Gewichtung

Ich kann mich oft nicht gut auf Menschen einstellen, deren Lebensmittelpunkt nur ein Teilaspekt in meinem ist.
Ich lebe mit Kindern, drehe mich aber nicht um sie.
Ich liebe meine Hunde, aber letzten Endes sind sie Haustiere.
Der Mann ist mein Gefährte, nicht mein Lebensinhalt.

Und wenn ich merke, dass der Fokus meines Gegenübers nicht nur phasenweise sondern ununterbrochen ausschließlich auf einem oder zwei Themen liegt und er auch nicht in der Lage ist, die Blickrichtung zu wechseln oder mal mit mir mitkommt, ist das für mich mitunter echt schwierig.

Kobold

Autsch. Diese Bemerkung hat richtig wehgetan.

Und jetzt klopfe ich mir erst einmal auf die Schulter, dass ich weder geweint habe noch wütend geworden bin, sondern nachdrücklich meinen Standpunkt klargemacht habe.

Und gehe ins Bett.
Wie ein erwachsener Mensch, der etwas Trost braucht.

[Und wieviel Größe beweist ein fast 18jähriger junger Mann, der Stunden später zu mir kommt, sich für Ausdruck und Wortwahl entschuldigt und ein Friedensangebot macht, mit dem wir beide gut leben können?]

[Jetzt dann doch Tränen. Aber die anderen.]

Stephan.

Die Nacht war hart.

Alles mit den Träumen der Babys ist hart. Heute war es zwar mein Eigenes, aber es sah aus wie Stephan. Er war es. Und er war es wieder nicht. Ich habe ihn schreien gehört, wie jede Nacht, aber diesmal war das kombiniert mit einer der Feuerübungen, die ich machen musste, ich war also wieder in dem verqualmten Raum in dem schwedischen Haus eingeschlossen, aus dem ich mich befreien musste, weil mein Vater die Abzugsklappe des Kamins im Zimmer nebenan zumachte, dann Feuer entzündete aber statt nur mich selber retten zu müssen, schrie ununterbrochen das Baby, von dem ich nicht wusste, wo es sich befindet.

Die letzte Übung dieser Art ist jetzt fast 3 Jahrzehnte her, Stephan noch mal viele Jahre weiter zurück und trotzdem…

Zumindest die Erinnerungen an den Traum verblassen mit zunehmendem Tageslicht, die Echten bleiben mir erhalten.

Mein Vater liebte die psychischen Versuchsaufbauten. Es faszinierte ihn zeitlebens mehr als jede andere Kategorie. Wie lange hält ein Kind Schmerzen aus, wenn man ihm den Ausweg gibt, es in Ruhe zu lassen, wenn es selber stattdessen einem anderen Wesen Schmerzen zufügt? Wie weit kann man das steigern? Wie lange muss man eine Fünfjährige foltern, deren einziger Ausweg ist, dasselbe einem Baby, einem geliebten Tier, einem Gleichaltrigen anzutun? Ich weiß nicht, was mit Stephan ist.

Aber ich kann seine Schreie hören.

Immer.