Vogelkunde

„Mami?“

– Kobold?

„Da ist ein Papagei in deinem Schlafzimmer.“

– Natürlich. Und was macht er da?

„Er kackt alles voll.“

[Butz, belehrend und brüllend von oben]: „ES IST EINE BLAUMEISE!“

Der Kobold brüllt zurück: „ENTSCHULDIGUNG, DU KLUGSCHEIßER!“
Wieder an mich gewandt: „Mami, in deinem Schlafzimmer ist eine Blaumeise und kackt alles voll.“

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern.

Allein der GeBUTZtag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben.

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.

Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.

Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Erde zu Erde

Die Bilder sind da.

Ein Video sogar.

Lauter Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie gehörten nur zu Deinem. Als die Asche verstreut wurde, sagte eine Stimme: „Wir hoffen, dass du jetzt glücklich bist.“ Und das hinterlässt gerade so viel Leere in mir. Glücklich. Dein Leben war am 20. Juli zu Ende. Bist du jetzt glücklich? Bin ich glücklich? Du fehlst mir. Ich hatte so oft das Handy in der Hand, habe gedanklich formuliert, was ich dir schreibe – es ist so viel bei uns passiert. Und da ist jetzt niemand mehr. Keine Großeltern, keine Eltern, keine Geschwister, niemand.

Der Trost wandelt sich manchmal in Einsamkeit. Habe mich in den vergangenen Wochen häufig gefragt, ob es nötig ist, dass auch ich noch gehe. Ob ich überhaupt Ende und Anfang zugleich sein kann oder ob auch ich meinen Platz räumen muss, um die letzten Erinnerungen mitzunehmen. Ich vereine alles auf mir, was niemals weitergegeben werden darf. Ich bin die Letzte, die sich an die Gräueltaten unserer Familie erinnert, welche Berechtigung habe ich, weiterzuleben, wenn ich diese Geschichte beenden will?

Die Tage werden gerade wieder etwas heller, die Schmerzen weichen, aber die Maske sitzt fest wie immer.

In mir tobt der Sturm.