Begegnungen

Butz und ich packen gerade Einkäufe in Tourbus, da kommt ein ausgemergelter Mann in einem dreckigen abgetragenen Anzug auf uns zu und fragt, ob er kurz stören darf.

Ich nicke ihm lächelnd zu und schaffe es noch, Butz kurz an den Fuß zu treten, damit er den Schnabel hält.

Aber Butz wäre ja nicht Butz, wenn er nicht laut und vernehmlich empört „Aua!“ sagen würde, also versuche ich ihm mit ähnlichem Erfolg einen Mutterblick zuzuwerfen, aber auch dagegen ist er ja immun und fragt „WAS?“.

Ich wende mich dem Mann zu: ‚Wie kann ich Ihnen helfen?‘

Er zeigt auf die große Kiste Obst und Gemüse, die wir gerade eingeladen haben und fragt leise, ob er vielleicht eine unserer Bananen haben könnte, er hätte so Hunger.

Butz setzt zum Sprechen an, ich ahne Schreckliches und ziehe ihn in meinen Arm, bis er nach Luft jappst.

Ich kann in den Augen des Mannes sehen, dass er spätestens jetzt überlegt, ob er an Verrückte geraten ist, aber ich will ihn ja nur schützen. Das weiß er natürlich nicht.

Ich krame einhändig in meiner Tasche, reiche ihm einen Zehner und sage, er soll sich kaufen, was er möchte.

Butz quakt unter meiner Achsel unverständlich einen Vortrag über Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ich kann nur hoffen, dass der Mann nichts davon verstanden hat, während er sich mit einem Schwall Dankesworten rückwärts von uns entfernt und beschwichtigend winkt.

Auf der Rückfahrt dann eine ausufernde Diskussion über passende und unpassende Gelegenheiten, mit Leuten ihre Lebensumstände zu diskutieren und ein Satz, der mein Herz hüpfen ließ.

„Mami? Ich glaube, es ist ganz schön demütigend, andere Leute nach Essen fragen zu müssen.“

[Ja.]

Language!

Furioses Kind auf 180 platzt zur Tür herein, Butz steht mit mir in der Küche, schaut beim Kochen zu und spitzt interessiert die Ohren.

„MAMA!!!“

Erzähl, Motte!

„Du weißt doch, dieser R., der immer Tittenbilder von den Mä..“

„Brüste.“

„Was?“

„Es sind Brüste, keine Titten.“

„Ja okay. Auf jeden Fall hat der jetzt ein Schwanzfoto gesch..“

„Penis.“

„Als ihm seine Freundin im Keller einen geblasen ha…“

„Oralverkehr.“

„DAS IST KEIN BIOLOGIEUNTERRICHT, DU NERVKRÖTE!!!“

„Ich glaube nicht, dass das eine Tierar…“

[Ich konnte ihn in letzter Sekunde an mich ziehen und aus ihrer Reichweite schieben. Er lebt noch. Aber es war knapp.]

Divine

Ich bin ja einer gewissen Dramatik durchaus zugetan, aber morgens um halb 7, wenn schlecht gelaunte Kinder meine Lebensentscheidungen kritisieren, fehlt mir dann doch das notwendige Verständnis, um das Schauspiel genießen zu können.

Außerdem muss ich eine Art Gottheit sein, anders kann ich mir nicht erklären, wie ich für das Wetter, Schulnoten, die weltpolitische Lage und dafür, dass ein anderer Mensch seinen zweiten roten Socken nicht findet, gleichzeitig verantwortlich sein kann.

Atmen

Butz appariert ohne vorheriges Anklopfen im Badezimmer während ich dusche:

„Ich suche Ludwig.“

Butz, er liegt da auf der Badematte, wo er immer liegt, wenn ich dusche.

„Ich habe außerdem ein technisches Problem.“

Dann warte darauf, dass Papa von der Arbeit kommt.

„Okay.“ Er lässt sich resigniert auf den zugeklappten Toilettendeckel sinken.

NICHT! HIER!

[Meine Güte.]

Rettungsaktion

Am Wochenende habe ich mit der Kriegerin die seit mehreren Jahren tapfer vor sich hinsterbende Grünlilie aus dem Zimmer des Mannes geholt und geschaut, ob wir sie vielleicht päppeln können.

Die wenigen schlaffen weißgelben Blätter hängen erschöpft über den Topfrand.

Der überwiegend braune Teil der Restpflanze zerbröselt bei Berührung, in einem letzten Kraftakt der Verzweiflung hat sie noch ein paar traurige Kindel hervorgebracht, die auf der Suche nach Wasser einzeln an langen Trieben versuchen, die Flucht zu ergreifen.