Eltern des Jungen kennengelernt. In Gesprächen mit der Mutter eine Freundin gefunden und beim ersten Treffen auf ihren Ehemann erkannt, warum der Sohn ein Täter war. Viele Opfer werden im Draußen zu Tätern.

Es sollten noch weitere Jahre vergehen, bis dieser Junge das erste Mal bei uns zu Besuch war. An Wochenenden hier übernachtete. Dem Kobold ein Freund wurde. Ein Echter.

Und je älter die beiden wurden, desto weiter wuchsen sie zusammen. Bis der Krebs kam. Bis Dinge passierten. Bis der Hass in diesem Jungen wieder so groß wurde, dass der Hass irgendwo anders hin musste, um seine Seele nicht zu zerfressen.

Ganz abgerissen ist der Kontakt der Beiden nie. Wie auch. Mein großes Kind ist mit der großen Tochter befreundet, mein kleines Kind einer der besten Freunde ihres kleinen Kindes und die Zweitgeborenen konnten sich nicht aus dem Weg gehen. Nicht vollends. Wenn von 11 Kindern 6 regelmäßig miteinander Dinge unternahmen, dann sieht und trifft man sich nicht nur in der Schule.

Er hat sich über die Jahre einen besonderen Platz in meinem Herzen erkämpft. Von völliger Abneigung zu dem Bedürfnis, ihn zumindest ein Stück weit zu schützen, für den Teil, der in meiner Macht liegt. Und Sympathie. Ja. Da ist Sympathie für diesen kriminellen 2-Meter-Brecher von Jugendlichem, der säuft, raucht, Drogen nimmt und herumrandaliert und innen so klein und wund ist, dass ein Lächeln von mir reicht, um die Maske kurz sinken zu lassen und in meiner mütterlichen Umarmung weich zu werden.

Und nun?

Nun ist der einzige Mensch, für den er sich angestrengt hat, sich durchzubeißen, die Schule doch noch in Angriff zu nehmen, sich zu bessern, seine Probleme in den Griff zu bekommen, weg.

Tot.

Die Angst, die ihn während ihrer Krebserkrankung die letzten Jahre fast aufgefressen hat, dass seine Mama ihn verlässt, die erschlägt ihn nun. Er ist alleine mit ihm. Mit dem Vater, der ihn hasst. Alleine mit vier Geschwistern, drei davon jünger. Um die er sich jetzt alleine kümmern soll.

Stunden nach ihrem Tod diese Sätze von dem Mann, der nie ein Vater werden konnte: „Du bist jetzt verantwortlich. Du kümmerst dich jetzt um die Kleinen. Ich muss arbeiten. Das ist jetzt deine Verantwortung. Stell dich nicht an.“

Wie oft habe ich von ihr gehört, sie will nur so lange durchhalten, bis die Kinder alle für sich selber sorgen können. Nur noch diese Jahre. Das war ihr Mantra in unseren Gesprächen, wenn wieder eine Diagnose dazu kam. Dann mit fortschreitendem Verfall nur noch die Hoffnung, durchzuhalten, bis zumindest dieser Eine volljährig ist, damit er ausziehen kann

Es hat nicht geklappt.

Der Kobold ist da und hört zu.

Versucht, ein Anker zu sein, der ein Angebot bereit hält, wenn alles zu viel ist. Und ich habe Angst um dieses Kind. Schon längst nicht mehr um meines. Sondern jetzt um ihres.

Ich kann nur hoffen, dass er irgendwann erkennt, dass sein Mut fürs Leben nicht mit Mama zusammen gestorben ist, sondern irgendwo unter seiner ganzen Angst noch in ihm darauf wartet, dass er ihn findet.

Alpha

Ich finde den Begriff „Rangordnung“ immer etwas problematisch.

Die meisten Menschen verstehen darunter, dass das ranghöchste Tier automatisch die meisten Rechte hat und sie auch stets dominant einfordert. Ich stelle im Alltag das Gegenteil fest.

Das ranghöchste Tier ist das Nachsichtigste, das Liebevollste, das, was alle anderen und ihre Bedürfnisse im Blick hat.
Niemandes Verhalten wird mit so viel Langmut geduldet wie das der Schwächsten. Henriette klaut Asgard Essen? Ludwig legt seines in Asgards Richtung.

Henriette besteigt Ludwig mit Nackenbiss?
Was stört es die Eiche…

Asgard bekommt Plüschies, die er im Bettchen auch nicht verteidigen möchte? Dann spielen Lu und Hetty was anderes.

Das Kommando lautet ‚rough play‘?
Prima, dann geht es rund, während Asgard auf dem Arm ist.

Hinterher kuscheln die Hunde miteinander, das mögen nämlich alle [auch wenn Ludwig das Gegenteil behauptet] und da zeigt der Alpharüde dann tatsächlich mal keine Nachsicht: Der Sofalehnenplatz ist für den dicksten Schädel.

Außer dem Lämmi gehts nicht gut. [qed…]

Führung und Dominanz sind zwei grundverschiedene Dinge.