Generalprobe

Die Proberunden für den Neujahrskönig sind in vollem Gange und als der Mann mit verbundenen Augen eine Minute auf der Stelle marschieren musste und erst am Ofen, dann im Wassernapf und schlussendlich im Leergut gelandet ist, lagen die Kriegerin und ich vor Lachen am Boden.

Kinderpuzzle mit Fäustlingen haben die Kriegerin und ich auf Herz und Nieren getestet und ich fühle, dass das ein ziemlich lautes Puzzlen wird, wenn diese schlüpfrigen kleinen Teilchen sich nicht von der Tischplatte heben lassen.
Himmel, hab ich geflucht.
Und verloren.

Ich drucke derweil eine komplett leere Weltkarte in 20 Teilen aus und der direkt hinter mir wie ein Affe von den Deckengriffen hängende Butz schafft es irgendwie gleichzeitig zu zählen, Länder mit Hauptstädten aufzusagen und Klimmzüge zu machen.

Der Kobold kommt vorbei, schnappt sich einen Teil von Europa, stöhnt: „Oh bitte keine Länder!“ und hält das Blatt Henriette hin: „Friss es!“.

Der Familienrat hat beschlossen, dass das Hundespiel wiederholt wird, weil das Schwiegerkind zum ersten Mal dabei ist.
Episch, als jeder einen Hund aussuchen musste um sich mit Essen belegt auf den Boden zu legen und nur mit Stimmkraft den Hund von sich fernzuhalten.

Butz hat sich immer noch nicht davon erholt, dass er sich sicher wähnte, Ludwig zu nehmen, Ludwig dann den Raum betrat, in aller Seelenruhe die Mortadella vom kreischenden Butz fraß und sich danach auf den Sessel legte.

Missverständnisse [Ernüchterung]

Der Butz ist nach 8 (9?) Operationen ja inzwischen in der Lage, ein weitestgehend unauffälliges Leben zu führen, aber manchmal merkt man den fehlenden Prozentsatz Gehör dann doch noch.

Es sind ‚die Mohnbrötchen‘.

Er dachte bislang, sie heißen ‚Dämonenbrötchen‘.

[Und das finde ich jetzt so traurig.]

8 Wochen, 1 Tag

Acht Wochen und einen Tag nach positivem Test.

Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn immer noch nicht wieder.
Ich kann den Mann nicht mehr riechen, die Kinder nicht, das Wetter und die Natur nicht, all meine Lieblingsgerüche nicht und ich finde mich in der Welt nur noch unzureichend zurecht. Es ist ein herber Verlust, den ich massiv betrauere.

Ich habe jeden Zugang zu meiner Sexualität verloren. Meine Libido, die seit 20 Jahren mit diesem Mann ununterbrochen hochtourig läuft, ist einfach verschwunden und das ist ein nicht in Worte zu fassender Tiefschlag in unserem Leben.

Ich bin schwach – in jeder Hinsicht. Ich brauche lange Erholungsphasen, ich denke immer noch langsamer als gewöhnlich, ich kann nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig tun, jede Handlung, jeder Gedanke, alles, was mir jemals mühelos zugänglich war, erfordert Anstrengung und resultiert in Erschöpfung, die umfassender ist als bloße Müdigkeit.

Meine Defizite erfordern im Moment einen Großteil meiner Kraft, um Fähigkeiten auf ein normales Maß zu heben. Die Aggressivität ist noch immer laut in mir. Ich stelle eine gewisse Kompromisslosigkeit fest, die mir im Normalfall fremd ist. Ich mag mich oft selber nicht mehr.

Meine Gehirnchemie hat sich massiv gewandelt und ich wechsle trotz krampfhaft diszipliniert eingehaltenen Tagesplänen so oft wie zuletzt Anfang bis Mitte 20. Es scheint kein Regulativ mehr zu geben, das es uns ermöglicht, dies irgendwie zu kontrollieren und das macht mir panische Angst.

Mein ganzes Leben ist auf Prinzipien und Regularien aufgebaut, um genau diesen einen Punkt so berechenbar machen zu können, wie es irgend möglich ist. Und wenn ich unkontrollierbar wechsle und sollten dabei tiefere Ebenen wieder freigelegt werden, hat nichts mehr Bestand, wofür ich seit Jahrzehnten arbeite.  Ich bemühe mich, die Tage so zu nehmen wie sie kommen, aber in so viel emotionaler Unsicherheit wie ich sie momentan auch hier zuhause erfahre, fällt es schwer, so etwas wie Zuversicht oder Hoffnung zu schöpfen.

Botengänge

Ich meckere die Hunde an:

Der Mann bringt doch nur Gutes vor Weihnachten, hört ihr wohl sofort auf zu bellen!
Der Postbote hinterm Tor trippelt hin und her: „Also vielleicht nicht IMMER NUR Gutes…“

Ach, Papperlapapp, Sie sind doch hier der hauptberufliche Weihnachtsbote!

Er zappelt weiter, ist sichtlich unangenehm berührt, ich bin irritiert.
„Also… vielleicht… ist heute nicht sooooooo weihnachtliche Post dabei…“

Er streckt mir einen farbigen Umschlag entgegen und verzieht das Gesicht.

Ich blicke auf die förmliche Zustellung des Gerichts, auf die wir schon warten und lache. – Alles gut, wir wissen, was das ist!

Er sackt in sich zusammen: „Uff, was ein Glück, ich dachte, ich versau Ihnen den Tag, Sie sind doch immer so fröhlich!“

[Ist das süß!]

Rückblende

Die Kinder entdecken eins der neuen Spiele für den diesjährigen Neujahrskönig und fünf Minuten später muss ich drei 13-19jährige Kinder mit quietschenden Gummihämmerchen in der Hand davon abhalten, sich gegenseitig und die singenden Frösche abwechselnd totzuschlagen

Das hat übrigens echten emotionalen Erinnerungswert. Früher sind wir einmal im Jahr zu Toys’r’us gefahren und dort vor dem Laden stand so ein gigantischer Automat mit hochploppenden Fröschen, die man mit einem echt harten Gummiknüppel runterschlagen musste.

Jedes Spiel hat 2 Euro gekostet und wir standen da nach dem Einkauf komplett verschwitzt, schreiend und uns gegenseitig mit Gummiknüppeln schlagend vor dieser Maschine und jeder hat versucht, mehr Frösche zu erwischen als die restlichen Familienmitglieder.
Es war barbarisch.

Bob der Baumeister feat. Rambo

Haben wir dann auch klären können, dass Butz sich bislang bei der Ansage, er trägt bei der Hochzeit der großen Schwester eine Weste überm Hemd eine modische Zwischenlösung aus Heimwerkerbedarf, Baustellenwarnweste, Munitionsdepot eines Specialforcemitglieds und Schwimmhilfe vorgestellt hat.

Mit Reflektorstreifen.

NPC

„Du bist wie der allernervigste SideQuestGeber EVER, Mami! Man macht irgendwas Wichtiges, die Welt retten oder so und dann kommt man an dir vorbei, muss plötzlich Wäsche mitnehmen, beim Kochen helfen, die Tiere versorgen oder sonst irgendeinen Kram! Immerhin hast du Kekse!“

Präzision

Und Butzi, wer war alles da?

„Meinst du, wie viele Leute sich im gesamten Indoorspielplatz befanden oder möchtest du wissen, wer aus meiner Klasse da war?“

[Jupp. Mein Fehler. Zu spät in die Fremdsprache gewechselt.]

O Holy Night

In der Eröffnungsphase bei Butzis Geburt habe ich während der 4 Stunden bis 9cm Muttermund alleine in der Dunkelheit im Wohnzimmer auf einem Kissen gesessen – das Fenster zur sternenklaren Nacht geöffnet – und habe in Dauerschleife ‚O Holy Night‘ von Mariah Carey gehört.

Es ist vielleicht DIE kraftvollste und friedlichste Erfahrung meines gesamten Lebens.
Wannimmer ich es in den vergangenen 13 Jahren gehört habe, war ich sofort wieder Teil dieser kompromisslosen Verschmelzung von mir mit dem Universum.

Es ist ein Geschenk wie kein anderes.

Gottes Sohn

Ich singe in der Küche beim Kochen vor mich hin:
Oh my lord, when in the crib they found him,
oh my lord, a golden halo crowned him…

Der Kobold streckt seinen Kopf in die Küche:

„Du singst wieder von meiner Geburt?“