Der Bund fürs Leben

So, wir kommen langsam wieder im Alltag an, das Hochzeitsadrenalin schwindet allmählich, übrig bleiben wunderbare und sehr emotionale Erinnerungen an ein gelungenes Fest und an die allerschönste Braut, die es überhaupt hätte geben können.

Mein Baby ist verheiratet.

Ich musste bei den Feierlichkeiten sehr die Tränen zurückblinzeln, als die Braut kurz durch und durch älteste Schwester war und den Butz mit den Worten an ihre Seite holte: „Komm, du sitzst neben mir, ich erklär dir alles und wir machen das zusammen! Keine Panik!“

Ich liebe diese Kinder.

Da fehlt doch einer?

Wir werden von der Vermieterin des Ferienhauses begrüßt, sie blickt freudig auf Ludwig und Henriette, die neben mir stehen und fragt:

„So schöne Tiere! Aber hatten Sie nicht drei Labradore angemeldet?“

Asgard kreischtweint aus dem Kofferraum von Tourbus

Sie: „Ah. Da ist ja der Dritte.“

Hochzeitsvorbereitungen

Ludwig hat endgültig mitbekommen, dass ich packe und zerrt Decken wieder aus Taschen heraus, maßregelt die anderen Bären, hängt mir am Hosenbein und badet in Dramatik, im Hintergrund sagt Butz den Tagesablauf auf.

[Ich spüre mein inneres Enton…]

Butz wiederholt mantraartig den Ablauf des morgigen Tages und jedes Mal, wenn er eine neue Information erhält, geht es wie beim Spiel „Ich packe meinen Koffer“ von vorne los.

Ich schrei gleich einfach nur noch laut vor mich hin.

Ich bin ja auch so fucking unkorrekt in meinen Angaben.

Dann muss er wieder googeln und findet heraus, dass es 332km statt 330km sind und solche Sachen.

„Wer hat sich um unsere Freistellung von der Schule gekümmert?“

Papa.

„Ah gut, da kann man sich ja drauf verlassen, dass das geklappt hat.“

[Entschuldigung?]

Zwillingsseelen

Der Kobold und die Kriegerin sind im Grunde genau die Zwillinge, die die Koboldschwangerschaft hätte hervorbringen sollen und sie vollziehen die meisten Entwicklungsschritte gemeinsam, trotz 2 Jahren Altersunterschied.

Aktuell erwarte ich mit Spannung, ob der Kobold jetzt mit der kleinen Schwester seinen Führerschein wieder in Angriff nimmt, vor dem er sich seit zwei Jahren drückt.

So wie er an ihrer Hand – wenn sie dann soweit war – auch den Sprung zu so vielem anderen geschafft hat.

Ambivalent

Wie kann man so hin- und hergerissen sein, wenn es um etwas eigentlich Schönes geht?

Mein Kind heiratet. Und ich will der Einladung nachkommen.
Und das bedeutet, dass ich mit ihm an einem Tisch sitzen muss. Etwas, das ich endlich nicht mehr tun musste, seit sie volljährig ist.

Und ich habe mir geschworen: Nie wieder. Ich entscheide mich dafür, mit diesem einen Menschen keinen Kontakt mehr zu haben. Weil ich das endlich wählen darf nach 16 Jahren, in denen er mich nie hat vergessen lassen, dass gemeinsames Sorgerecht für mich vor allem darin besteht, dass ich ihm uneingeschränkt Rechenschaft schuldig bin.

Wenn die Umstände nicht wären, könnte ich mich vorbehaltlos freuen? Und ich wusste doch, dass der Tag kommen würde, an dem ich ihm wieder begegnen würde? Ich weiß nicht, ob er noch manchmal an die Vergewaltigungen denkt. Ich weiß nicht, ob er noch weiß, wie er mich in der brennenden Wohnung ans Bett gefesselt zurückgelassen hat. Ich weiß nicht, ob er noch daran denkt, wie er mir das Schlüsselbein gebrochen hat.

Ich vermute, es hat keinerlei Relevanz mehr für ihn.

Shame on me

„Es gibt nichts, das ich nicht mit dir haben wollen würde.“

Und dann nimmt man das über all die Jahre angesammelte Vertrauen zusammen und formuliert das, was die eigene Bestimmung ist und riskiert nichts weniger als die eigene Seele und…

…scheitert.

Ekel

Ich warte auf den Zusatz. Auf eine weitere Nachricht, irgendetwas, das das relativiert, was ich immer und immer wieder lese. Ich kann die Worte inzwischen auswendig und sie verändern sich einfach nicht. Egal, wie sehr ich mir jedes Mal, das ich vorne beginne, wünschte, sie würden es tun. Ich verstehe, was ich lese, ich begreife es nur nicht. Ich hätte alles darauf gewettet, dass dieser Text einen anderen Inhalt haben würde. Alles. Ich war mir so sicher in meiner Hoffnung, in meinem Wünschen, dass ich nun umso begriffsstutziger versuche, zu verarbeiten, was mir das Herz herausreißt. Selten habe ich mir mehr gewünscht, das Alles oder Nichts ablegen zu können, mich von den Krumen ernähren zu können, die mir hingeworfen werden, endlich zur Erkenntnis zu gelangen, dass ein halbvolles Glas besser ist als ein leeres, aber es gelingt mir nicht. Ich lebe immer im Maximum, immer im Superlativ und was mir mein Leben lang als Manko verkauft wurde, lässt mich hier und heute erneut scheitern. Zu viel. Mal wieder. Zu viel Gefühl, zu viel Erwartung, zu viel alles. Der wilde Ritt in einer Gefühlsachterbahn wie meiner, den nimmt man gerne mit, wenn es zu den eigenen Höhepunkten geht, aber ich für mich war immer zu viel, wenn es hart auf hart kam. Ich zittere, mir ist kalt, mein Magen krampft sich zusammen, ich muss mich übergeben, ich kenne all diese Symptome. So fühlt es sich an, wenn etwas Existentielles in einem stirbt. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich will schreien, ich will weinen, ich will anklagen, wüten, schlagen, aber da ist nur dieser große Berg Schmerz, der mich erdrückt und jedes andere Gefühl auslöscht. Ich öffne die Nachricht erneut. Wenn ich sie nur häufig genug lese, dann verlieren die Worte vielleicht irgendwann ihre Fatalität, lassen mich innerlich abstumpfen, ausbluten, bewegen nichts mehr. Aber fürs Erste schnürt sich mir erneut die Kehle zu, bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, verpufft jedes Aufkeimen von Gefühl in Hoffnungslosigkeit. Ich kann es nicht glauben. Es kann nicht wahr sein, es stellt alles in Frage, woran ich geglaubt habe, mir fehlt vielleicht nur ein Puzzleteil, es richtig zusammenzusetzen, dass es ein anderes Bild ergibt als das, welches die Worte zeichnen.

Drei Stunden. Es wäre genug Zeit gewesen. Der Ekel kommt hoch, wie sehr ich mich exponiert habe.

Wie lange Stunden ich in der Nacht mit mir gerungen habe, ob ich etwas so Großes in Worte fassen soll, ein ultimatives Risiko eingehend, etwas so Intimes zu enthüllen.

Ich wünschte, ich hätte es nie getan.

Deeskalationsexperten

Ich rege mich über Menschen auf, diskutiere hitzig mit dem Kobold und rede mich maximal eskalativ gerade in Rage, da bemerke ich sein immer breiter werdendes Grinsen.

Ich will meiner Empörung über diese Repsektlosigkeit Ausdruck verleihen, da zeigt er hinter mich:

Die Hunde konnten meine Aufregung nicht einsortieren und brachten mir verschiedene Dinge zur Beruhigung.

Hinter mir türmen sich also Kissen, Dreckwäsche und Plüschis zu einem Berg auf, Ludwig zerrt seine Decke gerade aus dem Bettchen und Asgard hält mir ratlos eine Socke hin.

Zuständigkeit

Butzi, du warst doch mit Papa im Erdgeschoss, bevor er zur Arbeit fuhr – er hätte dir doch was gegen deine Kopfschmerzen geben können, warum hast du ihm denn nichts gesagt??

„Also bitte! Er ist doch an Wochentagen morgens gar nicht für mich verantwortlich!“

[…]

Zwei Gleiche

Ich schau gerade die Neujahrskönig-Videos durch und was ich bemerkenswert finde:

Beim Wettpuzzlen bei Stroboskoplicht haben alle anderen Kontrahenten so schnell wie möglich Puzzleteile gegriffen, umgedreht, hingelegt, dem Gegner weggenommen, gebrüllt – extrem dynamische Duelle.

Dann kam die Kaffeekränzchenrunde: Der Mann gegen den Butz. So sitzen die beiden dann also gemütlich im Blitzlicht und drehen erst mal in aller Seelenruhe alle Teile um, legen den Rand fertig, sortieren beide Puzzle auseinander und beim Zusehen erinnert das „Duell“ sehr stark an einen regnerischen Nachmittag im Senorienheim.

Beide schweigen, legen sich ab und an höflich ein paar Teile hin, die nicht in das eigene Puzzle passen und beenden das Spiel schlussendlich nach der fünffachen Zeit.