Stolz

Kobold, ich bin übrigens sehr stolz auf dich, dass du das mit der Arbeit so durchziehst!

„Ich auch! Du hast ja KEINE Ahnung, wie anstrengend es ist, zweimal in der Woche für fünf Stunden zu arbeiten!“

[Nein. Natürlich nicht.]

Covidnachwirkungen Tag 23

Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt – weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher.

Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts.

Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich.

Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen – wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe.

Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand.

Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere.

Zwei ganze Sinne, einfach weg.

Tierschutz

Butz hält skeptisch die Metallgitterkugeln für die Meisenknödel hoch und fragt, was das sei.

Das ist für die Vögel im Winter, Mausi.

Schweigen. Blicke.

Alles gut, Butzi?

„Ist das nicht Tierquälerei?“

Die Weihnachtsmäuse

Ich bitte die Kinder, mir die Weihnachtsdekoration vom Dachboden zu holen.

Kurz darauf gellende Schreie vom Dachboden, gefolgt von einem dumpfen Knall, danach weitere Schreie.

„MAMA! IM ROTEN WICHTEL LEBT EINE MAUSFAMILIE!“

[Ich hasse diese kleinen behaarten Bumsknödel]

Suspekt

Mein Winterschneeball wurde gerade geliefert und ich erkläre dem Sohn begeistert, dass dieser Schneeball von November bis März blüht, woraufhin Butz misstrauisch den Strauch beäugt und fragt:

„Was stimmt nicht mit dem?“

Covidnachwirkungen Tag 13 – Freitag

Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als „vorhanden“ wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch.

Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung – sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen.

Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.

Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.

Apex Predator eben.

Covidnachwirkungen Tag 12 – Donnerstag

Davon aufgewacht, dass ich den Mund voller Blut habe. Nach dem Übergeben festgestellt, dass ich im gesamten Mund aus dem Zahnfleisch blute. In einer Stärke, die an starkes Nasenbluten erinnert. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, es bleiben pochende Zahnschmerzen. Der Husten ist wieder schlimmer geworden, der Allgemeinzustand im Gesamten aber eigentlich besser. Irgendwie. Immer noch wochenbettähnliche Periodenblutungen ohne Pause.

Bin erschöpft davon, zuzusehen, wie Maike und Tobias nach überstandener Erkrankung einfach wieder in den Alltag wechseln.

Covid(nach?)wirkungen Tag 10 – Dienstag

Die Träume bringen mich um. Sie sind zu lebendig, zu echt, zu nah an Erinnerung und Erleben, als dass ich sie morgens beiseitelegen könnte, damit sie verblassen. Ich wache auf, fahrig, verzweifelt, voller Schmerz und Seelenpein, weil das, was ich träume, nicht von der Realität zu unterscheiden ist. Ich muss mich versichern, dass sie noch alle da sind, dass ich unversehrt im Bett liege statt wieder irgendwo angeschnallt zu warten, was mit mir gemacht wird, dass ich sicher und warm und behütet bin und dass sie alle tot sind. Es braucht seine Stunden im Hier und Jetzt, bis ich mich nicht mehr in Agonie krümme, sondern den Neocortex mit so vielen Eindrücken gefüttert habe, dass er wieder die Kontrolle übernimmt und mir glaubt, dass das alles 30 Jahre und nicht 30 Minuten her ist.

Es ist anstrengend und ich bin müde und zu Tode erschöpft.

Ich habe schon so lange nicht mehr auf diese Art geträumt.