Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Von Halbtoten

Drei Kinder, ein großer hübscher Mann und ich fahren in den siebten Stock des Krankenhauses, in dem sich meine Großmutter gerade befindet.

Wir steuern zielstrebig den richtigen Flur an und gehen den Gang entlang. Zimmer 112, 113, 114, 115 – bis Zimmer 125 müssen wir kommen.
Zimmer 116, Zimmer 117 und ich höre hinter mir den Kobold laut krähen und mit seiner Blume herumfuchteln, die inzwischen schon zur Hälfte abgeknickt ist. Ich seufze. Innerlich. Das Tochterkind und die Erdbeermotte laufen mit ihren Blumen neben dem hübschen Mann her.

Zimmer 118.

Beim nächsten Zimmer ist die Tür halboffen.

Ich sehe Hausschuhe.

Alte Beine, auf dem Boden ausgestreckt.

Ich gehe einen Schritt weiter, das Blut gefriert in meinen Adern.

Eine halb runtergezogene Windel, starre Handgelenke, ein nackter Bauch und ich gehe noch einen Schritt weiter, trete ein und sehe hinter die Tür, die der Körper auf dem Boden halb geschlossen hält.

Ich sehe einen alten Mann. Das Genick seltsam verdreht, die Gliedmaßen steif, die Haut gelb glänzend.

Ich sehe das Bild meines Großvaters bei seiner Aufbahrung, das sich vor meine Augen schiebt und ich denke nur oh Gott, wie tot kann man sein.

Ich trete einen Schritt zurück und sehe eine Frau vorbeikommen. Ich fahre sie an: „Los, holen sie Hilfe!“

Sie wirft nur einen Blick hinter mich, wird bleich, murmelt ein OhGott und rennt los. Der Mann versucht in der Zwischenzeit, unsere Kinder weiterzuschieben, aber der Kobold hat schon gesehen.

„Mann hinnefalln?“

Ich stehe dort und fühle mich betäubt. Hilflos. Ich sage „Hallo!“ und denke gleichzeitig „tot“. Ich bin völlig neben der Spur und denke nicht einmal daran, seinen Puls zu fühlen, weil ich denke, dass dieser Mann sowieso tot ist. Er sieht einfach zu sehr wie mein Großvater aus.

Ich habe da keine Glanzleistung vollbracht. Im Gegenteil.
Ich habe nichts getan um zu helfen und das nagt sehr an mir.
Ich stand da nur wie gelähmt und habe den Mann nicht mal berührt.
Nicht mal versucht, etwas zu tun.

Nur mit ihm gesprochen und versucht, den wattigen Nebel zu durchdringen, der mein Gehirn umgab.
Ich habe mir angemaßt, etwas zu wissen, das ich nicht wissen konnte.

Als die Pfleger kamen, trat ich zurück und hörte von einem Pfleger: „nicht schon wieder“ und dachte nur: „wie oft ist der Mann denn wohl schon gestorben?“.

Alle behielten die Ruhe und ich, die immer so stolz war, in Krisensituationen ruhig zu bleiben,  habe es nicht geschafft, zu mir zu kommen. Ich stand neben mir. Das tote Gesicht meines Großvaters immer vor mir. Der alte Mann auf dem Fußboden, völlig verdreht, so tot.

Er ist nicht tot.

Sagen die Pfleger.

Er hätte wohl schon öfter diese Bewusstlosigkeitsanfälle gehabt.

Ich starre vor mich hin und frage fast völlig geistesgestört: „aber er war doch tot“ und die Stationsschwester lächelt ein wenig verunsichert und bestätigt erneut, dass er lebt.

Ich fange von meinem Großvater an, völlig untypisch für mich.
Ja, lächelt die Frau jetzt verständnisvoll, so eine Bewusstlosigkeit wirkt manchmal sehr erschreckend.

Ich weiß nicht, ob es mich lähmte, dass ich in einem Krankenhaus war und der Meinung war, es müsste doch eigentlich jemand da sein, der sich kümmern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich anders hätte verhalten können, wenn ich allein gewesen wäre. Wenn ich in dem Wissen, keine Hilfe holen zu können, gezwungen gewesen wäre, mich richtig zu kümmern.

Ich weiß es einfach nicht.

Ich hoffe, daraus zu lernen und gleichzeitig, dass ich so bald keine Gelegenheit dazu bekomme, den nächsten Halbtoten betreuen zu müssen, über den ich stolpere.

Liebes Leben, lieber Gott. Das war nicht komisch.
Ich kann auf diese Dinge gut verzichten.

Trauer

Sie kommt in Schüben, die Trauer.

Trauer um zwei tote Babys in diesem Jahr, meinen geliebten Großvater, Erkenntnis und Bestätigung, meinen Eltern gleichgültig zu sein und der komplette Bruch mit ihnen.

Das Gehirn grinst ein wenig schief und der Gedanke ist da, dass man das ruhig auf ein paar Jahre hätte verteilen können. Obs dadurch besser geworden wäre? Wer weiß es schon.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist wie es ist. Und das ist der größte Dreck.

Die Trauer wird ewig begleitet von der destruktiven Frage: Was wäre gewesen, wenn…

Das Spiel ist so einfach wie vernichtend. In Kreisen drehen sich die Gedanken bis zur vollkommenen emotionalen Erschöpfung und Leere. Wenn ich hier so sitze und mir die Tränen die Wangen hinunterlaufen, erscheint alles so sinnlos. Morgens aufstehen, etwas Sinnvolles tun. Zu leben. Wozu denn, wenn es eh jederzeit zuende sein kann.

Wofür mühen und strampeln wir uns denn ab, wenn wir am Ende unseres Lebens hauptsächlich Eines sind: verdammt tot.

Die Faust in den Magen kam in Form einer Bekannten, die munter über eigene Fehlgeburten und Abtreibungen referierte, nicht merkend, dass ich mich immer weiter in mich zurückzog.

Völlige Takt- und Empathielosigkeit garniert mit der Frage: Ist doch okay, wenn ich so offen bin, ja?

Na klar. Deklariert man Offenheit als Synonym für Narzissmus und emotionale Rohheit.

Sprich ruhig, ich bin hart, ich weine zuhause. Die Frage, warum ich denn dann überhaupt noch riskierte, schwanger zu werden, nötigte mir neben einem inneren andauernden Würgen die folgenden Wochen auch noch tiefergehende Gedanken ab.

Ja. Warum?

Ich habe doch schon drei Kinder. (Selbst schuld, wenn ich nicht zufrieden bin und noch eine Fehlgeburt riskiere. Selber Schuld. Selber Schuld. Selber Schuld.)

Niemandem Rechenschaft schuldig zu sein ist die eine Sache. Theorie. Praxis. Rückblickend? Vergeudete Zeit. Es hängt nach, trotz allem.

ergiftete Gedanken.

Sperrig

Diese Gedanken, die so schwer sind, dass man sie kaum tragen kann. Die den Kopf beugen und demütig machen, innerlich wie äußerlich.

Unbeschwert. War es schon. Damals. Irgendwann, vor unendlich langer Zeit.

Ob das wohl jemals wiederkommt?

Will ich das? Was nutzen Wachstum, innere Größe und Wissen, wenn das Leben keinen Spaß mehr macht? Der Nervenkitzel von früher ist einer grundlegenden Verantwortung gewichen, die erschlägt. Jeden Spaß.

Freiheit bedroht Sicherheit. Auch in Gedanken.

Gewissensfrage

„Du, ich überlege, mit Bloggen aufzuhören“, sagte ich vor einiger Zeit dem Mann.

Und er blickte mich mit diesen tiefen graublauen Augen an und im Grunde muss ich nicht erklären. Er weiß schon.

So viel Positives würde ich zurücklassen. Aber eben auch sehr viel Negatives. Emails, die wie eine Faust in den Magen treffen, anklagen, verurteilen, verleumden.

Forenbeiträge, die mich in Frage stellen. Andere Blogs inklusive Seitenhiebe auf dieses Werk hier. Getuschel, hinter den Rängen, wie man es nur in der Schule erwarten würde.

Aber so viele wundervolle Menschen, von denen ich oft nur den Namen kenne, mit dem sie hier kommentieren. Ich habe mit dem Thema Freundschaft abgeschlossen, ich weiß, dass es anderes auf der Welt für mich gibt. Vielleicht ist da noch ein winziges Fenster mit jemandem, der eigentlich so gar nicht zu mir passt, zu dem ich mich aber nach wie vor so unglaublich stark hingezogen fühle. Er hat mir Post gesendet und ich weiß noch nicht, ob ich auch ihn abblocke, um keinen Fehler zu machen.

Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit.

Meine Maske ist eine sehr Massive. Um mich und um meine Umwelt zu schützen. Die Disziplin, die so lange Jahre eine Frage des Überlebens war, umgibt mich wie ein Eispanzer.

Dahinter blickt – manchmal – mein Mann. Er hält aus.

Das Rohe, das Hässliche, die weinende und schreiende Fratze – die 1000 Bruchstücke meiner Seele, in die eine Kinderunschuld einst zerbrochen wurde.

Ich habe die wunderbare Nian kennengelernt, ich habe mit der zauberhaften Cecie telefoniert, ich habe Kim umarmt und mich so ein wenig verliebt und ich habe bei allem gemerkt, dass ich nicht in der Lage bin, abzulegen.

Ich bin, was ich bin.

Um am Leben zu bleiben, um meine Aufgabe zu erfüllen.

Ich habe eine sehr hohe Messlatte für mein Verhalten gegenüber meiner Umwelt, meinen Kindern.

Ich habe überlebt, damals, auf eine sehr absurde Weise.

Ich kenne niemanden, der dem standhalten könnte.

Und so bleibt nur die Einsamkeit.

Ich habe vor Monaten eine andere Person gefunden, die gleich ist. Und ich vermute, dass sie inzwischen tot ist – der Zweifel darüber frisst mich fast auf. Endlich ein Gleicher, endlich jemand, der verstehen könnte, der Fragen beantworten könnte…
Und ich laufe wieder ins Leere.

Allein.

Worte treffen tiefer als ein Schwert es jemals könnte.
Sie brennen sich ein.

Und so ist es vielleicht besser, dieses Gesamtwerk hier zu einem Ende zu bringen, bevor es zu etwas verkommt, das ich nie sein wollte.

Vielleicht hat alles seine Zeit.

Vielleicht beginnt etwas Neues, Besseres.

Jetzt.

Mutter

Was will ich denn eigentlich von ihr? Was erwarte ich davon, wenn sie hier anruft?

Ich kann das Muttersein nicht erzwingen, genauso wenig wie Gefühle für mich oder Interesse an meinem Leben. Klar, wenn alles gut läuft, dann redet sie gerne mit mir, aber meine Sorgen aussprechen durfte ich ja nun nie.

Du schaffst das, du bist stark, du kannst ja ein neues Kind bekommen, du machst das schon – ihre „Lösungen“ die mich mein Leben lang begleiten. Klar. Einfacher lassen sich Probleme für sie ja nun nicht zur Seite schieben.

Das war schließlich schon immer so.

Also, was will ich von ihr?

Warum diese Sehnsucht, sie anzurufen, mal wieder enttäuscht zu werden…

Mama?

Manchmal wünsche ich mir eine Mutter. Eine richtige Mama. Erinnerungen an eine Kindheit voller Wärme und Liebe und Nähe.

Ich versuche, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Ich weiß aber nur aus Büchern, was eine solche Mutter überhaupt ausmacht. Ich habe Filme gesehen, Geschichten gelesen, andere Kinder gesehen, die von ihren Müttern ohne jegliche sexuelle Ambitionen in den Arm genommen wurden. Getröstet wurden, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Ich habe immer dieses brennende Gefühl des Neides gespürt, wenn ich eine solch augenscheinlich intakte Mutter-Kind-Beziehung gesehen habe.

Früh war ich der Meinung, dass ich gar keine richtige Mutter bräuchte. Es war schon okay so – wie hätte ich es auch ändern sollen. Ich traf meine Vorsichtsmaßnahmen. War immer angekleidet. Keine nackte Haut zeigen, keine Sehnsucht nach Nähe. Unnahbar sein und gerne in Kauf zu nehmen, das tägliche „Ich finde dich so zum Kotzen“ zu hören. Weil das bedeutete, dass niemand meine Haut berührte. Niemand würde mich gegen meinen Willen küssen. Niemand würde mich an Stellen berühren, die zu intim waren um sie überhaupt auszusprechen.

Die Kunst, in einem Haushalt zu existieren und den größtmöglichen Abstand zu einem Familienmitglied zu halten, das seinerseits versuchte, den ganzen Tag mit „zufälligen“ Berührungen zu füllen. Meine Brüste habe ich lange abgebunden, damit ich keine Berührung empfinden kann. Durch mehrere Lagen Binde merkt man auf der Haut kaum noch etwas. Sehr pragmatisch. Und mein Alltag.

Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich mich nicht nur „anstellte“, wie es mir sooft vorgehalten wurde. Dass andere Kinder nicht nackt für ihre Mütter posieren mussten. Dass andere Kinder dann nicht auch noch angefasst wurden. Aber wenn man nur falsch kennt, empfindet man das automatisch als normal und nicht zu ändern. Das kommt erst später.

Zurück zu meinen Kindern. Bei meiner Tochter tat ich mich sehr schwer mit der Pflege im Säuglingsalter. Ich traute mich kaum, sie zu berühren. Sie sauber zu machen. Ihre Windel zu wechseln. Sah ich doch diese normalen Tätigkeiten in Erinnerung an meine Kindheit schon als Grenzüberschreitung. Es hat lange gedauert, bis ich sie ohne Seelenqual waschen konnte. Auch das Stillen war sehr davon belastet, ihr „das“ nicht zumuten zu wollen. Ich wollte sie nicht zwingen, etwas in den Mund zu nehmen, was in meiner Erinnerung einfach nur eklig war. Für normale Menschen ein kaum nachvollziehbarer Gedanke. Und so war auch das neben vielen anderen ein Grund, es schnell wieder sein zu lassen.

Als ich schwanger war, brauchte ich nach langer Zeit mal wieder eine Mutter. Ich träumte von einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung. Dass ich ihre Hand ganz unschuldig auf meinen Bauch legen könnte, damit sie ihr Enkelkind spüren könnte. Im Vorbereitungskurs war eine Frau mit ihrer Mutter, die sie auch mit zur Geburt nehmen wollte. Ich war neidisch. Glühend eifersüchtig. Ich hatte keinen Mann zum Anlehnen und meine Mutter… naja. Sie hat nicht einmal meinen Bauch berührt. In keiner Schwangerschaft hätte ich das zugelassen, solange ich noch einen Atemzug tun kann. Aber gewünscht hab ich mir das. Eine richtige Mutter. Eine Mama zum Anlehnen. Zum Teilen.

Eine, die Erfahrung weitergeben kann. Auch jetzt ist der Wunsch nach einer mütterlichen Bezugsperson sehr stark. Ich möchte jemanden haben, der seine Erfahrung mit mir teilt.

Auch jemand, dem ich meine Kinder anvertrauen könnte. Ich war so gerne bei Oma und Opa früher – meinen Kindern fehlt diese Erfahrung völlig.

Zweifel

Manchmal ist alles so negativ, so destruktiv, so zerstörerisch, so grausam.

Ich möchte weglaufen und sie alle sich selber überlassen.

Warum tue ich es nicht?

Vielleicht habe ich Angst, dass sie ohne mich prima zurecht kommen würden.

Verzeihen

Ich habe letzte Woche eine sehr beeindruckende Predigt gehört und beschäftige mich gedanklich nun schon seit Tagen damit.

„Verzeihen ist sehr eng mit dem Wort verzichten verbunden.
Ich verzeihe dir bedeutet immer auch:
Ich verzichte darauf, dass du dich so verhältst, wie ich es mir wünsche.“

Wenn man nach diesem Anspruch leben will, ist verzeihen eigentlich unnötig, weil der Verzicht auf das Handeln des Gegenübers nach eigenen Wünschen und Wertmaßstäben schon im Vorfeld elementarer Bestandteil der Beziehung ist.

Verzeihen also eine Frage des Respekts?

Der Kampf ums Schlafen

Er schafft mich ganz einfach.

Die Frage nach dem Warum ist müßig. Er ist wie er ist, genau wie meine Tochter nun mal war wie sie war. Und trotzdem graust mich der Gedanke, das Ganze noch mal drei Jahre durchzustehen.

Manchmal möchte ich mit dem Fuß aufstampfen und mir andere Kinder wünschen.

Welche, die einschlafen.

Durchschlafen.

Die sich nicht wehren, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen.

Welche, die sich ankuscheln können und nicht versuchen, die Müdigkeit wegzubrüllen.

Die abends ins Bett gehen, bevor auch wir Erwachsenen zu müde sind für irgendetwas anders.

Die sich einlassen können auf Ruhe und Genuss auch ohne Wildheit.

Welche, die mich nicht jeden Tag so an meine Grenzen bringen.

Das wären dann bloß nicht meine Kinder.

Also. Kopf hoch und weiter gehts.