Rituale

Der Butz besteht jeden Freitagmittag darauf, dass jedes Familienmitglied ihm aus Leibeskräften ein ‚HOCH DIE HÄNDE???‘ entgegenbrüllt, damit er noch am Tor stehend ‚WOCHENENDE!‘ zurückbrüllen kann.

Lasst sowas nicht einreißen.

[Es gibt Rituale, die wird man nicht mehr los.]

Agonie

Zu erschöpft. Zu erschöpft für alles.

Vielleicht kann ich irgendwann stolz auf diesen Tag sein, aber momentan ist da nur Müdigkeit und bleierne Schwere. Bin für mich eingestanden, ganz alleine. Habe beim Arzt geweint. Lange. Bitterlich. Habe ausgehalten, ohne in die Vergangenheit zu wechseln, obwohl die Betäubung nicht griff. Nach einer geschlagenen Stunde Kampf um ein bisschen Gnade in Form von Schmerzdämpfung: „Wenn ich gleich merke, dass der Zahn rauskommt, dann ziehe ich weiter, okay? Ich BRAUCHE dafür ihr okay.“ Das Adrenalin rauscht durch meine Adern und ich höre ihn kaum. Aber ja. Ja. Selbstwirksamkeit. Ich kann das. Ich habe die Wahl. Nur noch die nächste Minute aushalten. Nur 30 Sekunden. Nur 10 Sekunden. So wie ich früher gezählt habe. Nur einmal bis 10 zählen. Und dann nochmal. Nur noch einmal. Und noch einmal. 10 Sekunden kann jeder alles aushalten. Und nochmal. Ein Blut- und Tränenmeer. Heute war mir alles egal.

Der Kiefer schweigt seit 7 Wochen zum ersten Mal.

Machthunger

Ich dachte, zumindest den bulimischen Teil meiner Essstörung schon lange Jahrzehnte hinter mir gelassen zu haben. Der elementare Hunger holt das Machtgefühl wieder an die Oberfläche. Ich habe Macht über meinen eigenen Körper. Nicht mal Hunger kann mir etwas anhaben. Eines der elementarsten menschlichen Bedürfnisse überhaupt – das Bedürfnis nach Nahrung – ich stehe sogar darüber. Die Euphorie über die absolute Kontrolle weckt Erinnerungen an andere Zeiten. Mein Magen knurrt und es treibt mich weiter. Ich kann alles kontrollieren, alles lenken, mir kann niemand mehr etwas wegnehmen, wenn ich es mir selbst versage, mir kann niemand weh tun, wenn ich keinen Schmerz zulasse. Ich kenne mich, natürlich. Zu lange, zu gut.

Das Nadelöhr

8 Wochen sind es morgen, Dad.

Wir halten seit 8 Wochen alle Bälle in der Luft. Alle. Und wir können nicht mehr.

Das Nadelöhr, durch das wir gerade gehen, verspricht in all der Enge mehr Freiheit auf der anderen Seite.

Und trotzdem wache ich morgens auf und weiß nicht, ob ich es noch bis dahin schaffe. Es geriet alles in mir ins Wanken. Ich halte mich nur mühsam aufrecht, kann niemanden ertragen, der zu nahe kommt, stoße die wichtigsten Menschen meines Lebens zurück, weil ich kein Gefühl mehr ertragen kann. Keine Hilfe, keine Liebe, keine Umarmung, kein Zuspruch – ich ertrage es nicht mehr. Ich bin voll mit Gefühlen und wenn nur noch ein Tropfen hinzukommt, dann berste ich.

Ich merke, wie sehr mir unser Austausch fehlt. Wie oft habe ich schon zum Handy gegriffen, um dir kurz etwas zu schreiben. Da sind immer nur diese beschissenen beiden blauen Haken.

Morgen wird sich das Leben des Kobolds drastisch verändern und ich habe Angst. Nackte Angst.

Heute war auch dein Bouppteckning. Ich habe erste Zahlen gesehen und nach dem ein oder anderen Schreck hoffe ich, dass wir da irgendwie gut rausgehen. Du scheinst deine Versprechen gehalten zu haben. Weitere drei Monate warten, fordert das Gericht. Drei Monate.

In drei Monaten stehen wir kurz vor Weihnachten.

Der große Sohn wird hoffentlich auf die OP-Schmerzen nur noch als Erinnerung zurückblicken. Vielleicht planen wir dann schon die nächste OP für den Kleinen. Vielleicht bin ich dann einige der Schmerzen wieder los, die mich seit Wochen nicht mehr richtig schlafen oder essen lassen.

Ich möchte weglaufen. Ganz weit. Kann meinen eigenen Partner kaum noch ertragen, seinen Pragmatismus, seinen Intellekt, seine Vernunft, wenn in mir der Furor tobt. Wir knallen täglich aneinander, aber es ist keine Reibung mehr, nichts Positives, nur noch Kernschmelze.

Mein Neocortex treibt mich weiter.

Jetzt kein Risiko eingehen. Ich kann das. Immer nur noch einen weiteren Tag. Im Denken bleiben. Nicht die Instinkte übernehmen lassen. Alle Schutzschilde, alle Skills, alle Mechanismen, alle Strategien müssen 24 Stunden am Tag oben bleiben. Ich verliere mein ganzes Leben, wenn ich jetzt loslasse. Ich bin hart, unbarmherzig. Gegen mich, gegen andere. Ich bin unfair. Und ich weiß das. Ich will Dankbarkeit für die beiden Menschen empfinden, die mich gerade durch den Alltag peitschen, aber ich kann nicht.

Die Schmerzen – gerade die Zahnschmerzen – nehmen mir die wichtigste Beruhigungsstrategie, die ich jemals hatte: Essen.
Ich habe Hunger.
Schon längst nicht mehr nur nach Nahrung.
Meine Seele verzehrt sich nach Gewalt, nach Blut, nach Sex, nach einem Urknall.

Ich will fallen. Ganz und gar. Will mich der Dunkelheit ergeben und alle Verantwortung loslassen. Will nicht mehr denken müssen, die Maske runterreißen und von jemandem geführt werden, der das Rohe an mir aushalten und lenken kann.

Ich weiß nicht, ob ich zurückkäme.

Ich wurde erschaffen, um die tausend Splitter eines Selbst zusammenzuhalten.

Ich bin das Regulativ.

Was, wenn ich verschwinde?

Ich bin müde.

Sichtweisen [Urteile]

Als der Butz mit eineinhalb Jahren das Alphabet mit Kreide an unsere Hauswand schmierte, war er ein cleveres Kerlchen.

Als er mit zweieinhalb Jahren als gehörlos diagnostiziert wurde, war er ein dummes Kind, das vielleicht die Förderschule schaffen würde.

Als er nach den ersten Operationen losstammelte, war er der hörbehinderte Stotterer, der unter Umständen irgendwann vielleicht ein fast normales Leben führen könnte.

Als er nach 9 Monaten Logopädie perfekt sprach und drei Jahre Wortschatz aufgeholt hatte, war er ein Wunderkind.

Als wir darauf drangen, dass er im Kindergarten gleich in die Vorschulgruppe kommt, waren wir Helikoptereltern.

Als er mit 4 die Schuleingangsuntersuchung gesprengt hat, und sofort in die zweite Klasse sollte, waren wir aufmerksame Beobachter, die ihr Kind optimal fördern.

Und so geht das für Eltern immer und immer weiter.

Man wird immer auf Menschen (auch Ärzte) treffen, die mit ihren Urteilen, basierend auf dem viel zu kleinen Ausschnitt, den sie überhaupt sehen können, bei der Hand sind.

Nicht beirren lassen, nur weitermachen.

Winken

Der Kobold fährt auf Klassenfahrt. Ein paar Eindrücke.

Ein Vater prüft mit Daumen und Kennermiene den Luftdruck des hinteren Busreifens.

„Yo Alter! Hast du Sonnencreme mit für deine weißen Flecken? Wir wolln mal stabil ohne Hautkrebs braun werden!“
[Peergroup läuft.]

Mehrere knapp 2 Meter große Jungs tragen apricotfarbene Onesies, einer hat seine kleine Schwester auf dem Arm, einige Mädchen enthaaren gerade das Bein des Kobolds mit Kaltwachsstreifen, zur Begrüßung wird reihum gefistbumped.
[Klassengemeinschaft läuft auch.]

Ein Mädchen mit Krähennest auf dem Kopf, einem blauen Jogginganzug und einem Becher Kaffee in der Hand fällt aus dem Auto ihrer Eltern.
Ich liebe sie spontan.

Der Kobold bekommt indessen eine Flechtfrisur und eines der Mädchen fuhrwerkt ihm mit MakeUp im Gesicht herum.

Die obligatorischen Witze der Lehrer, die Ruhe zuhause doch zu genießen.
Einige nicken und strahlen.
Mehrkindeltern rollen müde mit den Augen.

Der Parkplatz sieht auch bemerkenswert aus: Es reiht sich Porsche an Porsche, mittendrin steht mein giftgrüner Elefant.
Der Kobold beim Ankommen: „Können wir mal irgendwo NICHT das auffälligste Auto haben?“
[Immerhin finde ich meines gleich spontan wieder.]

Der Rucksack eines Jungen wird von seinen Freunden durchsucht, alles ausgekippt.
Beim wieder Einräumen höre ich ein anerkennendes „Geil, Diggi. Keine Kippen. Du packst das! Wir ziehen das durch!“
[Ich habe das Bedürfnis, alle zu umarmen.]

Das Kaffeemädchen scheint wach zu werden. Menschen beginnen vorsichtig mit ihr zu interagieren.

Mein Sohn steigt mit Hochsteckfrisur, enthaartem Bein und dezentem TagesMakeUp in den Bus.

Bei Klassenfahrten wird gewunken, also turne ich mit den anderen Eltern um den Bus herum, um den Sitzplatz meines Kindes zu finden.

Ich habe den Kobold gefunden.

Sein Arm liegt um blaubekleidete Schultern, ein Kopf mit hochstehendem Gestrüpp ruht an seiner Halsbeuge.

Er grinst, ich lächle, wir winken.

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.

Niemand nach dir.

Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander. Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt. Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder.
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.

Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.

Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert – ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat – wir tanzen nicht in den Abgrund.

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns beiden das jemals möglich gewesen wäre.

Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne.

Und danke für alles.