Adriano Celentano

Es ist mir kaum möglich, etwas von ihm zu hören. Jeder Ton beschwört die Erinnerung an meinen Großvater herauf, der ihm so ähnlich sah.

Exakt dieselbe Stimme, die mir immer und immer wieder Max und Moritz vorgelesen hat, dieses tiefe heisere Grollen, das auch Tote wiederauferstehen lassen würde.

Dieselbe Männlichkeit und auch Gewalttätigkeit, unfassbarer Charme, Charisma… aber allem voran diese Stimme, die bis tief in den Bauch dringt und alle Nervenenden vibrieren lässt. Absolute Dominanz, absoluter Schutz. Liebe. Geborgenheit.

In Momenten wie diesen wird mir klar, warum mein Vater ihn dafür gehasst hat, nicht von ihm geliebt zu werden.

Verdachtsmomente

Der Mann stellt jetzt seit drei aufeinanderfolgenden Tagen den Duschkopf aus zweieinhalb Meter Höhe wieder nach unten.

[Das bedeutet, ich muss nicht hochschwanger unter der Dusche herumhampeln und versuchen, meine gute Laune zu behalten, während ich verzweifelt versuche, die bombenfest gedrehte Halterung loszuschrauben und/oder es mir wenigstens gelingt, den Duschkopf aus der Halterung zu lösen, um so zu duschen]

Das ist etwas, das in 6 Jahren nicht öfter als ein paar Mal im Jahr geklappt hat und ich starre seit 3 Tagen jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr im Bad fassungslos die Dusche an.

Am ersten Tag war ich freudig überrascht.
Gestern fand ich es seltsam.

Heute bin ich kurz davor, Amok zu laufen und auf der Suche nach seiner Affäre sein Büro zu stürmen und nach Beweismaterial zu suchen.
[zuhause hab ich schon alles durch]

Ich hab Hormone.

Gedankenarbeit

Erst Tränen vergossen, als ich eine Rede Nelson Mandelas hörte, der heute Geburtstag hat und dann an seinen Satz gedacht, der seit langer Zeit wie ein Stachel tief in meinem Fleisch sitzt: „Nur ein Mensch ohne Hass ist frei.“

Und so kommt mir mein eigenes Leben mal wieder wie eine endlose Aneinanderreihung von Rückschritten vor. Arbeit, Arbeit, Arbeit… Wann sich wohl der Knoten lösen wird…
Es gibt Antworten, die man nicht verstehen kann, wenn man die Frage stellen muss.
Und so ist der Griff zur Gitarre heute von einer melancholischen Grundstimmung begleitet, die mir Tränen aus Liebe und Hass gleichermaßen in die Augen treibt.

Just give me a steel guitar, a glass of wine

and let me drink to a love I thought was mine…

Gedankenmüde.

Gleichgültigkeit

Vielleicht ist das Schlimmste an diesem Zustand die alles erträglich machende und gleichzeitig so unerträgliche Gleichgültigkeit. Ich bin heute das erste Mal an unserem persönlichen Einkaufsobdachlosen vorbeigegangen und hatte keine Worte. Nur hässliche, zynische Gedanken, die mir so vertraut sind, weil ich damit aufwuchs und gegen die ich mich Zeit meines Erwachsenenlebens zur Wehr setze. War froh, dass er in die andere Richtung sah und ich mich nicht entscheiden musste…
Heute nur Sprachlosigkeit. Und Zynismus. Kein freundlicher Gruß, kein kleiner Plausch, die Nerven waren dafür nicht da.
Erinnere mich daran, wie ich Bahnhofsklos geschrubbt habe, um finanziell über die Runden zu kommen, irgendwie. Wusste nicht, dass es sowas wie Grundsicherung oder Sozialhilfe überhaupt gibt. Woher auch. Ich dummer gebildeter Mensch, damals. Und ich sehe ihn an und frage mich, wo heute das Mitgefühl hin ist. Eine Mischung aus überheblicher Arroganz und Gleichgültigkeit verurteilt ihn heute für einen Weg, den ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann.
Höre wie immer Kunden, die sich im Laden beschweren, dass der Bettler doch bitte mal weggescheucht werden soll, wie jedesmal.
Ein flüchtiges Gefühl durchweht mich, ist es Mitgefühl? Mitleid?
Ich frage mich, ob er das wohl haben wollte, oder ob ihm das Geld reicht, das ich ihm normalerweise da lasse.
Ob er in Kauf nimmt, verachtet zu werden, von jenen, die einen halben Meter über ihm ein bisschen Münzgeld in seine Schale fallen lassen.
Sehe vor meinem inneren Auge, wie ich meine Kinder jedes Mal vorher leise dazu anhalte, zu grüßen, das Geld persönlich zu übergeben, weil es ein Geschenk ist, kein Almosen.
Ob ihm das überhaupt auffällt oder wir nur weitere Dumme sind, die sein Leben finanzieren.
In Kauf nehmen… Käuflich sein. Das ist er. Er erniedrigt sich für Geld.

Wie die meisten anderen Menschen auch…

Auf Nimmerwiedersehen.

Vielleicht ist das mit der These vom Guten im Menschen einfach nur eine dreckig beschissene Art, die nicht ganz so Gestörten nicht vorzeitig in den Selbstmord zu treiben.
Geben wir ihnen doch was, an dem sie sich in kalten Nächten wärmen können. Jeder Mensch trägt etwas Gutes in sich… Haha. Selten so gelacht.
Wann genau habe ich mit diesem Scheiß eigentlich angefangen?

Gutes tun wollen, an das Gute glauben…?

Moral, Ethik, Anstand…

Eiternd

Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.

Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.

Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.

Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…

Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…

Ich sehe das Licht nicht mehr.