Drei Kinder, ein großer hübscher Mann und ich fahren in den siebten Stock des Krankenhauses, in dem sich meine Großmutter gerade befindet.
Wir steuern zielstrebig den richtigen Flur an und gehen den Gang entlang. Zimmer 112, 113, 114, 115 – bis Zimmer 125 müssen wir kommen.
Zimmer 116, Zimmer 117 und ich höre hinter mir den Kobold laut krähen und mit seiner Blume herumfuchteln, die inzwischen schon zur Hälfte abgeknickt ist. Ich seufze. Innerlich. Das Tochterkind und die Erdbeermotte laufen mit ihren Blumen neben dem hübschen Mann her.
Zimmer 118.
Beim nächsten Zimmer ist die Tür halboffen.
Ich sehe Hausschuhe.
Alte Beine, auf dem Boden ausgestreckt.
Ich gehe einen Schritt weiter, das Blut gefriert in meinen Adern.
Eine halb runtergezogene Windel, starre Handgelenke, ein nackter Bauch und ich gehe noch einen Schritt weiter, trete ein und sehe hinter die Tür, die der Körper auf dem Boden halb geschlossen hält.
Ich sehe einen alten Mann. Das Genick seltsam verdreht, die Gliedmaßen steif, die Haut gelb glänzend.
Ich sehe das Bild meines Großvaters bei seiner Aufbahrung, das sich vor meine Augen schiebt und ich denke nur oh Gott, wie tot kann man sein.
Ich trete einen Schritt zurück und sehe eine Frau vorbeikommen. Ich fahre sie an: „Los, holen sie Hilfe!“
Sie wirft nur einen Blick hinter mich, wird bleich, murmelt ein OhGott und rennt los. Der Mann versucht in der Zwischenzeit, unsere Kinder weiterzuschieben, aber der Kobold hat schon gesehen.
„Mann hinnefalln?“
Ich stehe dort und fühle mich betäubt. Hilflos. Ich sage „Hallo!“ und denke gleichzeitig „tot“. Ich bin völlig neben der Spur und denke nicht einmal daran, seinen Puls zu fühlen, weil ich denke, dass dieser Mann sowieso tot ist. Er sieht einfach zu sehr wie mein Großvater aus.
Ich habe da keine Glanzleistung vollbracht. Im Gegenteil.
Ich habe nichts getan um zu helfen und das nagt sehr an mir.
Ich stand da nur wie gelähmt und habe den Mann nicht mal berührt.
Nicht mal versucht, etwas zu tun.
Nur mit ihm gesprochen und versucht, den wattigen Nebel zu durchdringen, der mein Gehirn umgab.
Ich habe mir angemaßt, etwas zu wissen, das ich nicht wissen konnte.
Als die Pfleger kamen, trat ich zurück und hörte von einem Pfleger: „nicht schon wieder“ und dachte nur: „wie oft ist der Mann denn wohl schon gestorben?“.
Alle behielten die Ruhe und ich, die immer so stolz war, in Krisensituationen ruhig zu bleiben, habe es nicht geschafft, zu mir zu kommen. Ich stand neben mir. Das tote Gesicht meines Großvaters immer vor mir. Der alte Mann auf dem Fußboden, völlig verdreht, so tot.
Er ist nicht tot.
Sagen die Pfleger.
Er hätte wohl schon öfter diese Bewusstlosigkeitsanfälle gehabt.
Ich starre vor mich hin und frage fast völlig geistesgestört: „aber er war doch tot“ und die Stationsschwester lächelt ein wenig verunsichert und bestätigt erneut, dass er lebt.
Ich fange von meinem Großvater an, völlig untypisch für mich.
Ja, lächelt die Frau jetzt verständnisvoll, so eine Bewusstlosigkeit wirkt manchmal sehr erschreckend.
Ich weiß nicht, ob es mich lähmte, dass ich in einem Krankenhaus war und der Meinung war, es müsste doch eigentlich jemand da sein, der sich kümmern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich anders hätte verhalten können, wenn ich allein gewesen wäre. Wenn ich in dem Wissen, keine Hilfe holen zu können, gezwungen gewesen wäre, mich richtig zu kümmern.
Ich weiß es einfach nicht.
Ich hoffe, daraus zu lernen und gleichzeitig, dass ich so bald keine Gelegenheit dazu bekomme, den nächsten Halbtoten betreuen zu müssen, über den ich stolpere.
Liebes Leben, lieber Gott. Das war nicht komisch.
Ich kann auf diese Dinge gut verzichten.