Lebendigkeit

Ich weiß es doch eigentlich besser.

Es ist ganz allein meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich mich nicht der Gefahr aussetze, in einem Umfeld zu leben, in dem ich ständig unter Strom stehe und in 100% der Zeit wachsam sein muss, weil sonst meine Grenzen überschritten werden.

Ich wusste, dass ich mich weder auf Versprechen noch Beteuerungen verlassen kann und ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann passiert, dass alles in mir kippt.

Und bei Gott, hat sich das gut angefühlt. Endlich echtes Gefühl, endlich Resonanz, endlich Präsenz.

Nie wieder! skandiert die eine Seite in mir.
Mehr! brüllt die andere.

Druck

Keine Zeit, keine Zeit…

Morgens um 7 Uhr die ersten 10 Kilo Putz anzurühren, um die Wände fertig zu bekommen, damit man nach dem Abtrocknen dann das Esszimmer endlich streichen und fertig machen kann, so lange zu fünft in der kleinen Gartenküche ohne Tisch einfach beim Essen herumzustehen oder zu sitzen oder sich gedrängt an die Arbeitsplatten zu stellen, jede Minute kann der Anruf kommen, dass die Geburt losgeht, die Esszimmerschränke stehen aktuell vor meinen Schränken, in denen sich die Karten und das Geschenk zur Geburt befindet, dazu die Autofahrschulkatastrophen der beiden Chaotenkinder, der Marder hat erneut das Autokabel angenagt, ich habe keine Ahnung, wann ich wie wo was am besten machen soll, ich bin mitten in der depressivsten und hoffnungslosesten Phase meines Lebens und laufe nur noch auf Hochfunktionalität, ich weiß das.

Ich betreibe Raubbau an meinem Körper, an meinem Geist und an meiner Seele und habe oft so dunkle Gedanken, die zäh wie flüssiger Teer an mir kleben und sich weder abschütteln noch abwaschen lassen, also schleppe ich mich mit ihnen durch die Tage, immer weiter, immer weiter, gehetzt von einem äußeren Umstand nach dem nächsten, nichts mehr im Griff, nichts mehr unter Kontrolle, einfach nur noch mitlaufen, rennen, kriechen, immer weiter.

Meine Unfähigkeit, mich begreiflich zu machen, belastet nicht nur mich, sondern auch meinen Gesprächspartner und wo ich Grenzen kommuniziere, ernte ich nur Unverständnis und selbstzentrierten Fokus, der mich unsichtbar, unbegreifbar, unwichtig macht.

Nicht mein Inhalt wird gehört, sondern die Form, was schwer ist, wenn jemand wie ich nur noch mit dem Rücken zur Wand versucht, sich schreiend, wütend, innerlich verzweifelt weinend Gehör zu verschaffen; wo Worte nicht auf emotionalen Resonanzboden sondern intellektuelle Analyse fallen.

Tiefpunkt

Dachte ich doch die gesamte vergangene Woche, der Tiefpunkt wäre erreicht, setzt das Wochenende noch mal mühelos einen drauf. Oder besser – drunter.

Egaler als jetzt kann mein Leben wohl nicht werden.

Entspannung

Butz liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt.

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln.

Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.

Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet.

Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich. Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu

Abbruch

Leise rieselt der Putz…

Nachdem wir die Heizungen im Esszimmer voll aufgedreht haben und der Putz ein paar Tage trocknen konnte, kommen nun weitere große Platten davon von der Wand. Am Freitag kommt der Dachdecker, der sich die Hausecke ankuckt, denn es ist nasser als es sein dürfte, Bruchstein hin oder her.

Leider regnet es zusätzlich wieder in Strömen, das Haus wird nass, die Wand ist nass, wir trocknen von innen gegen, es ist alles sehr unerquicklich. Aber gut, immerhin etwas zu tun zusätzlich zu den ganzen Waschladungen, die gerade anfallen, weil das Baby aus dem Skiurlaub zurück ist und zumindest heute auch nur halb so schlimm aus demselben Grund: Ich habe das Butzebaby wieder.

Er hat sogar daran gedacht, mir ein Souvenir mitzubringen und der dritte Satz nach seiner Ankuft (während er schon ausgehungert Käsekartoffelpüree und Fischstäbchen in sich hineinstopfte) war:

„Endlich wieder richtiges Essen.“

Wir sind also wieder komplett, er durfte den Tag heute durchatmen und morgen beginnen dann wieder Schule und Alltag.

Der mentale Kreis [ad absurdum]

Wenn der Wunsch nach Veränderung in der Theorie verweilt, dann wird aus Reflexion sehr schnell Selbstbetrug.

Intellektualisierung ist vielleicht unsere größte Stärke, um Verhaltensweisen zu überdenken, ohne Aktion aber gleichzeitig nicht mehr als ein klassischer Abwehrmechanismus, um Gefühle, Unsicherheiten und Ängste durch Planung, Erklärung oder Handlungskonzepte einfach totzudenken.

Der Kopf arbeitet, damit weder Gefühl noch Körperlichkeit zugelassen werden müssen.

Denken ist Distanz, Handlung ist Verbindlichkeit und damit Risiko für jeden, der Nähe und Verletzlichkeit als potentielle Gefahr erlebt.

Das Perfide daran ist, dass unser eigener Geist uns vorgaukelt, so reflektiert, reif und mutig zu sein, denn wir beschäftigen uns ja den ganzen Tag mit diesen Gedanken und laufen nicht vor ihnen davon.

Dabei tun wir genau dies. Wir verstecken uns hinter Einsichten, die wir nicht verkörpern, sondern auf einer leblosen Denkebene archivieren und nennen das dann Weiterentwicklung. Ständige Recherche, Listen mit Plänen, Umarbeiten von Themen, wiederholte Diskussionen ein und desselben Themas sorgen dauerhaft für ein Gefühl echter Bewegung, ohne jemals die Unsicherheit von realem Handeln ertragen zu müssen, denn jede Veränderung ist gleichzeitig Kontrollverlust und Kontrolle ist alles, was man noch hat.

Wer wäre ich also, dieses Konzept anzugreifen, wenn der Strohhalm namens Kontrolle der einzige Schild ist, der einem Menschen im illusorischen Wahn, sich damit vor emotionalem Schmerz schützen zu können, bleibt?

Denken als neutraler Zwischenraum, in dem Nähe theoretisch überlegt werden kann, sich aber niemand wirklich näher kommt.

Ich darf mich diesem Versteckspiel verweigern.

Küche, Kinder, Katastrophen

„Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie.“

Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann.

Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: „Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen.“

Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind.

Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen.

Schönschön.

Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Leute…

ihr spinnt doch.

Der Ko-fi Link ist für eine Tasse heißen Kakao unterwegs auf 1 Euro eingestellt.

Das ist mein absolutes Guilty Pleasure, wenn ich vom Laufen mit Lu und Henriette am Hundestrand zurückkomme, denn dann komme ich da vorbei.

Und ich liebe es, wenn jemand mir eine Freude macht.

Für 3 Euro kann ich den Hasen einen Strohballen beim Bauern kaufen, 5 Euro sind das, was ich bei jedem Tierarztbesuch in der Kaffeekasse dort lasse, auch das ist wundervoll, wenn das jemand für die Bären übernimmt und ich freue mich über alles, was ihr mir schenkt, von ganzem Herzen.

Es ist aber nicht nötig. Wir kommen über die Runden, das sind wir immer. Wir sind über die Runden gekommen, als ich mit den Kindern das Spiel gespielt habe, in Mülleimern nach Pfandflaschen zu suchen, wir sind über die Runden gekommen, als wir Erwachsenen nur Nudeln gegessen haben, wir sind wirklich gut aufgestellt, auch wenn wir Geldsorgen hatten und haben.

Wir sind inzwischen so fucking privilegiert, ehrlich. Wir haben ein Haus, wir haben Kinder, deren Ausbildung wir uns leisten können, wir haben Haustiere, wir haben einen wirklich guten Verdienst, der zwar momentan aufgrund von Gründen nicht unsere Ausgaben deckt, aber ich bin die Letzte, die um Geld bitten würde, denn wir sind so scheißreich an allem, wovon andere Menschen nur träumen können. Alles andere findet sich, das hat die Zeit immer wieder gezeigt.

Ich bin zutiefst dankbar für jede Aufmerksamkeit, die ihr mir über Ko-fi zukommen lasst. Punkt.

Mir ist es zusätzlich wichtig, dass jeder weiß, dass ich nicht in finanzieller Not bin.

Nie.

Ich lehne diese Perspektive für mich vollkomen ab.

Und vielleicht gerade deswegen oder trotzdem: Danke.

1 Jahr

Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass hier thematisch ein Tor zur Hölle geöffnet wurde. Und wenn ich mir die Trag- und Reichweite dieser erst als Arbeitshypothese in den Raum gestellten Diagnose eines anderen Menschen ansehe, dann ist es doch wirklich erstaunlich, dass meine Bruchlandung erst nun kommt. Wie lange habe ich diesen Scheißvogel in der Luft gehalten, trotz aller fatalen Auswirkungen, die dieses Thema an Erkenntnissen für mich mit sich brachte? Mein gesamtes Selbstverständnis, meine Rolle und nicht zuletzt Entscheidungen, die ich vor Jahrzehnten getroffen habe, basieren allesamt auf falschen Annahmen. Das ist ein verdammt großer Frosch zu schlucken. Und trotzdem habe ich Monate damit verbracht, selber ungesehen meine gesamte Energie zu jemand anderem fließen zu lassen. Und selbst als sich das als kontraproduktiv herausstellte und ich völlig alleine war, habe ich es bis auf wenige Ausnahmen geschafft, meine Struktur aufrechtzuerhalten, die mir die Selbstwirksamkeit schenkt, die ich benötige, um weiterzumachen. Eine Freundin framte das mal als „so tun, als wäre alles in Ordnung“ und das hat mich zutiefst verletzt. Denn das Umschalten aus der Trauer und der Verzweiflung und dem Schmerz heraus ist eine meiner absoluten Meisterfähigkeiten. Ich kann das in Perfektion und es ist vielleicht der Skill meines Lebens. All diese Gefühle und Ohnmacht zur Seite schieben zu können, damit sie mich nicht übermannen und sie zu einem Zeitpunkt meiner Wahl herausfließen zu lassen, um sie zu verarbeiten. Ich will kein Befehlsempfänger meiner Hilflosigkeit sein. Mein Wissen, dass ich in meinem Leben immer auf die Füße fallen werde, ist untrennbar damit verbunden und nichts davon ist gespielt. Nichts in mir „tut so“, als wäre alles in Ordnung. Ich habe mein Gehirn in diesen Momenten aber so weit im Griff, dass ich mich für Stunden, Momente, Situationen aus der Trauer lösen kann und das ist das, was mir die Kraft gibt, ihr in anderen Momenten erneut zu begegnen.

Was Menschen in dieses Verhalten hineininterpretieren oder daraus ableiten, ist nicht mein Problem.

Ungelesen

Ich sehe alle Nachrichten in meinem Postfach, sie warten dort, ungelesen.

Ich kann sie noch nicht öffnen.

Die schiere Tatsache, dass sie dort ausharren, ich gesehen bin und Menschen sich Zeit genommen haben, etwas zu schreiben, nachdem die Dunkelheit alles weggerissen hat, spendet Trost.