Entkoppelt [Anne]

Mein Bedürfnis nach Kommunikation ist auf dem emotionalen Gefrierpunkt. Die Kanäle der Wahl bleiben geschlossen, ich empfinde das erste Mal Erleichterung, nichts sehen zu können. Nichts hören zu müssen. Nichts zu fühlen außer dieser alles umfassenden Enttäuschung. Arbeit, denke ich … jede Beziehung ist Arbeit.

Und doch sehe ich den Horizont nicht. Ich sehe nicht mal einen Lichtblick, nicht den Hoffnungsschimmer einer Zukunft, die anders aussieht als mit Machtspielen gestaltet. Die Frage bleibt, ob ich zu arrogant oder tatsächlich einfach nur zu alt bin. Das tun, was einem guttut.

Mit Weitblick, aber nicht mit idealistischen Hoffnungen, die schon an dem Versuch kranken, ein normales Guten Morgen zu wünschen

Liebe, Anne

Wenn sich die Fronten verhärten, dann verschließt sich auch mein Herz in Wut und Schmerz. Und nie dauert es lange, wenn sich jede Faser meines Körpers und meines Geistes wieder nach dem geliebten Mann sehnen. Ihm zu erzählen, ihn zu berühren, seinen Geist zu spüren und miteinander zu lachen und zu staunen…

Das fehlt. Hier. Ich habe keine Sehnsucht, wiederzukommen, wenn es selbst in der Versöhnung nur um Macht und Recht geht. Wenn es dem Anderen gut geht, wenn man Leid zugibt und offenbart.

Wie kann ich mit einem Lachen zurückkehren, das geteilt werden will und spielen muss? Gegen die Überheblichkeit. Gegen das Misstrauen. Gegen die Angst…

Es erscheint mir sinnlos. So sinnlos.

Agonie [Anne]

Es würgt und schüttelt mich. Der erste Schritt hin wäre so einfach, eine Hand, die gereicht wird, die von mir kommt. Und ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich nehme diese meine Grenze so plastisch wahr, dass ich selbst bei dem vorsichtigen Gedanken an einen Schritt nach vorne fast körperlich spüren kann, wie massiv sie ist. Es ist kein Schatten, über den ich springen müsste, es wäre eine grundlegende Missachtung meiner ureigenen Bedürfnisse und des Grundrespekts, den ich einfordere. Ich kann nicht.

Es gibt kein Vor und es gibt kein Zurück. Ein Totschlagargument ist immer ein Ende. Die Gewalt und die Wucht, mit der es herausgeholt wurde, zeigt mir die Wunde. Nicht meine.

Ich drehe mich im Kreis und möchte genau jetzt gerne aufgeben. Einfach so. Schlaff zusammensacken, was mich so viel Kraft und Vernunft kostet und aufgeben.

Früher habe ich auf Manipulationsversuche anders reagiert. Und es ist mir so vertraut, dieses Muster. Ich erkenne mich wieder, möchte mich anschmiegen an diese Abwärtsspirale aus Unerfahrenheit und Machtgier, weil ich sie kenne. Ich möchte den Therapeuten, den zu spielen so verlockend ist, gerne einfach nur in den Arm nehmen und versichern, dass ich genauso war.

Damals. Es ist so viel passiert und Augenhöhe benötigt nicht dasselbe Alter.

Aber vielleicht einen ähnlich langen Weg.

Feldzug [Anne]

Geradezu ekelerregend zäh tropfen die Gedanken durch meine Finger auf die Tastatur, nicht ahnend, nicht wissend, was als nächstes geschrieben wird. Ob es geschrieben wird, geschrieben werden muss.
So roh der Zustand, in dem ich die letzten 6 Monate verbrachte habe, so empfindlich, so vergänglich…. Ein Raum, geschützt, geachtet, der sich geöffnet hat.

Und dort ist, war, kein Platz für Wertungen, für den Schwanzvergleich, wer mehr Leid erfahren musste. Inzwischen ein Ort für das Wetteifern, wer mehr Leid erfahren durfte, wer schlechter ist, wer mehr leiden darf im Leben, wer es schwerer hat, wer unordentlicher ist… und ich sage wieder … nichts… Es kostet mich kaum noch Nerven, die Frage ist, ob ich weiser oder gleichgültiger werde oder ob nicht Beides das Gleiche ist.

Ich kenne den Königsweg, ich würde dieses Verhalten wählen, weil ich die Strategie kenne. Ein weiteres Spiel in der Blase, in der nicht gespielt werden sollte. Ich entscheide mich dagegen. Und schweige. Schmerzhaft, roh, verletzt und wund.

Die moralinsaure Keule der ethischen Integrität wurde geschwungen und lässt mich zurück, blutend, still.
Hole ich meine heraus, werde ich vernichten. Dazu habe ich zu viel gesehen und erlebt. Aber ich will nicht. Bewusste Entscheidung gegen alles, was mir beigebracht wurde.

Aus Respekt? Höchstens für mich selber.

Wert [Anne]

Es verändert sich. Wo uneingeschränkte Hingabe war, kehrt nun Misstrauen ein. Misstrauen, das wuchs. Die schlechteste Art, Vertrauen zu untergraben. Es ist viel passiert in den letzten Monaten, es fehlt die Nähe, die unmittelbare.

Ich wanke hin und her und weiß, was für mich das Beste wäre, weiß, wo ich meine Gedanken hinlenken müsste, um wieder etwas freier zu werden.

Intensität um den Preis der Selbstaufgabe ist wertlos.

Anne

So roh und unerträglich die letzten Wochen waren, so sehr waren sie auch Geschenk.

Endlich mit dem Kampf nicht mehr alleine sein.

Sich fallen lassen dürfen, jeden Tag. Nach dem Kampf, während des Kampfes. Wenn da (wenn auch nur virtuelle) Arme sind, die umfangen und für einen kurzen Moment alles abschirmen, das auf einen einstürmt.
Die kurze Pause, das Schreien, das jemand aushält.

Eine Stunde, zwei.
Vertrauen, Liebe, die es möglich machen, dass man sich offenbart. Angenommen wird. So wie man ist. Getragen.

In Freundschaft. In Liebe.

ARGH!

Der Exmann kriecht mit 20 über die Autobahn und hat noch 80 km. *hrhrhr*

Der Mann kommt nun doch früher.
Das Kind hat kein Zeugnis.

“Was feiern wir denn nun?”, frage ich entgeistert in das traurige Tochtergesicht mit den Krokodilstränen in den Augen. Wir stehen uns im Schneetreiben gegenüber und da glitzern so zwei, drei dicke Tränen in den großen braunen Augen.

“Ich weiß es nicht!”, schluchzt das Kind und wirft sich in meinen Arm.

“Ja und die Geschenke. Und die Luftschlangen. Und die Ballons! Irgendwas müssen wir ja feiern, sonst sieht das beim Mittagessen echt doof aus.”, sage ich.

“Ich hab heut deinen Kalender fertiggemacht, den ich dir zu Weihnachten schenken wollte!”, strahlt sie mich an. Und setzt leise hinzu: “Also bis auf ein paar Monate. Aber mit dem Mai hab ich mir heute echt Mühe gegeben. Ist doch Kobolds Monat!”

Ich blinzle stoisch.

Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wir schleichen mit dem Auto nach Hause und das Essen brutzelt schon im Ofen und der Reis kocht immerhin und wir werden vermutlich ohne den Exmann essen. Und mit dem großen hübschen Mann. Und mit Geschenken. Weil – der Kalender ist ja heute fertig geworden.

Also fast. Man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen.