Durchlässigkeit

Meine engsten Vertrauten sind Menschen, die – Überraschung! – sich hervorragend zusammenreißen können. Sie nutzen dafür ähnliche Methoden wie ich – selbstverletzendes Verhalten, Betäubung durch Essen/Alkohol/Rauchen/anderes, Sarkasmus, Ironie, Bissigkeit, schwarzer Humor – und bleiben dabei stets für sich, weil sie schon als Kinder gelernt haben, dass in diesem Leben niemand kommt und einen rettet. Die Grenzen, die sie dabei verteidigen, um nicht echte Gefühle zulassen oder gar zeigen zu müssen, sind absolut.

Auch das erinnert mich an mich selber.

Wenn ja doch niemand kommt und dir hilft, warum sollte man dann das Risiko eingehen, und auch noch Verletzlichkeit zeigen? Sie macht einen doch nur schwächer. Noch hilfloser, als man ohnehin schon war? War in den Händen der Menschen, deren Aufgabe es war, einen zu lieben und sich um einen zu kümmern doch nur eine weitere Waffe, mit der sie dir Schmerz zufügen konnten, wenn du deinen Schutzwall aus Unaufmerksamkeit oder im irrtümlichen Glauben, es sei jemand für dich da, sinken lässt. Natürlich lernt man aus diesen Fehlern, die nie welche waren, die dich aber dazu verdammt haben, ein Leben im Überlebensmodus führen zu müssen, selbst heute, wo diese Menschen so fern in der Vergangenheit liegen und du all das nicht mehr brauchst.

Aber so funktioniert Trauma.
So funktionieren Mechanismen.

Die Traumaantwort sichert heute nicht mehr dein Überleben, sie ist sinnloses Überbleibsel aus einer Zeit, in der sie dir gut diente und inzwischen ohne echte Funktion über dich herrscht.

Und was ist das für eine Schreckensherrschaft, wenn sie alle deine Gedanken kontrolliert? Ich habe erst in den letzten Jahren mühsam gelernt, dass Zusammenreißen nicht dasselbe ist wie echte emotionale Regulation.

Emotionale Regulation ist durchlässig, mauert nicht.
Steht auch in Verletzlichkeit und Schmerz ruhig für sich, ohne in eine dieser Verhaltensweisen zu kippen.

Ich habe von all diesen Verteidigungsmechanismen endgültig die Schnauze voll. Will in einem sicheren Umfeld das, was ich mein Leben lang als Schwäche empfunden habe, kommunizieren und leben, um mich nicht weiter selbst zu verleugnen.

Ich will keine Wirdschons, keine Alleswirdguts, keine Mussjas, keine Witzchen, keine Hilftjanix‘ mehr, ich will Begegnung.

Im Zusammenspiel und in Beziehung zu Menschen, die das anders leben, muss ich mich zunächst nur um mich selbst kümmern, ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich ändern kann.

Die Liebe zu ihnen berührt das alles nicht, wohl aber meinen Umgang mit mir in solchen Situationen, in denen ich mich davor schützen will und muss, wieder in meinen eigenen Mechanismus zu kippen.

Struktur

Jetzt wo das kleine Kind für etwas längere Tage weg ist, merke ich erst, wie sehr unser aller Alltag auf sein Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung ausgelegt ist. Und automatisch entspanne ich. Lasse Dinge liegen, lebe in einem Rhythmus, der mehr meiner als seiner ist. Hier ist zum Glück (bis auf den Mann) niemand mehr, den das stört und so muss ich auch keinen Aktionismus ertragen, bei dem jemand versucht, meine Nachlässigkeiten noch schnell aufzuholen, sondern es darf einfach liegen bleiben und ich fühle dabei so viel Freiheit und Ruhe. Das fängt in der ritualisierten morgendlichen Hektik an, die mehr einer einstudierten Performance gleicht als einem Alltag, den ich freiwillig leben würde, aber ihm ausreichend viel Sicherheit und Struktur vermittelt, um in seinen Tag zu starten.

Die Worte, die Handlungen, die genau bemessene Interaktion, das repetitive Aneinanderreihen von jahrelang gewachsenen Verhaltenselementen und das Wissen darum, dass bei einem Fehltritt der Meltdown oder schlimmer Shutdown droht. Ich nehme es im Alltag nicht so sehr als Zwang wahr, aber jetzt, wo er fehlt, ist das Durchatmen in mir deutlich spürbar. Ich habe entschieden, diese Tage zu genießen, obwohl ich mir Sorgen mache, wie er zurechtkommt, was ich hinterher auffangen muss und ich ihn mit jeder Faser meines Mutterseins vermisse.

Mein Baby.

Mein Nesthäkchen.

Und mein besonderer Butz.

Gefühl

Es stürmt. Eiskalt. Mit widerlich nassen, großen Schneeflocken, die mir ins Gesicht gepeitscht werden.

Innerhalb von Sekunden sind meine Haare, mein Schal, mein Mantel weiß und mein Gesicht eingefroren.

Und weil ich inmitten einer Welt, in der niemand auf irgendetwas außer sich selber achtet, auch unter Menschen alleine bin, löst sich endlich die Sehnsucht aus meinen Augen und läuft mir über die Wangen. Alles egal und doch so schmerzhaft.

Begegnung

Ich trage so viel Schmerz in mir.

Übergangsschmerz zwischen dem gewesenSein und dem Werden, das noch so wenig Form hat.

Ich sehe meine Tochter, die so fruchtbar und wunderschön hell leuchtend in eine Zukunft startet, in der ihr ganzes Universum auf ein Wesen ausgerichtet sein wird, das sie lehren wird, was Liebe wirklich bedeutet.

In mir ist nur Traurigkeit, Erschöpfung, Rückzug und Verletzlichkeit. Ich bin das Ende von etwas, das mir lange selbstverständlich war. In der Begegnung mit ihr reiben diese zwei Lebensphasen so schmerzhaft aneinander, dass ich mutlos zurückbleibe. Meine Identität als Mutter endet. Ich war fast zweieinhalb Jahrzehnte lang ausschließlich die Mama. Die Starke, die, die trägt, die eine existentielle Aufgabe hat, die niemand in Frage stellt.

Ich habe Mutterschaft gelebt, vollständig, intensiv, mit jeder Faser meines Seins. Eine Identität, die mir Sinn gegeben hat. Ich verlasse also nicht nur eine Phase meines Lebens, ich verlasse eine jahrzehntealte Daueraufgabe, die mein Nervensystem strukturiert und alles um mich herum gehalten und getragen hat.

Ich habe reguliert, erzogen, gehalten, getragen, ausgeglichen, geführt, geleitet, ermutigt, habe zugehört, war emotional ununterbrochen für alle in meiner Umgebung verfügbar. Und obwohl ich davon so müde bin, trauere ich. Ich trauere um die Version von mir, die sich so lange so sicher war, was ihre Berufung ist.

Das, was jetzt folgt, hat keinen gesellschaftlich akzeptierten Namen außer alt.

Im Patriarchat verliert eine Frau nicht nur Jugend, Schönheit und Fruchtbarkeit, sondern vor allem an Wert.

Und ich merke das.

Jeden Tag.

Maßstab

Was der Mensch in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung als Intelligenz definiert, ist im Grunde nicht mehr als eine durch Mutation bedingte Überfunktion zu vieler neuronaler Zusammenschlüsse, die dafür sorgen, dass die ach so reflektierte Krone der Schöpfung Zeit ihres Lebens eine explosive Mischung aus Kindheitsprägung, Traumaantwort und Mechanismus bleibt, die versucht, sich ihre Nutzlosigkeit durch Sinn, Aufgabe und Bedeutung schönzureden. Dabei könnten wir dem Universum egaler nicht sein. Es kräht kein Hahn danach, ob wir existieren, was wir tun und warum wir handeln. In spätestens drei Generationen wird sich niemand mehr an unsere Namen erinnern.

Die Stimme in unserem Inneren? Gewissen, Moral, Ethik, die wahnhafte Illusion, „richtig“ handeln zu können? Nicht existent. Wir reden uns ein, dass die Gemengelage in unserem Kopf mehr sei, als nur das Produkt aus schmerzhaften Kindheitserinnerungen, Erziehungswunden, Lieblosigkeit und rudimentären Überbleibseln von Instinkten, die wir schon seit ewigen Zeiten nicht mehr benötigen. Dabei formt sie nur dauerhaft die größte Lüge, die wir uns jeden Tag selbst erzählen. Eingesperrt in Körper, die wir von Anbeginn selbst zerstören, getrieben von der Jagd nach einem Hirngespinst namens echter Liebe, von dem wir nicht ablassen können bis wir uns fortgepflanzt haben.

Das pathologische Streben nach Glück, Weisheit und Optimierung vertreibt uns die Zeit, bis wir auch für unseren Nachwuchs wahrhaft nutzlos geworden sind. Ab diesem Zeitpunkt kämpfen wir verzweifelt gegen unsere stetig feuernden Synapsen, die uns nur zu deutlich fühlen lassen, dass die Kaskade aus Angst und Schweigen in unserem Kopf unser Ende ankündigt, während wir noch erbärmlich strampelnd versuchen, allem irgendwie einen Sinn aufzuzwingen, gefangen in einem Leben, das im Vergleich zum Großen und Ganzen schlichtweg bedeutungslos ist.

Ausmisten

Weiter geht die Sortiererei. Seelenreißen, als ich in die Jahre komme, in denen wir so viele Kaninchen hatten. Da sind sie alle.

Meine Herzenstiere. Inzwischen warten wir nur noch darauf, dass die letzten Tiere, die wir hier abgeliefert bekommen haben, ihre Leben zuende gelebt haben. Keine Babys mehr, nur noch Altenpflege. Nur noch Ende, wo mal Leidenschaft war. Meine geliebten Kaninchen sind inzwischen alle tot. Es tut weh, ihre Bilder zu betrachten. Das war immer meine Tierart. Aber wozu noch? Sie binden mich ans Haus, wieder niemand da, der auf sie aufpassen oder sich vernünftig um sie kümmern würde, wenn ich nicht kann. Niemand, der das außer mir noch wollen würde.

Ich lösche also Fotos und behalte meine Erinnerungen, die nur für mich noch Wert haben. Beim Memory bemerkt, dass viele Kaninchen, die dort auf Fotos vertreten sind, von den Familienmitgliedern gar nicht mehr zugeordnet werden können. Die Namen, nur noch Schall und Rauch.

Ich bin traurig. Weiter Fotos sichten, weiter löschen.

Neubeginn

Besuch abgebrochen, als ich gemerkt habe, es macht so keinen Sinn. Mit weinendem Herz, ein letztes Mal. Immer noch eine Organisationsfrage, wie ich es anstellen soll, dorthin zu kommen. Viele schmerzhafte Wahrheiten gehört. Viel Streit abgefangen, viele Verletzungen getröstet, viel den Mund gehalten. Meine Unwichtigkeit und Vergänglichkeit deutlicher gespürt als ohnehin schon.

Der absolute Supergau dann am Abend.

Ich weiß allmählich nicht mehr, wozu noch.