Agonie [Anne]

Es würgt und schüttelt mich. Der erste Schritt hin wäre so einfach, eine Hand, die gereicht wird, die von mir kommt. Und ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich nehme diese meine Grenze so plastisch wahr, dass ich selbst bei dem vorsichtigen Gedanken an einen Schritt nach vorne fast körperlich spüren kann, wie massiv sie ist. Es ist kein Schatten, über den ich springen müsste, es wäre eine grundlegende Missachtung meiner ureigenen Bedürfnisse und des Grundrespekts, den ich einfordere. Ich kann nicht.

Es gibt kein Vor und es gibt kein Zurück. Ein Totschlagargument ist immer ein Ende. Die Gewalt und die Wucht, mit der es herausgeholt wurde, zeigt mir die Wunde. Nicht meine.

Ich drehe mich im Kreis und möchte genau jetzt gerne aufgeben. Einfach so. Schlaff zusammensacken, was mich so viel Kraft und Vernunft kostet und aufgeben.

Früher habe ich auf Manipulationsversuche anders reagiert. Und es ist mir so vertraut, dieses Muster. Ich erkenne mich wieder, möchte mich anschmiegen an diese Abwärtsspirale aus Unerfahrenheit und Machtgier, weil ich sie kenne. Ich möchte den Therapeuten, den zu spielen so verlockend ist, gerne einfach nur in den Arm nehmen und versichern, dass ich genauso war.

Damals. Es ist so viel passiert und Augenhöhe benötigt nicht dasselbe Alter.

Aber vielleicht einen ähnlich langen Weg.

Feldzug [Anne]

Geradezu ekelerregend zäh tropfen die Gedanken durch meine Finger auf die Tastatur, nicht ahnend, nicht wissend, was als nächstes geschrieben wird. Ob es geschrieben wird, geschrieben werden muss.
So roh der Zustand, in dem ich die letzten 6 Monate verbrachte habe, so empfindlich, so vergänglich…. Ein Raum, geschützt, geachtet, der sich geöffnet hat.

Und dort ist, war, kein Platz für Wertungen, für den Schwanzvergleich, wer mehr Leid erfahren musste. Inzwischen ein Ort für das Wetteifern, wer mehr Leid erfahren durfte, wer schlechter ist, wer mehr leiden darf im Leben, wer es schwerer hat, wer unordentlicher ist… und ich sage wieder … nichts… Es kostet mich kaum noch Nerven, die Frage ist, ob ich weiser oder gleichgültiger werde oder ob nicht Beides das Gleiche ist.

Ich kenne den Königsweg, ich würde dieses Verhalten wählen, weil ich die Strategie kenne. Ein weiteres Spiel in der Blase, in der nicht gespielt werden sollte. Ich entscheide mich dagegen. Und schweige. Schmerzhaft, roh, verletzt und wund.

Die moralinsaure Keule der ethischen Integrität wurde geschwungen und lässt mich zurück, blutend, still.
Hole ich meine heraus, werde ich vernichten. Dazu habe ich zu viel gesehen und erlebt. Aber ich will nicht. Bewusste Entscheidung gegen alles, was mir beigebracht wurde.

Aus Respekt? Höchstens für mich selber.

Wert [Anne]

Es verändert sich. Wo uneingeschränkte Hingabe war, kehrt nun Misstrauen ein. Misstrauen, das wuchs. Die schlechteste Art, Vertrauen zu untergraben. Es ist viel passiert in den letzten Monaten, es fehlt die Nähe, die unmittelbare.

Ich wanke hin und her und weiß, was für mich das Beste wäre, weiß, wo ich meine Gedanken hinlenken müsste, um wieder etwas freier zu werden.

Intensität um den Preis der Selbstaufgabe ist wertlos.

Bussi

Ich mag keine Küsschen. Ich mag keine Bussis. Ich mag keine Umarmungen. Ich mag es roh und direkt und ich mag diesen Blick, der sich durch die Maske bohrt und die Menschen verhöhnt, die meinen, ein sorgsam normal aufgebautes Leben zu führen.

Reißen wir alles weg, sind wir alle gleich.

Gleich blutig.

Ordnen

Ein Abschnitt ist zuende. Diese Asche, durch die wir die letzten Monate gewankt, gehustet, gestolpert sind, war furchtbar.

Der Feuervogel durchschreitet die Talsohle, um sich mit neuer immerwährender Kraft zu erheben. Es war gut, wie es war, möchte ich schreiben, aber das war es nicht. Es war nicht nur Asche unter unseren Füße, dort waren auch Scherben. Winzige kleine Glassplitter, die sich bei jedem Schritt ins Fleisch bohren.

Es war nicht gut. Es war nicht schlecht.
Es war wie es war.
Wir müssen uns neu positionieren. Wir alle. Als Freunde, als Partner, als Gefährten, als Familie und als Individuen.

Jetzt ist Luft da. Luft zum Nachdenken, zum Atmen, zum Entspannen, zum Fliegen. Und jeder muss seinen Weg wiederfinden. Oder neu suchen.

Für mich ist der Abschnitt Frau Limette zuende. Ich weiß nicht, was Neues beginnt, ich kenne mich noch nicht in diesem Zyklus meines Lebens.
Aber es fühlt sich gut an. Richtig. Leicht.
So soll es sein.

Normalität

Normalität mit dem Kobold wird und ist schwer erkämpft. Und doch ist dieser harte und oftmals recht brutale Weg, der nun schon zu einem so großen Teil hinter uns liegt, genau der richtige. Es wird jeden Tag besser. Dinge passieren, die ich niemals für möglich gehalten habe. Und so war es in den letzten Wochen auch eine Zeit des Abschieds. Abschied von einer sehr intensiven, sehr schmerzhaften und besonderen Zeit mit einem sehr speziellen Kind. Wir nähern uns der Zielvorgabe “relativ normal” und das fühlt sich für den Kobold großartig an, ohne ihn in seiner Individualität zu beschneiden.

Die Attacken werden kürzer. Leiser. Weniger schlimm für alle. Ich hänge am Ende des Tages nur noch schlapp in einer Ecke und kann nicht mehr, aber das Aufstehen und Aufrappeln jeden Morgen lohnt sich.

Es wird heller.

Anne

So roh und unerträglich die letzten Wochen waren, so sehr waren sie auch Geschenk.

Endlich mit dem Kampf nicht mehr alleine sein.

Sich fallen lassen dürfen, jeden Tag. Nach dem Kampf, während des Kampfes. Wenn da (wenn auch nur virtuelle) Arme sind, die umfangen und für einen kurzen Moment alles abschirmen, das auf einen einstürmt.
Die kurze Pause, das Schreien, das jemand aushält.

Eine Stunde, zwei.
Vertrauen, Liebe, die es möglich machen, dass man sich offenbart. Angenommen wird. So wie man ist. Getragen.

In Freundschaft. In Liebe.