Diamanthochzeit in Bremen

Nur weil ein Bild nicht verwackelt sondern scharf ist, ist es noch lange nicht schön.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie, sobald ihr ein scharfes Bild gelungen ist, so froh darüber ist, dass sie nichts anderes mehr sieht.

Sie darf einmal mehr über mich und meinen Körper entscheiden.

Bei der Hochzeitszeitung ist ein dermaßen misslungenes, verwackeltes Bild von mir, auf dem ich aussehe wie zu viel getrunken, jahrelang herumgehurt und nach einem schweren Drogenentzug. Werde ich gefragt, ob dieses Bild von mir verwendet werden darf? Nein, natürlich  nicht, warum denn auch, Hauptsache überhaupt eines der raren Bilder des Mädchens.

Und da wundert man sich, warum ich aus Überzeugung nicht auf ihren Fotos auftauchen will? Ist nicht wahr, oder?

Die Fotos von heute sind ein Dreck. Ich frage mich, wie viele Gedanken man sich gemacht hat, wenn man jemanden ablichtet, der gebückt vor einem steht, um ein Kind von einem Regal wegzuholen. Wie krank muss man sein um das als ein akzeptables (weil überhaupt vorhandenes) Foto in Erwägung zu ziehen???

Der Tag war lang. Und anstrengend. Und schmerzhaft. Ich möchte nach Hause, in mein Bett, in den Arm meines geliebten Mannes.

Und schlafen, schlafen, schlafen.

Nackt

Zu den eher unangenehmen Momenten meines Lebens gehört das Sitzen auf einer Polizeistation um 2 Uhr nachts, in der mir die Jacke abgenommen wird, die wenigstens ein bisschen Wärme spendete. Beweismaterial. Bitte ausziehen und hier in den Sack stecken…

Ich sitze ohne BH in einem dünnen Pullover dort in eisiger Kälte und werde von Beamten befragt, wieviel Unterwäsche ich zum Zeitpunkt des Übergriffs denn überhaupt angehabt hätte.

Ein Traum. Kommt gerne auch mal als Alptraum wieder.

Der einzige Schutz, den ich damals hatte, war mein Hund. Als die Polizisten nachts in meine Wohnung kamen, mehrere Männer – verlangten sie als erstes, den Hund zu sichern.

Die zweite Aussage war ein anklagendes: „Warum haben Sie dem Hund denn das Blut von der Schnauze gewaschen?“

Ich hatte damals weder Kraft noch Mut, etwas zu entgegnen. War nur froh um dieses weiche helle Fellbündel, das endlich auch wieder sauber sein sollte. Das durfte ich leider nicht mitnehmen, als ich in einem großen Polizeiwagen in die Polizeistation gefahren wurde.

Hinten, wo die Verbrecher sitzen. Allein. Vorne die Männer, die sich lustig scherzend über ihren Abend unterhielten. Stunden später wurde ich genauso wieder nach Hause gekarrt.

Um weitere Stunden später am nächsten Morgen aus der Wohnung geklingelt zu werden, weil das BKA vor der Tür stand. Ein schwacher Trost, dass die wenigstens vernünftige Autos hatten, mit denen ich in ein Polizeigebäude gefahren wurde, in dem ich einige Stunden meines Lebens verbracht habe.

Nach zwei Stunden Verhör Protokoll wusste ich allerdings nicht mehr, wer nun der Täter und wer das Opfer war. Es folgten weitere Stunden, in denen jede einzelne Sekunde des Tathergangs immer und immer wieder wiederholt, hinterfragt und aufgeschrieben wurde. Von hinten – eher von hinten links oder eher von hinten rechts? Roch der Atem? Wonach? Roch der Körper? Welche Teile? Wonach? War er gewaschen? Schmutzig? Und alle halbe Stunde der Hinweis, dass eine Falschaussage strafbar sei.

Ich hatte später erschöpft und weinend meine Mutter angerufen. Es war der Punkt, an dem es tiefer nicht mehr ging und die einzige Sehnsucht war die nach einer Mutter. Nach Trost in seiner reinsten Form. Eine Mama. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Hilf mir.

„Du schaffst das schon.“, sagte sie und verabschiedete sich in den Urlaub.

Die folgende Einsamkeit und Stille war ohrenbetäubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hörte etwa zwei Wochen lang nichts mehr. Gar nichts. Mein Anker war mein Kater Timon. Er legte sich zu dieser Zeit immer wieder unbeirrbar – egal, wie oft ich ihn runterschubste – auf mein Herz und fing sofort an zu schnurren.

Irgendwann kapitulierte ich dann und schlief hemmungslos weinend vor Erschöpfung ein. Wachte ich auf, sah ich in zwei Katzenaugen, die mich wachsam ansahen. Er hat sich kaum von der Stelle gerührt, wenn ich schlief. War ich sehr unruhig, legte er sich an meine Schulter, hielt aber immer den Körperkontakt.

Der Hund machte es ähnlich. War er damals schon so weit erzogen, dass er eigentlich seinen Platz im Korb kannte, schlich er seit dem Tag immer wieder ins Bett und legte sich neben mich. Er drängte mich an die Wand, so dass er zwischen mir und der Tür liegen konnte. Wann immer ich im Halbschlaf zu ihm sah, lag er dort, majestätisch wie die Sphinx selber mit aufgerichtetem Kopf – die Ohren wachsam zur Tür gestellt. Manchmal knuffte er mich mit der Schnauze zur Beruhigung und nahm dann wieder seine Stellung ein.

Wenn jemand zu dicht an meiner Haustür vorbeiging, kam ein leises tiefes Grollen aus seiner Kehle und ich spürte, wie sich jeder einzelne Muskelstrang anspannte.

Aufbruch

Einige wenige Wochen, nachdem wir uns vor dem Standesbeamten und unseren besten Freunden ewige Treue und Wahrheit und Ehrlichkeit und den ganzen Schmonz geschworen hatten, war ich mit unseren Mitbewohnern in unserer Wohnung. Ich räumte ein bisschen herum und mir fiel mir ein kleines schwarzes Buch in die Hände. Es sah aus wie ein Tagebuch. Jetzt ist es so, dass – wenn man mit drei Männern zusammenlebt – es nicht immer eindeutig ist, wem was gehört. Ich ging also ins Wohnzimmer und fragte: Gehört einem von euch dieses Buch hier? und sah in zwei entsetzte Männergesichter.

Meine neugierige Seite dachte noch belustigt, dass ich bei diesen Gesichtsausdrücken besser hineingesehen hätte… Einer der beiden stürzte auf mich zu und riss mir das Buch aus der Hand. „Hast du reingesehen?? Das ist meins!“

Ich blickte ihn irritiert an und zu meiner Neugierde gesellte sich ein seltsames Gefühl. Ich sah in seine Augen.
Zu dem Buch.
In seine Augen.

„Du lügst mich an, Owi.“

Sein Augenausdruck bestätigte mir, dass ich Recht hatte.

„Du LÜGST! Gibt mir das Buch!“

Er nahm es fester in die Hand und verschränkte die Arme. „Nein.“

Für Moral, Anstand oder weiteres Denken war in meinem Kopf kein Platz mehr. Mein ganzes Dasein fokussierte sich darauf, dass ich den Inhalt dieses Buches kennen muss.

„Es gehört ihm, oder? Gib mir das Buch oder sag mir, was dort hineingeschrieben wird!“

„NEIN!“

Ich sah nur noch rot und mein Denken bestand nur noch aus schwarz und weiß. „Wenn du es mir nicht gibst, erzähle ich deiner Verlobten, dass du  am Wochenende auf dem Kneipenklo ihre beste Freundin gevögelt hast.“

In dem Moment, in dem ich es aussprach, wusste ich, dass unsere Bekanntschaft zuende war. Ich habe einen Preis zu zahlen. Immer. Und in der Tat, einige Tage später sollten wir unsere Wohngemeinschaft auflösen. Druck erzeugt immer Gegendruck. Er sackte in sich zusammen. Sein Fokus war wieder bei sich selber. „Woher weißt du das?“

„Du hast es mir gerade bestätigt. Gib mir das Buch.“

Hochrot und wutentbrannt schleuderte er mir das Buch entgegen und rannte aus der Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss und es herrschte Totenstille. Ein Paar Männeraugen blickte mich an.

Sascha, der all das stumm verfolgt hatte, sah mich an und sagte nur leise: „Ich würde das an deiner Stelle nicht lesen, Süße.“

„Ich muss.“, sagte ich und er neigte den Kopf zur Seite und steckte sich eine neue Zigarette an.

„Ja. Vielleicht. Sei dir nur sicher, dass du mit der Entscheidung leben kannst.“

Ich blickte ihn an und hob das Buch auf.

„Soll ich gehen?“, fragte er und blies den Rauch in die Luft.

„Ja.“

Er stand auf, nahm seine Jacke von der Garderobe und blieb vor mir kurz stehen. Nahm meinen Kopf in seine Hände und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin bei meinem Freund, wenn du jemanden brauchst, komm zu uns.“

Ich nickte.

Als ich allein war, setzte ich mich in meinen Sessel und holte tief Luft. Ich schlug das Buch auf. Ein Tagebuch. Das Tagebuch meines frischangetrauten Ehemannes. Ich überblätterte Kriegsberichte, kleine und größere Affären und irgendetwas trieb mich, die Zeit um unseren Hochzeitstag zu suchen. Da stand es. Dreiundzwanzigster Mai, geschrieben morgens, einige wenige Stunden vor unserer Hochzeit.

„Oh Gott, warum liebe ich Imme nur so? Warum kann Imme mich nicht genauso lieben wie ich sie? Ich brenne vor Sehnsucht und möchte ihren zierlichen kleinen Körper im Arm halten und ihr blondes Haar streicheln. Für immer. Mit ihr alt werden. Gestern Abend habe ich ihr alles gestanden und sie hat mich umarmt und mir Glück gewünscht. Sie liebt mich nur als besten Freund. Nicht mehr. Habe wieder die ganze Nacht von ihr geträumt…“

Ich blinzelte. Ich klappte das Buch zu. Und blinzelte noch mal. Ich stand auf und ging im Raum herum. Setzte mich wieder hin. Blinzelte, schlug das Buch auf und las noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

Mir wurde kalt und ich saß dort. Stundenlang. Hatte weder Wut noch Trauer in mir, nur völlige Fassungslosigkeit. Mein Geist weigerte sich, diese Worte zu verstehen. Ich las immer und immer wieder, blätterte noch vor und zurück und entdeckte mehr Dinge, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Eiskalt.

Das war der Mann, der in der Nacht zuvor liebevoll geflüstert hatte: „Ich möchte ein Baby von dir.“ Das. Genau das.

Ich habe viel geblinzelt und noch mehr den Kopf geschüttelt, aber es wurde nicht besser. Ich nahm die Information nicht auf, die da gnadenlos immer wieder an mein Gehirn gesendet wurde. Irgendwann stand ich auf und wenige Minuten später hörte ich den Schlüssel im Türschloss. Er war zuhause. In voller Kampfmontur, Waffe noch am Körper.

„Ich hab dein Tagebuch gefunden und gelesen.“

Da macht man sich Gedanken, was man in so einer Situation tun würde, überlegt sich die hitzigsten Auftritte und dann kommt so ein schlaffer Satz aus dem Mund.

Ich sehe, wie sein Körper sich anspannt. Die Wut steigt hoch und die Adern fangen an zu pochen. Und ich fühle mich einfach nur wie ein nasser Sack.

„Ich hab auch die Stelle gelesen, an der du geschrieben hast, dass du Imme liebst. Und dass du beim Sex mit mir an deine Exfreundin Sandra denkst.“

Der Mann vor mir wuchs vor lauter Wut in Höhe und Breite. Ich war fast morbide neugierig darauf, was nun passieren würde. Egal war es mir in dem Moment allemal. Wie betäubt mein Denken und Fühlen. Er schrie. Ziemlich laut.

„Was hast du an meinen Privatsachen zu suchen???“

Ich war irritiert. Ich erfahre, dass er eine andere liebt und beim Sex mit mir an seine Exverlobte denkt und er macht sich Gedanken über so was?

„Du liebst Imme!“

„JA UND???“, schreit er mir voller Zorn entgegen. „WAS HAST DU AN MEINEN SACHEN ZU SUCHEN???“

Ich höre ihn, ich verstehe sein Problem nicht. Als ob er Imme nicht lieben würde, wenn ich es nicht gelesen hätte. Wo ist der Unterschied?

„Du hast dir am Tag unserer Hochzeit gewünscht, mit ihr zusammen zu sein!! Warum hast du mich denn überhaupt geheiratet???“

Das Gefühl kam langsam wieder.

„WEIL SIE JA NICHT WOLLTE!!!!“

Er stampfte an mir vorbei und mein Gehirn hatte wieder leichte Verarbeitungsprobleme. Der Abend und die Tage und Wochen und Monate die folgten, waren gelinde gesagt bizarr.

Ich war jung, ich war dämlich, ich hatte mir in den Kopf gesetzt, nicht kampflos gegen eine kleine blöde Blondine die Flinte ins Korn zu werfen und meine Ehe zu beenden. Nicht mit mir! Ich sollte Monate später erkennen, dass ich genau das tatsächlich war: Jung und dämlich und ich Idiot hatte den Falschen geheiratet.

Als ich ihm an einem  Montagmorgen im darauffolgenden Frühling mitteilte, dass in einigen Stunden das Umzugsunternehmen kommen würde, ich hätte eine neue Wohnung, sagte er nur: „Ja. Dann machs gut. Ich muss zur Arbeit.“

Meine Tante Erika war da und beruhigte die besorgten Möbelpacker, dass mein lautes Schreien und Weinen nichts mit ihnen zu tun hätte und reichte Brötchen mit Hack und Zwiebeln.

Meine Hälfte der Möbel war verstaut, wir waren fertig. Ein letzter Blick durch die Räume und ich schloss die Tür hinter mir und warf den Haustürschlüssel durch den Briefkastenschlitz.

Der kleine fünfmonatige Welpe neben mir, den mein Mann mir zur „Versöhnung“ geschenkt hatte, sprang an mir hoch und jappste danach aufgeregt die Treppen runter. Biss einen der Möbelpacker spielerisch ins Bein und sprang danach laut kläffend in den kleinen MiniCooper, den ich damals fuhr.

„Sind Sie dann soweit?“, fragte der Fahrer des Umzugslasters.

„Nein.“, antwortete ich. „Aber lassen Sie uns fahren.“

Der Brief

Ich habe eine Mail geschrieben. Und abgeschickt.

Ich mache seit einem Jahr Psychotherapie, um der unendlichen Wut in mir endlich auf den Grund zu gehen.

Vor einem Jahr habe ich herausgefunden, dass mein Ehemann mich schon länger belogen und betrogen hatte, mir und meiner Firma Geld veruntreut, Geld geklaut hat und generell nicht mehr allzu viel Lust auf unsere Ehe hat.

Meine Eltern führen sich auf wie die letzten Menschen und ich sehe durch die Augen meines Kindes zum ersten Mal die Ungeheuerlichkeiten, die sie mir angetan haben.

Mir wird übel, wenn ich darüber nachdenke, meiner Tochter auch nur das Geringste dessen anzutun, was mein Alltag war.

Mein Therapeut riet mir von dieser Mail ab. Dringend.

Zu recht, wie sich jetzt herausstellte.