Ich hatte Besuch.
Und wenn ich schreibe „Ich“, dann ist das mit Familie nun mal zwangsläufig ein „Wir“. Wir hatten Besuch.
Hier gehen viele Menschen ein und aus. Das ist aber nicht das, was ich als „Besuch“ beschreiben würde. Besuch ist: miteinander leben. Alltag zeigen, offenbaren, verletzlich zeigen.
Die Kinder haben viele Freunde. Vier Kinder haben viermal viele Freunde.
Und so trete ich zwangsläufig in für mich enorm viel soziale Interaktion.
Mit Eltern, mit Bekannten, mit Kindern, mit Trainern, Lehrern, Erziehern.
Ich selber bräuchte das nicht.
Ich will das nicht.
Ich habe meinen besten Freund geheiratet, der gleichzeitig mein Seelengefährte in die Ewigkeit ist. Ich brauche darüber hinaus nur sehr sehr wenig um glücklich zu sein. Besuch gehört nicht dazu.
Früher, in meiner Kindheit war Besuch meistens Besuch von Verwandten.
Meine beiden sehr psycho- und soziopathischen Eltern haben während jedes mehrere Tage andauernden Besuchszeitraums starke Beruhigungsmittel genommen.
Immer.
Ohne Ausnahme.
Besuch war also auf der einen Seite sehr schön, weil ich meine durchweg geliebte Verwandtschaft bei mir hatte und auf der anderen Seite auch meine einzige Chance auf eine Art normales Familienleben, weil aus sadistischen, sexuellen und gewaltätigen Elternpersonen plötzlich lächelnde gleichgültige Zombies auf Bromazepam wurden, die schlaff und glücklich in der Ecke hingen und zu allem nickten und selig brummten.
Besuch von Freunden meiner Eltern war meistens eine laute und gewaltätige Orgie von hackedichten Erwachsenen, die abends Spaß daran hatten, an mir herumzufummeln und gerne das Spiel meiner Eltern mitspielten, wer mich am tiefsten demütigen konnte.
Einmal hat ein riesiger Hund, der bestimmt 20kg schwerer war als ich, die ganze Zeit versucht, mich zu besteigen und während ich in relativer Todesangst auf dem Boden lag und versuchte, die Beine zusammenzuhalten, stiegen die Erwachsenen kichernd über uns rüber.
Er kackte mir dann in mein Kinderzimmer und ich war die halbe Nacht damit beschäftigt, die Scheiße irgendwie aus dem Teppich zu bekommen. Ich bin da also unter Umständen etwas vorbelastet, andere Menschen in mein Zuhause zu lassen und darum habe ich diesen Schritt auch seit dem Auszug aus meinem Elternhaus nie in Erwägung gezogen.
Kein Fremder in meinem Haus, wo ich am verletzlichsten bin.
Niemals.
Wo ich schlafe, sind nur Wächter, keine Täter mehr.
Und vielleicht brauchte es auch darum 10 Jahre nach dem ersten Kontakt, dass ich nun eine Einladung ausgesprochen habe, die von Herzen kam. Ich merkte, dass es nicht Angst war, die mich so nervös werden ließ – es war Vorfreude. Nicht diese existenzielle Panik, die mich umschalten lässt. Die Tage und Nächte, die jetzt so schnell an mir vorbeiflogen, waren entspannt und … rund.
Mir fällt kein anderes Wort ein.
Ich konnte so sein, wie ich hier nun mal bin und habe für vier Tage ein sehr aufgewecktes flusiges Kind bei meinen eigenen Kindern sehen und einen frischen winzigen Säugling auf dem Arm halten dürfen, der so zart und hübsch und wunderbar ist. Und dabei war eine – meine – Herzensfreundin, die nach so langer Zeit endlich real wurde.
Zum Anfassen.
Ein großer Schritt, der mit einem großen Geschenk belohnt wurde, das in mir noch nachhallt.
Ja.