Baby

Durch die Schwangerschaft, die ich so eng erleben darf, ist die Babysehnsucht wieder sehr stark. Ich habe mich gestern noch durch die Fotos der frischgeborenen kleinen Kinder geklickt und die waren ja mal soooo klein und weich und wunderbar. Ich merke, dass ich die Neugeborenenfotos der großen Tochter mit Widerwillen betrachte. Ich sehe den riesigen blauen Fleck auf der Stirn und die Erinnerung ist so stark. Erinnerung an eine Sache, die ich nicht miterleben durfte. Ich weiß nicht, ob sie runtergefallen ist. Oder ob sie beim Kaiserschnitt verletzt wurde. Oder was sie mit ihr gemacht haben… Ich weiß es nicht und es schmerzt immer noch sehr.

Aber die Fotos, die in der Zeit danach entstanden, besänftigen wieder. Dieser Zauber des ersten Kindes, dieses Wunder, diese Ehrfurcht… Es ist unglaublich. Und so anders das mit jeder Geburt ist, der Zauber ist ein anderer, aber nicht weniger mystisch.

Es ist die dichteste Erfahrung, die man im Leben machen kann.

Geburt.

Gebären, Leben schenken.

Selber neu geboren werden.

Und die Sehnsucht regt sich. Nicht, dass sie jemals weg war. Aber die letzten positiven Schwangerschaftstests waren kein gutes Omen für mich.

Man kann an diese Sache nicht locker rangehen. Das ist Schwachsinn. Sich vorzunehmen, locker zu sein ist … Unsinn. Und diese wunderbare Schwangerschaft “nebenan” ist aber trotzdem so. Und sie gibt mir jeden Tag so ein Stückchen Leichtigkeit. Dieser Zauber ergreift mich.
Und wo nur dunkle Gedanken waren, bahnen sich nun Lichtstrahlen ihren Weg. Ich erkenne, warum das so gut und sinnvoll war, dass der Zeitpunkt nicht gleich war.

Weil ich erst noch Vertrauen fassen darf.
Ein Geschenk der Hoffnung.

Der Peter

Es ist 1998.

„Fickenblasenanalundwaskannichfürdichtun?“
Ich blinzelte. Starrte das Telefon an und legte vor lauter Schreck gleich wieder auf. Sah nochmal in die Zeitungsanzeige und tippte die dort stehende Nummer erneut.

„IchbinJasminundwillvondirgeficktwerdenundwerbistdu?“
Ich schüttelte den Kopf und ließ wieder fast den Hörer fallen. Zum dritten Mal las ich die Telefonnummer in der Anzeige, sprach die einzelnen Zahlen laut vor mich hin und tippte.

„AlleswasduwillstichbinJasminundwaskannichfürdichtun?“
Mein Gehirn verknotete sich so ein bisschen und ich vergaß, aufzulegen.
„Hallo???“

„Oh, äh, Entschuldigung, ich hab mich wohl verwählt.“

„Rufste auf die Anzeige an??“
*umpf*
„Äh. Ja. Aber dort steht, Sie suchen eine Sekretärin.“
„Ah, der Peter ist schon ein Lustiger. Wart, ich reich dich weiter!“
Bevor ich anmerken konnte, dass ich eigentlich gar nicht weitergereicht werden wollte, meldete sich schon eine tiefe Männerstimme.
„Oh?“
„Oh“ ist nun nicht gerade die Art, von der ich erwarte, dass ein potentieller Arbeitgeber sich am Telefon meldet, aber irgendwie kam ich aus der Sache nicht richtig raus.
Ich sagte mein Verslein auf, wie ich heiße, dass ich die Anzeige gelesen hätte und Berufserfahrung als Sekretärin vorweisen könne und mich nun vorstellen wollte.
„Japp.“
„Äh… Japp im Sinne von?“
„Ja, kommste her!“
Ich atmete und sammelte mich. Die letzten beiden Stellen, die ich hatte, waren eine Stelle als Sekretärin, bei der ich im Kostüm und mit Dutt schon fast aufreizend gekleidet war und bei der der Tonfall ein sehr steifer war und eine Stelle als persönlicher Chauffeur eines Geschäftsmannes und gleichzeitig dekorative Begleitung auf geschäftlichen Anlässen. Auch hier ein sehr formeller Umgangston.

Und nun konnte ich mit „Japp, kommste her“ nur schlecht umgehen.
Um welche Arbeit es sich denn genau handeln würde, fragte ich also und bekam die erfrischend ehrliche Antwort: „Ich hab nen Puff und hier ist Chaos. Ich brauch Hilfe.“
Ich war jung und wollte ja unbedingt die Welt kennenlernen…

Und so verabredete ich mich für den Abend mit „dem Peter“ im September in Bremen. Meine Lieblingskneipe.

„Der Peter“ war so sehr Klischee, dass ich ihn erst einmal konsequent ignoriert habe, weil ich dachte, das kann es nicht sein.
Tarnhose, enganliegendes Muskelshirt, Goldketten, dicke Uhr und gegelte Haare. Muskelberge, die darauf schließen ließen, dass auch viel Gehirn mit wegtrainiert wurde.

Atmen schien mit den vielen Muskeln ein echtes Problem zu sein.
Solariumhaut und blitzeweiße Zähne. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Der Peter war es dann aber wohl doch und so ging ich hin und stellte mich vor.
Mit Vor- und Nachnamen und nettem Sprüchlein.
„Ich bin der Peter.“
Äh. Ja.
„Peter…?“

„Genau. Der Peter. Einfach nur der Peter.“

Ich setzte mich und legte meine Unterlagen auf den Tisch an die Seite. Der Peter blitzte mich mit seinen weißen Beißerchen an und strahlte.
„Was hastn da mitgebracht?“
„Bewerbungsunterlagen. Lebenslauf, Referenzen.“
„Achduscheiße.“
Oh. Die Reaktion war neu.
„Den Scheiß lassen wir weg. Ich muss dich mögen und dann kannste deine Bewerbungsscheiße dem nächsten Sesselpupser in den Arsch schieben. Und wenn ich dich nicht mag, dann mag ich dich nicht. Dann wird das auch mit der Unterlagenscheiße nix. Sach ich mal so.“

OhGott.

Ich blickte ein wenig fassungslos vor mich hin und fragte mich, wie ich aus der Situation wieder rauskam.

„Ey, Schnecke! Kaffee, aber Hopphopp!“

Ich zuckte zusammen und machte ungefähr so große Augen wie die Kellnerin, die angesprochen war. Das nächste, das ich bemerkte, war, dass ich mit Alkohol gerechnet hatte. Er bestellte aber Kaffee.

Der Peter grinste mich strahlendweiß an und fing an zu erzählen.
Ja, er hätte da so eine Idee gehabt und mit Nutten kann man nun mal viel Geld machen und das wär auch total toll und so und die Mädels sind total lieb und wenn man mal über eine drübersteigen wollte, wär das auch kein Problem, die „sind da nicht so“.
Ich überlegte derweil, wie ich am schnellsten nach Hause käme.
Ich lächelte unverbindlich und sagte, das wäre nicht so ganz das, was ich mir vorgestellt hätte und just in dem Moment klingelte dem Peter sein Handy.

„Jetzt heul doch nicht! Wenn er zu groß ist, ist er zu groß! Haste Gleitgel probiert? Was? Ja. Ja, nee, wenns nicht passt, passt es nicht. Hat er schon bezahlt? Will er nun alles zurück? War er denn schon so ein bisschen drin in der Muschi??“

Ich schloss die Augen und mir war sehr deutlich bewusst, dass die gesamte Kneipe sehr ruhig geworden war. Ich versuchte zu atmen und mich zu beruhigen und gleichzeitig nicht laut loszulachen. Ich wollte ja unbedingt mehr Abenteuer vom Leben. Hatte ich nicht erst vor einigen Wochen, als das Geld vom letzten Job alle war, darum gebeten, mal was Verrücktes machen zu können?

Der Peter war inzwischen sehr rot angelaufen und fuchtelte noch so ein bisschen mit seinen dicken kurzen Armen.
„Ja, was können denn wir dafür, wenn der so einen Pferdeschwanz hat? Geschäft ist Geschäft!“

Ich kicherte. Sehr unprofessionell, sehr kindisch. Aber mir war so.
Der Peter sprang auf und bedeutete mir zu folgen. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und lief hinter ihm her. Auf dem Weg am Tresen vorbei steckte er der Kellnerin, die schon böse kuckte, einen Hunderter in den Ausschnitt und sagte: „Puppe, freundlicher!“

Ich lief hinter dem Peter her, bis wir draußen waren. Er beendete sein Telefonat und sah mich ratlos an.

„Ich braucht echt Hilfe, du. Und ich find dich toll.“
Der lebenshungrige Teufel in meinem Kopf übernahm die Führung und ich hörte mich fragen: „Wieviel?“
„200 Kröten am Tag. Grundgehalt. Plus Provision.“

Mir wurden die Knie weich.

„7 Tage die Woche. von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts.“
„7 Tage??? 300.“
„250“
„Morgens erst ab 9 Uhr“
„Im Nuttenoutfit“
„Hosenanzug“
„Tief ausgeschnitten!“
„Nein“
„Enganliegend“
„Figurbetont höchstens“
„Heute Abend anfangen.“
„Morgen Mittag.“


„Okay.“

Gefangen im Parkhaus


Ich hab ja schon viel erlebt. Ich steckte in Fahrstühlen, in Garagen, Kellern, Bunkern, etc. fest, weil entweder die Technik versagte oder ich zu dusselig war, den Schlüssel mitzunehmen oder die Tür offen stehen zu lassen… Die Liste ist beliebig verlänger- und erweiterbar.

Was früher Abenteuer war und entscheidend zum Prägen des Charakters beigetragen hat, ist in einem Parkhaus nach einer Stunde Einkauf mit zwei recht ungehaltenen Kindern und ca. 20 Autos hinter einem in der Schlange (wo sonst nie jemand hinter mir steht) ein echter Albtraum.

Ich habe das Parkticket lochen lassen, ich habe es im Parkautomaten stempeln lassen und da saß ich dann und starrte fassungslos und ungläubig auf die Meldung:

Parkticket nicht gültig

Leider änderte auch das 4. Einführen nichts an dieser Meldung (genauso wenig wie das begleitende Hupen des Hintermannes) und die Schranke blieb unbarmherzig zu.
Die meisten wissen, was passiert, wenn man vorne vor einer Schlange steht, in der die Autos alle möglichst eng aneinander stehen und dann den Rückwärtsgang einlegt.

Gar nichts.

Ich musste nun aber leider ca. 3 Meter zurücksetzen, um überhaupt zur Seite fahren zu können.

Der nette Huper hinter mir bekam in seinem neuen tiefergelegten BMW anscheinend Panik, ich wolle ihn als Strafe für sein Hupkonzert jetzt rammen, ließ seinen Motor aufheulen und legte wohl den Rückwärtsgang ein, was wiederum seinen Hintermann zu einem empörten Aufhupen veranlasste.

Um es abzukürzen: Ich bin wieder ins Geschäft gerannt und habe der Informations-Tussi-Angestellten meine Misere geschildert. Die erzählte etwas von Prüfung und dem Bezahlen eines Tagessatzes (bitte, wie? weil der doofe Automat meinen Schein nicht richtig stempeln kann???) und rief erst mal einen Techniker. Es konnte sich also nur noch um Stunden handeln.

Nach eingehender Prüfung stand für den guten Mann fest, dass ich etwas grundlegend falsch gemacht haben muss. (Frauen. Technik. Haha.)
Er verabschiedete sich mit den Worten, dass er da auch nicht weiter wüsste und ließ seine unfähige Kollegin mit dem Problem (mir) allein.

Noch während ich mir anhören musste, dass so etwas eigentlich GAR NICHT möglich sei, wenn man alles richtig machen würde, kam die Mutter eines Tochterfreundes, die ebenfalls dort arbeitet, hinzu.

3 Sekunden später hatte ich einen neuen Parkschein und 2 Minuten später habe ich das Parkhaus verlassen. (Sonnenlicht! Oh du herrlicher Quell des Lebens!)

Was lerne ich daraus?
Automaten sind doof.
Parkhäuser auch.
Frauen verstehen nichts von Technik.
Der Kunde ist immer Schuld.
Beziehungen bringen einen im Leben IMMER weiter.