Dünne Nerven

Man sollte meinen, mit der Zeit schleicht sich ein gewisser Gewöhnungseffekt in Todesdingen ein, aber so ist es nicht.

Und so ziehen und zerren und zehren die sich immer wiederholenden Gespräche mit den Kindern über Tod und Sterben und den Wert von Leben an meinen Nervenenden, so dass ich am liebsten ein Kopfkissen über den Kopf ziehen würde, um nichts mehr hören zu müssen.
Ich kann den Wert eines Lebens nicht beziffern. Weder den einer lebenden Ameise noch eines lebenden Babys oder Greises.

Heute Nacht das beeindruckende Gefühl einer reißenden Fruchtblase geträumt und plötzlich war es fünf Jahre früher, als ich mit zwei kleinen Kindern im Wohnzimmer stand, die Hand auf dem nur leicht runden Bauch und das Reißen sehr deutlich spüren konnte. Und mein erster instinktiver Impuls Freude war, bevor mir bewusst wurde, dass ich das Todesurteil meines Kindes gespürt hatte.

Und so lag ich da, schweißgebadet, meine Gedanken sammelnd, ob es nun Traum oder Wirklichkeit war, ob ich mich nun darauf einstellen muss, ein Kind zur Welt zu bringen oder mich umdrehen kann, um neben den seidig weichen, duftenden Haaren der Motte beruhigt weiterzuschlafen.

Erst ein Gang durch die Wohnung und ein Hineinspüren in den Bauch brachte Sicherheit und Gewissheit, dass alles so ist, wie es sein sollte. Mein Sohn bewegte sich unter meiner Berührung, sachte nur, aber immerhin so beständig und unaufgeregt, dass es mich nach einiger Zeit wieder in den Schlaf sinken ließ.

Seine Namen stehen seit einiger Zeit unumstößlich fest, ein Trost in düsteren Gedankengängen, dass es eines weniger sein wird, um das wir uns im Todesfall Gedanken machen müssten. Jetzt verabschiede ich mich von der Nacht und den Todesgedanken, das Licht und der Tag warten schon seit Stunden auf mich.

Spät dran heute, gefangen, gefesselt in der Dunkelheit…

Rat wie Schläge

Manchmal möchte man einfach nur so frei sein, zu äußern, dass das Leben oder ein Moment oder ein Ausschnitt aus diesem Leben oder eine Situation stressig und anstrengend ist, ohne gleich Ratschläge zu bekommen, wie etwas besser laufen würde.

Es sagt viel über das Gegenüber aus, wenn es meine Gefühle oder meine Aussage nicht einfach so hinnehmen und stehen lassen kann und weit davon entfernt ist, die Kernaussage zu begreifen…

Sicherheit

Vielleicht muss Liebe erst eine gewisse Grundselbstverständlichkeit erreichen, innerhalb derer nicht mehr gebuhlt oder beeindruckt werden muss, damit wahre Aufrichtigkeit zustande kommt.

Nichts macht uns intriganter und unsympathischer, als der Drang, vom Anderen geliebt werden zu wollen. Fällt dies weg, können wir die Wahrheit mit einbeziehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Urvertrauen.

„Wenn Sie noch ein totes Kind haben wollen, nehmen Sie ruhig was…“

Der Arzt auf meine sachliche Frage, ob und welche Art Schmerzmittel für mich in Betracht käme, weil die verrenkte Hüfte mich weder richtig schlafen noch laufen noch meinen Alltag bewältigen lässt.

Danke. Danke für diese einfühlsame nette und menschliche Art. Danke für den Beweis dafür, dass Ärzte sozial kompatible sachlich argumentierende Menschen sein können. Nicht.

Ich würde weinen, wenn ich mir diesen Moment der Schwäche zugestehen würde. Ich will nicht. Diese Schwangerschaft noch und dann wird final operiert.

Ich werde mich mein Leben lang weder noch einmal einem solchen Zustand aussetzen noch der Behandlung der Asozialen, die sich Ärzte nennen.

Montag…

Okay, bis zur Hälfte des Tages verbuche ich also eine weitere Talfahrt auf meiner ganz persönlichen Depressionsachterbahn, habe Kopfschmerzen und immer noch eine vereiterte Nasennebenhöhlenentzündung, habe mit dem Jugendamt, dem Amtsgericht und einer Anwaltskanzlei gesprochen, nach langer Zeit nenne ich wieder einen Anwalt mein eigen, habe mit dem Horrorhühnerhaufen des Kindergartens eine Grundsatzdiskussion über Impfen,  Schokolade, Geburtstage für 4jährige mit Schatzsuche mit geschriebenen Hinweisen, die keiner der Gäste lesen kann und unangeschnalltes Autofahren geführt und meine Hüfte ist nach wie vor ausgerenkt/verrenkt/ähnliches, während heute Morgen die Parkplatzsituation so war, dass jede Mutti zwei Parkplätze blockierte und ich somit vom nahegelegenen Supermarktparkplatz einen halben Kilometer mit besagter Hüfte und im siebten Monat schwanger den Berg hochhumpelte.

Zwanzig Minuten für eine Strecke. Ich liebäugle noch mit dem Marathon.

Damals, bei der Steißbeinwasauchimmer in der Schwangerschaft mit dem Kobold ließ man mich erst vier Stunden im Krankenhaus warten, während derer ich stehen musste, dann musste ich mich vor Schmerzen schreiend auf eine Krankenhausliege legen, während man mir sagte, dass man mich weder röntgen noch mir etwas gegen die Schmerzen geben würde. Schwangerschaft und so. Auf wiedersehen und sehen Sie doch zu, wie sie zurechtkommen.

Ich kam zurecht und deswegen erspare ich mir aus Effizienzgründen den Besuch dort, auch wenn ich gestern Nacht kurz davor war, den Krankenwagen zu rufen. Nur wofür?

Das Verhalten der meisten (Krankenhaus-)Ärzte ist der letzte Dreck, da diese zuallererst an ihre Haftpflichtversicherung denken. Und asozial noch dazu. Umgangsformen legt man zumindest im Krankenhaus wohl spätestens während des ersten Patientenkontaktes ab.

Heute dann nur noch eine kleine geschmeidige Frenektomie beim großen Kind (der Gefrierschrank ist RANDvoll mit Wassereis) und der Versuch, heute zumindest so lange aufzubleiben, bis die Kinder im Bett sind, um mit dem Mann den Streit von gestern Abend fortzusetzen.

Ein ganz normaler Montag also. Da geht noch was. Ist ja erst 1 Uhr.
Jetzt erst mal wieder eine Handvoll Schmerzmittel und weiter im Laufrad.

Schwangerschaft [ein letztes Mal]

Okay, lieber Körper. Ich tue, was ich kann. Ehrlich. Dieses eine Menschlein nur noch, nur dieses Eine noch heile ein paar Wochen beherbergen, okay? Dann gehörst du wieder dir und mir allein.
Ich finde es wirklich entzückend, wenn mir jeden gottverdammten Morgen Galle und Blut durch Nase und Rachen laufen, wenn ich kotzend unter der Dusche stehe, mit Wehen, Magenkrämpfen und in Gegenwart von drei Kindern, die bei dem dazugehörigen Wimmern nun mal um die Ecke schauen. Ich weiß, es ginge noch schlimmer, ehrlich. Das tröstet aber nur begrenzt. Und wenn ich wieder eine Nacht beschissen geschlafen habe, weil du mit deinem verfickten Gehirn jede einzelne Missbrauchssequenz mit meiner Mutter wieder hochholst, ich weiß, es ginge schlimmer. Du Arschloch.
Ich kümmere mich um dich. Ich passe auf mich auf. Ich schleppe dich zu jedem Arzttermin, damit du auf Herz und Nieren überprüft wirst und am Ende ist es sogar das, was diese enorme Abwehr hervorruft.

Aber dieses eine Baby noch, ja? Ich spare mir die schnöden Worte, ich könnte nicht mehr, denn ich kann noch. Ich kann noch sehr viel mehr ertragen als deine blöden Wehen und die panische Angst, dass dieses Baby jetzt stirbt. Jede gottverdammte Minute meines Lebens denke ich daran, warum ich meinen Sohn nicht spüre. Nur noch 15 Wochen. Das schaffen wir.
Pflaster mich meinetwegen zu mit deinen Kopfschmerzen und deinen Krämpfen und Wehen, dem massiven Gewichtsverlust und weiß der Teufel noch was. Ich stehe jeden Morgen wieder auf. Das ist etwas, das ich gelernt habe. Jeden verfluchten Scheißmorgen kannst du mich gängeln und geißeln bis ich abends um 8 Uhr erschöpft ins Bett falle. Um mich dann im Schatten der Nacht mit meinen Erinnerungen zu quälen. Bis um 6 Uhr, wenn ich wieder aufstehe, weil ich den Geschmack meiner eigenen Galle wieder im Mund habe.

Fick dich selber, wenn du mit mir durch bist.

Schutz

Manchmal wünschte ich, ich könnte euch jeden Wunsch von den Augen ablesen und erfüllen. Manchmal wünschte ich, ich könnte einen Teil meiner Unsterblichkeit geben, euch zu schützen. Euch unverwundbar zu machen gegen all das Leid und die Schmerzen und Qualen, die da noch kommen werden in eurer Zukunft.
Manchmal denke ich, es ist egal, was nach meinem Tod kommt.
Manchmal habe ich das Gefühl zu lügen, wenn ich mich stark und unsterblich mache euch gegenüber, weil auch ich nur schwach und sterblich bin.
Manchmal weiß ich, dass ihr daraus Kraft schöpft. Manchmal macht es euch unsicher. Manchmal stark.
Manchmal braucht ihr die Sicherheit, manchmal fordert ihr sie, manchmal muss ich sie euch verwehren, damit ihr an Stärke und Glauben an euch selbst gewinnt.
Manchmal muss ich euch verletzen, um euch zu schützen.
Manchmal muss es weh tun, wenn es weitergehen soll.
Manchmal verzweifle ich an mir selber.
Manchmal wünschte ich, ich wüsste, was das heißt… Liebe.

Erkenntnis

Der Grund, dass Männer Ratgeber für Männer schreiben, wie sie erfolgreich Gelassenheit, Sportlichkeit, Karriere und glückliche Familie unter einen Hut bekommen können, besteht darin, dass diese Männer nun mal die dumme aufopfernde Frau zuhause voraussetzen, die Heim und Herd umsorgt, die Kindererziehung verantwortet und den Mann nach ganzen Kräften dabei unterstützt, morgens vor der Arbeit eine Stunde joggen zu können, Überstunden zu machen, glückliche und wohlerzogene Kinder zur einstündigen abendlichen Unterhaltung bespielen oder wahlweise ignorieren zu können und ihm währenddessen noch bei der Selbstverwirklichung hilft. Die Frau hat dann ein Kind mehr und der Mann kann sich irgendwann was darauf einbilden, ein glückliches und freies und selbstbestimmtes Leben verwirklicht zu haben. Bevor er sich nach einem zwanzigjährigen Häschen umsieht, das so viel frischer und jugendlicher ist als die alte abgehalfterte Schabracke, die zuhause auf dem Zahnfleisch kriecht.