Schutz – Andrea

Diese kaum verborgene Neugierde auf mein Wesen ekelt mich so sehr an wie sie mir schmeichelt.
Ich kann den Kontakt mit anderen Menschen nicht immer vollständig vermeiden und so kommt es ab und an zu einem Gespräch, das einem Monolog gleich mit der Absicht geführt wird, mir eine Reaktion zu entlocken.
Die vielen kleinen unterwürfigen Laute wie „nicht wahr?“ und „findest du nicht auch?“ und das jedem Satz nachgestellte „,oder?“ machen mich innerlich wahnsinnig und verleiten mich zu stummem Widerstand.

Instrumentalisiert zu werden ist nicht mein Anliegen und so verweigere ich mich dieser Rolle.

Leiser werden sie unter meinem direkten aufmerksamen Blick, der nichts und alles zu sagen scheint. Und ich spiele das selbe Spiel mit ihnen…
Leiser und leiser werden sie, bis sie schließlich verstummen, kaum merkend, aber doch spürend, dass auf seichtes Geplapper kein Echo folgen kann, weil ich das nicht biete, sofern ich nicht will.

Ein knappes Lächeln, ein sacht zur Seite geneigter Kopf ist mein einziger Tribut an das Menschsein meines Gegenübers. Mehr Respekt muss man sich verdienen. Zaghaft lächeln sie zurück, unsicher, fragend…
Ich glaube, ich habe eine Verabredung, jetzt gleich, ohne sie getroffen zu haben.

„Ich habe dich gesehen, gestern. Dein Sohn sagt, ihr seid heute wieder dort.“ Ich blicke auf meinen strahlenden Sohn und neide ihm seine Unbeschwertheit. Ich nicke kurz mit dem Kopf und wende mich ab. „Dann bis heute Nachmittag! Wir sehen uns dort!“

Das macht mich doch sprachlos, wenn nicht gar hilflos, obgleich Hilflosigkeit eher der Dramaturgie geschuldet wäre. Gleichgültig, ob ich sie dort treffe oder nicht, ich spüre, dass die Mauer höher muss.
Ich weiß, sie hat ihre Tochter verloren, als diese 1 Jahr alt war. Gleichgültig steht sie neben weinenden Kindern oder Erwachsenen, ohne sich berühren zu lassen, ich war Zeuge und verstand so gut.
Aber jedes Einlassen auf sie bedeutet, ihren Schutzwall zu durchbrechen und das Auszuhalten bin ich nicht bereit.

Der Fluch auf meiner Seele ist Gabe gleichermaßen.
Aber nicht jetzt, nicht heute.

Tage wie dieser

Manchmal möchte ich schreiend und weinend auf die Knie sinken, dir zu Füßen, dich anflehen, schreien, brüllen, wer du warst und wo du mein Herz hingebracht hast. Du hast mich verschlungen wie ich dich, inhaliert, geatmet, aufgesogen. Und ich stehe jeden Morgen ohne dich auf, lese dich, bohre mit dem Finger tiefer in die offene eiternde schwärende Wunde deines Verrats.

Es gibt dich gar nicht. Du hast mir einen Spiegel vorgehalten, der mich geblendet hat. Selbstverliebt habe ich mich verbrennen lassen von dieser Intensität und Leidenschaft, die im Grunde nur aus mir selber resultierte. Und doch… ich wünschte, es hätte dich wirklich gegeben.
Immer auf der Suche nach dem Traumbild, dass du mir geschenkt hast. Den Samenkorn des Begehrens, der Begierde, nackter Lust auf einen Seelenzwilling.

In dem Moment, in dem du den Spiegel sinken ließest, ist meine Seele erneut entzwei gebrochen und im selben Atemzug sind alle meine Scherben verschmolzen.
Mein Dank gilt dir in deinem unermesslichen Narzissmus, der meinen eigenen so zu spiegeln vermochte, dass ich heil wurde.

Ganz allein.
Ohne dich.

Ohne dich.

So wund, so roh, so richtig. So vernichtend wie heilend.

Ich hasse dich wie ich dich geliebt habe, namenlose Hure.

Endgültig [Anne]

Das Wissen darum, dass jeder Schrei, jede Träne im Nichts landet, ohne Hoffnung, ohne Zuspruch, weicht der bittersüßen Erkenntnis, dass es dann kein großer Verlust sein kann, mein Leben.
Ein letzter Blick zurück ins Nichts. Kein Seil, kein Anker, keine Hand. Das solls dann gewesen sein. Das war es. Der nächste Schritt ist der in den Abgrund und ich winke ein leises Lebewohl nach hinten.

Es wird niemanden interessieren.

Lückenbüßer, Anne

Einsam, allein, verlassen und mit dem Leben unzufrieden sucht man immer nach jemandem, der einfach da ist. Wenn der Partner das nicht bieten kann, wendet man sich nach außen. War ich nun einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Meine Wertigkeit und der Wert meiner Gesellschaft verblassen gegenüber dem allmächtigen Partner, der sich nun wieder zuwendet, nicht mehr angeekelt, sondern besitzergreifend, wollüstig wieder begierig, in Besitz zu nehmen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Immer potent, immer verfügbar, herrschsüchtig und dominant seinen Platz verteidigend. Gegen mich.

Und die Ironie sticht doppelt.

Vergehen

Fassungslosigkeit, stille Verzweiflung. Der erste Schritt mangelt an dem Vertrauen, dass es der anderen Seite an etwas anderem liegen könnte als an Machtgier.

Von Misstrauen zerfressen sitze ich hinter der Wand und frage mich, ob es lohnen würde… Ich kann ich will nicht offen sprechen, weil mein Gegenüber noch so wenig Erfahrung hat.

Arroganz oder Erfahrung meinerseits? Aber einfach nur die andere Wange hinhalten?

Oder ist das schlicht ein letztes Aufbäumen vor der Einsicht, dass es mir im Grunde gleichgültig ist?