Psycho

Wenn der Kinderarzt weitere Behandlung ablehnt und der Meinung ist, es wäre das Sinnvollste, der Kobold wird während eines einwöchigen stationären Aufenthaltes in einer Klinik am besten von einem 5köpfigen Ärzteteam begutachtet, dann reißt einem das schon mal den Boden unter den Füßen weg.

Manchmal hab ich keine Lust mehr.

Einfach nur keine Lust.

Kindergarten

Ich habe mal wieder mit der Lieblingserzieherin telefoniert und wir haben wieder mal keine Lösung gefunden. Die Kindergartenerziehersituation lässt keine Einzeleingewöhnung zu und der Kobold braucht aber genau das. Stabilität und eine einzige Bezugsperson.
Ich hole die nächsten Tage mal ein paar Unterlagen ab. Mal sehen, wie der Kobold sich benimmt, ob er in Panik verfällt, sich einigermaßen entspannen kann oder es sogar zu einem Kontakt kommt.
Ich hasse dieses Thema. Es liegt mir so schwer auf der Seele und ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich verzweifle fast daran.

Wie soll ich ihn schützen?
Wie lange darf ich das noch?

Ich kann das kaum ertragen.

Baby

Durch die Schwangerschaft, die ich so eng erleben darf, ist die Babysehnsucht wieder sehr stark. Ich habe mich gestern noch durch die Fotos der frischgeborenen kleinen Kinder geklickt und die waren ja mal soooo klein und weich und wunderbar. Ich merke, dass ich die Neugeborenenfotos der großen Tochter mit Widerwillen betrachte. Ich sehe den riesigen blauen Fleck auf der Stirn und die Erinnerung ist so stark. Erinnerung an eine Sache, die ich nicht miterleben durfte. Ich weiß nicht, ob sie runtergefallen ist. Oder ob sie beim Kaiserschnitt verletzt wurde. Oder was sie mit ihr gemacht haben… Ich weiß es nicht und es schmerzt immer noch sehr.

Aber die Fotos, die in der Zeit danach entstanden, besänftigen wieder. Dieser Zauber des ersten Kindes, dieses Wunder, diese Ehrfurcht… Es ist unglaublich. Und so anders das mit jeder Geburt ist, der Zauber ist ein anderer, aber nicht weniger mystisch.

Es ist die dichteste Erfahrung, die man im Leben machen kann.

Geburt.

Gebären, Leben schenken.

Selber neu geboren werden.

Und die Sehnsucht regt sich. Nicht, dass sie jemals weg war. Aber die letzten positiven Schwangerschaftstests waren kein gutes Omen für mich.

Man kann an diese Sache nicht locker rangehen. Das ist Schwachsinn. Sich vorzunehmen, locker zu sein ist … Unsinn. Und diese wunderbare Schwangerschaft “nebenan” ist aber trotzdem so. Und sie gibt mir jeden Tag so ein Stückchen Leichtigkeit. Dieser Zauber ergreift mich.
Und wo nur dunkle Gedanken waren, bahnen sich nun Lichtstrahlen ihren Weg. Ich erkenne, warum das so gut und sinnvoll war, dass der Zeitpunkt nicht gleich war.

Weil ich erst noch Vertrauen fassen darf.
Ein Geschenk der Hoffnung.

Arbeit

Irgendwie, irgendwo zwischen Boden schrubben, Fenster putzen und dreimal am Tag saugen und das 398. Mal die Bauklötze aus der Toilette fischen ist er mir verloren gegangen, der Spieltrieb.

Kann der Mann immerhin seine sprachliche Fähigkeit, mit Worten zu spielen, an den Bürohasen ausleben, die keine Kinder haben und mit Arschgeweih, Stringtanga und rausfallenden Titten seinen Büroalltag bereichern, setze ich auf klare kurze Anweisungen.

Keine Ironie, kein Zynismus, keine Andeutungen, nein, wir leben die Hundeerziehung und setzen auf maximal Zweiwortbefehle.

Ich kann Frauen sehr gut verstehen, die nach der Geburt wieder arbeiten gehen, weil ihnen der Ausgleich fehlt. Nicht, weil Kindererziehung zu anspruchslos wäre oder man sich langweilen könnte, Gott bewahre, es ist und bleibt ein Vollzeitjob. Unterbezahlt, ungedankt, unbefriedigend. Denn: was nach einigen Jahren Früchte trägt, wird im Alltag hart erkämpft. Und nur weil meine Kinder in ein, zwei, drei Jahren alle höflich sind, sich durchsetzen aber auch benehmen können, heißt das nicht, dass wir hier glückselig lächelnd durch die Gegend tanzen.

Also nicht nur, zumindest.

Ich hätte gerne eine richtige Arbeit. Eine bezahlte, eine, die mir Anerkennung in Form von Geld bringt. Eine, für die ich mein Zuhause verlassen kann und abends wieder heimkommen darf.

Ich lehne dies für mich persönlich jedoch vollkommen ab. Ich habe mich entschieden, dass die Kinder mit einer jeden Tag äußerst präsenten Mutter groß werden.

Weiterweiter, schnellerschneller

„Du bist doch noch ein Baby!“, möchte ich manchmal der Motte zurufen, sie zurückhalten, hemmen, ausbremsen.

Mit zwei größeren Geschwistern tut das Kind Dinge, die das erste Kind noch nicht getan hat, als es schon doppelt so alt war.

Ich möchte sie nicht bremsen, aber dieses immer vorwärts Drängen ihrerseits macht mir manchmal Angst.

Vielleicht wäre sie auch als zweites Kind so gewesen, vielleicht liegt es in ihrer Natur, sich die Dinge so schnell und komplex anzueignen.

„Ich bin noch nicht so weit.“

Diesen Satz habe ich bei jedem Kind mehr als einmal gedacht. Ausgesprochen nie. Sie werden schon wissen, was gut ist. Und ich geh einfach mit.

Im Moment ist alles im Wandel. Wir kämpfen an so vielen Fronten, dass es einfach nur Kraft zehrt. Der Kobold ist ein Zweimannbeschäftigungsunternehmen. Tagsüber, nachts, 24 Stunden am Tag.

Manchmal muss ich mich zusammenreißen, dass die Tränen erst einmal trocknen können, bevor Neue dazukommen.

Dad

Es könnte so einfach sein: „Weißt du was? Ich vermiss dich. Deine Tochter.“

Ich würde dafür genauso abgestraft werden wie all die Male zuvor in all den Jahren und Jahrzehnten vorher. Das Wissen macht das Herz nicht leichter.

Vor wenigen Jahren erst hat mein Psychologe mir gesagt, dass ich erst in dem Moment frei sein würde, in dem ich solche Dinge sagen und mitteilen könnte, ohne mir über das „danach“ Gedanken zu machen. Nichts zu erwarten, einfach nur in den Raum stellen. Um danach weiterzugehen. Sich treu bleiben.

Was hält mich noch?

Ich verschwende so wertvolle Gedankenarbeit an diese Beziehung, die nie eine war. Und doch… Auch Fesseln bedeuten Bindung.

Habe ich geistig doch schon begriffen, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen werde, nicht mehr mit ihm sprechen werde. Er hat eine Entscheidung getroffen, ich habe eine Entscheidung getroffen. Sehr erwachsen. Hat ja aber niemand behauptet, dass es einfach werden würde.

Wie er sich denn verändert habe, woran ich glauben oder worauf ich hoffen würde, fragte der große hübsche Mann gestern. Meine Antwort war so einfach wie erschreckend. „Er ist mit den Jahren immer weniger grausam geworden.“

Ich weiß ganz tief in mir, dass das kein Maßstab sein kann, sein darf.

Opa,

ich trage diese Frage in meinem Herzen und bekomme von dir keine Antwort. Dein Sohn fehlt mir. Mein Vater.

Mein Vater…

Weißt du noch, wie wir vor 6 Jahren gemeinsam Auto gefahren sind? Du, er, ich und meine erstgeborene Tochter? Wie wir plötzlich ganz still wurden, alle miteinander? Als uns bewusst wurde, dass wir vier – vier Generationen in einer Linie, gemeinsam dort saßen und dieses Band spürten?

Dieses starke unnachgiebige Band aus Blut.
Blutsbande. Hast du gesagt.
Wir vier. Hast du gesagt.
Wir werden ewig leben. Hast du gesagt.

Ich stehe hier vor den Scherben. Hinter mir die Brücken sind abgebrochen, als ich deine Asche in meinem Arm zum Grab trug. Da ist nichts mehr. Ich stehe mit dem Rücken zum Abgrund und es geht nur noch nach vorne.

Ich weiß, ich erschaffe Neues. Neues Leben, neue Traditionen, neue Geschichten. Aber er fehlt mir so. Völlig irrational überrollt mich dieses Gefühl, das vom Geist nicht zur Ordnung gerufen werden will.

Ich weiß ja nicht mal, ob du mich hörst. Ich weiß ja nicht mal, ob du noch da bist. Vielleicht haben wir einfach nur kalte Asche in der Erde verscharrt. Körper, Geist, Seele – tot. Tot. Einfach nur tot.

Er lebt noch. Dein Sohn. Er ist noch ganz lebendig und ich weiß, wie ich so oft als Kind wissen wollte, wie sich die Bartstoppeln auf seiner Wange anfühlen. Ich habe mich nie getraut, ihn mal zu streicheln. Ihn zu berühren. Heute würde ich mich vielleicht trauen. Nur einmal dieses Bedürfnis befriedigen. Nur einmal die Liebe, die immer totgeprügelt wurde, zeigen.

Einmal nur. Einmal nur das Herz öffnen und geben.
Vielleicht könnte ich ihn dann leichter gehen lassen.
Wir wissen beide (bist du noch da? Kannst du mich hören, verflucht noch mal???), dass das nicht sein kann.

Der Mann, den ich geliebt zu haben glaubte, existierte nie.

Den Mann, der er ist, kann ich nicht lieben.
Ich bräuchte jetzt mal ganz dringend deinen Rat.

Grenzen

Jedes Mal, wenn wir von einem dieser Marathonwochenenden bei meiner Großmutter wiederkommen, spielt mein Körper verrückt.

Ich habe jedes Mal für drei bis vier Tage nach dem Besuch vereiterte Mandeln, Schluckbeschwerden, Husten, Übelkeit.

Da wir in Abständen von 2-4 Wochen dorthin fahren, ist das nicht gerade selten.

Ich weiß, woran es liegt, keine Frage. Der große Mann kann mittags um 12 Uhr Schluss machen, auch diese Zeit muss nachgearbeitet werden. Die Kinder HASSEN das Autofahren. Gerade die Kleinen. Es sind mindestens 3 Stunden. Wir fahren diese 3 Stunden auch nicht entspannt, da wir wissen, was auf uns zukommt. Wir haben versucht, das Ganze als „der Weg ist das Ziel“ zu probieren, aber nach 6 Stunden Autofahrt mit langen kindgerechten Pausen und Bewegung sind wir noch fertiger als nach 3 oder 4 Stunden. Kommen wir an, meistens am späten Nachmittag bis frühen Abend, tragen wir unser Gepäck hoch und versuchen uns zu fünft in dem größten Zimmer, das etwa 14qm hat und zwei große sperrige Einzelbetten beherbergt, einzurichten. Liegt die dritte Matratze auf dem Fußboden, ist das Zimmer voll. Voll im Sinne von: Man bekommt genau viermal einen Fuß auf den Fußboden, der Rest ist bedeckt.

Ich kann gerade noch die Sachen so hinstellen, dass wir wenigstens einigermaßen die Kinder fertig machen können, ohne uns (der große Mann und ich) gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Der Mann trägt das ganze Computerzeugs ins Wohnzimmer, denn der Bürokram muss ja auch noch erledigt werden. Inzwischen sind wir eine Stunde da und sind bereits 7 Mal gefragt worden, wann wir essen wollen, was wir die nächsten Tage essen wollen und ob wir mal dies, mal jenes erledigen könnten. Das machen wir zwischendurch, keine Frage, immer die todmüde Motte, die meistens an Papas Hemdzipfel hängt, dabei, das große Tochterkind, das sich so gar nicht wohl fühlt und mit großen Krokodilstränen in den Augen meistens nach der Fahrt völlige Ruhe bräuchte.

Der Kobold, dieses besondere Kind, bei dem eine falsche Handlung, ein falsches Wort, ein blöder Zufall reicht, ihn explodieren zu lassen. Zu einem Kind werden zu lassen, dass sich in uns festbeißen muss, uns schlagen muss, laut kreischen, dutzende von Minuten lang, ununterbrochen, um den Druck abzubauen. Eine Wohnung, die es uns nicht erlaubt, mit diesem Kind einen dunklen geschützten Ort aufzusuchen, an dem es ruhig ist.

Ich erinnere mich an die Szene, als der große Mann den Kobold auf dem Arm wiegte, ich ein Milchfläschchen machte und versuchte, mich zu beeilen und meine Großmutter mir entweder im Weg stand oder – obwohl der Mann mehrfach sagte, dass sie das nicht dürfe – den Kobold anfasste. Der zuckte nur vor Pein und der Mann wandte sich ab und hob ihn höher. Das interessierte aber nicht. Das zu verarbeiten schafft sie leider nicht mehr – dieses Verständnis kann sie nicht aufbringen. Sie fragte mehrfach ungläubig, ob er denn tatsächlich noch eine Flasche bräuchte. Mit Sauger. Er sei schließlich schon drei Jahre alt. Und ich war unglaublich entnervt.

Wir gehen dieses enorme Risiko ein, den Kobold außer Haus zu bringen, wohl wissend, dass uns das mit ihm um Monate zurückwerfen kann und ich war kurz davor, sie einfach nur undankbar anzufahren, sie solle den Mund halten.

Als sie dann wieder einen Schritt auf den Mann zumachte und versuchte, unser Kind zu berühren, dass gerade die Schulter des Mannes blutig biss, um das Leben zu ertragen, ging er diesen Schritt.

Er drehte den Kobold weg und sah sie an und fuhr sie an: „Nicht. Jetzt. Oma.“

Und ich war so dankbar. Ich hab das in meinem Kopf nicht hinbekommen, die frische Witwe in ihre Schranken zu weisen, in ihrer Wohnung, kurz nach dem Tod meines Opas. Obwohl ich ganz klar die Prioritäten auf meinem Kind hätte liegen haben müssen.

Ich habs nicht geschafft.

Reif

Oft in meinem Leben hatte ich Wunschträume und Vorstellungen und natürlich gute Vorsätze.

Im Laufe von langen Jahren, in denen ich oft und gerne und immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt bin, habe ich erkannt, dass es sinnlos ist, einen Vorsatz fassen zu wollen.

Jeder Vorsatz ist zum Scheitern verurteilt, wird er bedacht.

Irgendwann kommt die Minute, der Moment, der Augenblick, in dem die tiefgreifende Erkenntnis ins Gehirn gespült wird, die nur wenige Buchstaben hat:

Jetzt.

Die Dinge müssen reif sein, sonst sind sie ungenießbar.

Abschied

Gestern Abend habe ich das erste Mal nach seinem Tod Bilder der letzen Jahre von meinem Opa angesehen. Hier im Wohnzimmer an der Bilderwand hängen zwar auch einige, aber da es sich um mehrere hundert Bilder handelt, kann man die mit Opa auch ganz gut übersehen.

Gestern habe ich mich bewusst gestellt.

Vor 7 Jahren, wie er meine erstgeborene Tochter vorsichtig in seinen riesigen Pranken hielt, immer Angst hatte, ihr weh zu tun. Er hielt die Hände wie eine Schale, das Neugeborene darin gut behütet, das kleine Köpfchen lugte noch hervor, der Rest lag in seinen Händen. Meine Tochter war da erst wenige Tage alt.

Verunsichert sah er mich immer wieder an, dieser große starke Fels, der durch ein flaumweiches neues Menschlein ganz schön ins Schlingern geriet. Mir wurde erst Jahre später bewusst, dass er meinen Vater in diesem Alter nie auf dem Arm hatte. In den Nachwehen des Krieges gab es andere Dinge zu tun. Auch mich hatte er als Neugeborenes nicht auf dem Arm. Erst bei meiner Tochter schloss sich etwas.

Vor 6 Jahren war er zu Besuch und meine gerade einjährige Tochter wurde von ihm heimlich mit Vanillepudding gefüttert, weil diese Pampe, die sie sonst bekam, ja nichts wäre, wovon so ein Kind satt werden könnte. Wir haben uns damals ziemlich in die Haare bekommen, weil ich sehr strikt meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Er warf mir an den Kopf, dass sein Sohn im Alter von zwei Wochen bereits Bratkartoffeln gegessen und das auch prima überlebt hätte. Ich fuhr ihn an, dass das aber nicht das Maß aller Dinge sei und es nun immerhin über 50 Jahre später wäre. Er hatte das nicht verstanden und lenkte trotzdem ein.

Vor 5 Jahren bei seinem Besuch hatte meine Tochter erste Worte und ihren eigenen Kopf entdeckt und nuschelte ganz herzallerliebst ein zartes „Uaopapa?“ mit einem Augenaufschlag, wenn sie etwas von ihm wollte. Auf den Bildern ist er sehr kräftig, gut gelaunt. Ich sehe meine schwache Oma dagegen, der es gerade zu dieser Zeit überhaupt nicht gut ging und ich erinnere mich, dass mir das Sorgen machte.
Er mir überhaupt nicht.

Die darauffolgenden zwei Jahre habe ich ihn überhaupt nicht gesehen. So viel ist passiert in diesen Jahren, wir bewegten und alle sehr voneinander weg.
Vor zwei Jahren hat er schließlich den Kobold das erste Mal gesehen. Dieses ständig schreiende und brüllende Kind, das keine fremden Menschen mag, kletterte aufs Sofa und hoppste meinem Opa in die Arme, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen.

Bilder von Oma und Opa, wie sie einträchtig nebeneinander auf dem Spielplatz mit uns sitzen, kräftig, gesund, gut gelaunt. Niemand dachte an den Tod. Da war viel zu viel Leben. Mein Opa plante weiter Operationen zur Verbesserung seines Allgemeinzustandes. Hier noch ein neues Knie, da noch eine kleine Erneuerung, er hatte schließlich noch viel vor.

Letztes Jahr fing es mit den kleinen Wehwehchen an. Die Motte wurde geboren und wir waren alle sehr beschäftigt.
Dieses Jahr dann dieses Gefühl.

Der völlig überstürzte Aufbruch von uns in das Heim, in das er aus dem Krankenhaus gekommen ist, weil er sich plötzlich überhaupt nicht mehr selbst versorgen konnte. Dieses Gefühl.

Die Aussage von Ärzten und Pflegern, es sei alles in Ordnung. Alles im Rahmen, alles prima. So schnell stirbt es sich nicht. Aber dieses Gefühl.

Die Erleichterung bei der Ankunft, ihn zu sehen. Diese hellen Augen, die mal so blau waren und mich sanft ansahen, ohne dass ich verstand. Die großen Hände, die die kleinen Füße der Erdbeermotte zart berührten. Die Finger, so beweglich einst, die steif und voller Schmerzen waren. Mein Opa. Mein Mut, ihn nach 10 Jahren das erste Mal wieder zu umarmen und das Gefühl, dieses warme, helle, leuchtende Gefühl, dass sich ein Kreis schließt.

Dass es gut ist.

Es gibt ein Foto, das ich gar nicht bewusst nur von ihm gemacht habe. Wir saßen im Heim alle vor dem Fernseher, den mein Mann für ihn eingestellt hat. Er wollte so gerne fernsehen, hatte aber keine Ahnung, wie man das Gerät richtig einstellt. Also hat der große Mann das gemacht. Opa saß in seinem Sessel, mein Mann mit der Motte auf dem Schoß daneben, die mit ihrem Fuß immer gegen die kitzelnde Hand meines Opas stupste. Daneben auf einem Stuhl der gespannte Kobold und das Tochterkind, die dachten, sie würden durch göttliche Fügung gleich in den Genuss von SpongeBob kommen und fasziniert auf das grauwuselnde Bild blickten.

Ich wollte nur diese Situation mit der Kamera festhalten, keiner sah in meine Richtung und ich drückte auf den Auslöser. Später, viel später sah ich mir dieses Bild wieder an und mir schoss das Adrenalin in die Adern.

Mein Opa sieht mich auf diesem Bild mit seinen fast weißen Augen direkt an. Nicht zufällig.

Wissend.
Ein wenig müde, aber sehr liebevoll lächelnd.
Dankbar.

Zum Abschied.

Es ist das letzte Foto von ihm.