Es sind Begegnungen wie jene gestern, die mich fast an meiner Arroganz verzweifeln lassen. Es sind nette Menschen, die Beiden. Jene Eltern des Jungen, den der Kobold auch sehr nett findet. Über eine Stunde haben wir gesprochen und ich frage mich, ob ich mir genug Mühe gegeben habe, etwas in ihnen zu finden, das mich ehrlich interessiert.
Sie gehören zu der typischen Sorte Mensch, die freigiebig mit Informationen persönlicher Natur ist, jenseits jeder Scham und geleitet von Sensationslust und selbstverliebtem Geltungsbedarf. Sie hören sich beide gerne reden, fragen nichts. Und so war auch das Verhältnis im Gespräch. Sich sonnend in meinen, unseren Fragen, selbstverliebt, geltungssüchtig…
Ich habe meine Maske aufgelassen. Aus Feigheit? Aus Arroganz? Aus Vernunft? Es erschließt sich mir manchmal nicht.
Vielleicht waren sie einfach auch nur unwichtig. Auf nette Weise völlig unwichtig.
Ich knabbere daran, Begegnungen dieser Art nicht mehr abgewinnen zu können.
Was weiß ich schon, was diese Menschen bewegt…
Leute gibt’s
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Handelt es sich um Staatsfeinde, wandelt sich dieser Grundsatz gerne mal zu Auge um Auge…
Kopfschüttelnd halte ich inne und frage mich, was das für ein Frieden sein soll, der mit Gewalt erzwungen wird.
Wie primitiv sie sind, in ihrem Jubel.
Der Weg ist noch weit.
Vom Tod berührt
Es gibt diese Menschen, wenige, kostbare, denen das Liebste aus ihrer Umarmung gerissen wurde, die in diesem unendlichen Herzschmerz vom Tod einsam zurückgelassen werden, von ihm berührt, geküsst, liebkost…
Küsse wie Brandmale, Berührungen wie Peitschenhiebe.
Und trotzdem stehen sie wieder auf und fangen an, ihre Stimme zu erheben. Sanft, leise, milde… voller Demut.
Ihre Worte haben mehr Kraft und Inhalt als man ermessen kann und sie stehen irgendwann vor der Wahl, sich in ihrem Schmerz zu vergraben, unter ihm begraben zu werden, ihrem Liebsten gleich… oder aufzustehen unter der schwersten Last dieser Welt. Und zu sprechen. Zu geben. Zu verkünden.
Eine Botschaft, die niemals mit dem Kopf sondern nur mit der Seele verstanden werden kann.
So unendlich kostbar, wenigstens ein wenig von einem dieser Menschen lesen zu dürfen, nur einen kleinen Einblick zu erhalten, nur einen Schimmer, der in dunklen Stunden so hell leuchtendes Licht ist.
Niemand kann tot sein, dessen Name voller Liebe in die Welt hinausgetragen wird.
Kind, armes
Eigentlich ist es keine große Sache, denke ich, als ich der Erzieherin zur Erinnerung noch einmal mitteile, dass mein Sohn auf gar keinen Fall wie die anderen Kinder sein Oberteil ausziehen darf, weil die Zellen der Haut seiner rechten Bauchhälfte nun mal kein Pigment enthalten und auch nicht bilden können.
Denn das hatte ich ja eigentlich zusammen mit den Daten für den Herzfehler schon auf die Formulare geschrieben.
Und ich erinnere mich mit Grausen an den total verblüfften Gesichtsausdruck der Erzieherin Anfang des Jahres, als sie mein Gespräch über Endokarditisprophylaxe mit einer anderen Mutter, die den gleichen Kardiologen besucht wie wir, mithörte und verstört fragte, ob mein Sohn herzkrank sei.
Nein, ist er nicht. Er hat nur ein Loch im Herzen, wo keins sein sollte. Das steht auf Ihrem Scheiß-Notfall-Blatt, das man dreimal im Jahr ausfüllen muss. Ich frage mich langsam, ob diese Notfallblätter direkt nach der Abgabe ins Altpapier kommen.
Ich erinnere mich an völlig sinn- und fruchtlose Gespräche, in denen ich inständig darum bitte, meinen Sohn bitte auf gar keinen Fall am Klettern oder Toben zu hindern oder ihn zu ermahnen, langsamer zu machen. Nur bei tiefen Wunden einfach sofort anrufen, damit unser Kinderarzt entscheiden kann: Antibiotika ja oder nein. Mehr nicht.
Und eigentlich will ich ja nur noch einmal kurz daran erinnern, dass der Kobold trotz Sonnencreme immer ein Unterhemd anbehält, damit die pigmentfreie Haut nicht sofort verbrennt.
Ich sehe in große verstörte Bambiaugen einer Frau, die gut und gerne 10 Jahre älter ist als ich und mehr als 20 Jahre Erzieherin ist. „Oh Gott, was hat das arme Kind denn noch alles…?“ Ich rechne fast damit, dass ihr Tränen in die Augen treten, warte auf dramatische Musik und sehe etwas irritiert zu meinem mopsfidelen Sohn, der bereits in seiner Gruppe seine beste Freundin begrüßt.
„Was meinen Sie?“ Ich blinzle.
„Die offenen Stellen auf der Haut… die schlimme Herzkrankheit… und nun auch noch sowas… Was ist denn das? Ist er sowas wie ein Albino?“
Ich schließe für zwei Nanosekunden die Augen und bete um Hirn, eine Keule, Geduld…, was auch immer zuerst verfügbar ist. Nein. Das Kind mit den blauen Augen und den hellbraunen Haaren ist definitiv kein Albino, gute Frau. Bitte einfach nur das Oberteil anlassen. Einfach nur das.
Sie versichert mir, das in seiner Akte zu vermerken (Notfall-Blatt? Hallo?) und beim Wasserspielen darauf zu achten, dass er nicht wie die anderen Kinder sein Oberteil auszieht.
Danke.
Ich scheuche meine Töchter Richtung Ausgang und sehe noch, wie Bambiauge und zwei weitere Erzieherinnen mit mitleidigem Blick auf meinen Sohn sehen, leicht den Kopf schütteln und sich seufzend mit jeweils einer Tasse Kaffee auf ihre Stühle sinken lassen.
Zwei Tage später bekomme ich dasselbe Notfallblatt in die Hand gedrückt, das ich schon an die 10 Mal ausgefüllt habe, versuche, nicht loszubrüllen, rotze mit meinem Stift drei Worte drauf: Neurodermitits, Ventrikelseptumdefekt, Vitiligo und reiche es mit kühlem Blick zurück.
Bambi atmet hörbar ein und wieder aus und sagt: „Oh, das klingt aber sehr schlimm medizinisch. Das arme Kind.“
Ich bin im falschen Film.
Nur noch ein Jahr.
Das schaffe ich jetzt auch noch.
Ross, hoch
Und manch einer zieht sich die Trauer wie einen Mantel der Unberührbarkeit an, mit dem man alles erlebt, alles durchschritten und alles Wissen dieser Welt gepachtet hat.
Unantastbarkeit.
Irgendwann wird die Demut dazukommen.
Bei einigen früher, bei einigen später.
Bei manchen nie.
Lottogewinn
Mein Zahnarzt, der es schafft, mir meine Angst zu nehmen, eine Zahnwurzelbehandlung durchführt, mit seiner Assistentin über die Bärenjagd in Sibirien plauscht, mit mir über das Wunder der Schwangerschaft spricht und nebenher meine zweijährige Motte auftaut, indem er voller offener Bewunderung ihre neuen Gummistiefel mit Marienkäfern bestaunt – ich würde ihn um nichts in der Welt eintauschen wollen.
Es gibt ihn, den perfekten Zahnarzt.
Freundschaften – Anne
Gebranntes Kind scheut das Feuer…
Ein ganzes Jahr ist nun bald vergangen. Ein Jahr voller Trauer, Wut, Hass, Schuldgefühlen. Voll kalter Erkenntnis.
Es fröstelt mich immer noch, wenn ich daran denke. Nie wieder.
Verlust der Intimität
Warum sollte man sich auf eine intensive Mensch-zu-Mensch-Kommunikation beschränken, wenn man auf einen Klick in seinem Blog gleich zwanzig Meinungen zu seinem Problem haben kann?
Der Verlust und vielleicht auch die Unlust, im privaten Gespräch oder Schriftverkehr mit einer oder mehreren einzelnen Personen in nahe und vielleicht sogar verstörende Interaktion zu treten, schützt letztendlich vor der Gefahr, sich selbst zu nahe zu kommen. Dies gilt für Blogs wie Foren gleichermaßen. Für letztere vielleicht sogar noch besonders, da man sich in vermeintlich geschützter Atmosphäre der Illusion hingeben kann, unter Freunden zu sein.
Das Problem als Prostituierte, das man anklicken und kommentieren kann, nicht um zu helfen, sondern um sich selbst darzustellen.
Denn natürlich beäugen die Anderen kritisch jedes Wort, wägen ab, beziehen Stellung und nutzen schlussendlich das Problem, sich unter dem Deckmantel von Freundschaft und Hilfsbereitschaft selbst zu erhöhen.
Blogosphäre weniger als soziales Netzwerk denn als Flucht vor sich selber.
Das Herz will nicht geschützt, es will offenbart werden.
Die dazugehörige Twitter-Timeline als Kammerflimmern.
kleine Schritte [Mirlinda]
Tod, Tod, Tod, hämmert es in meinem Gehirn.
„Wir warten jetzt nur noch“, sagt die Mutter und jede Faser meines Herzens schreit gellend in den Himmel, weil dieser Weg nicht meiner wäre.
Aber kann ich das beurteilen?
Würde ich nicht vielleicht selber wie gelähmt mit einem todkranken Kind zuhause sitzen und einfach nur noch warten, dass es vorbei wäre? Nach zwei Jahren Kampf und Krampf und vergeblicher Hoffnung? (kann Hoffnung jemals vergeblich gewesen sein? Liebe?)
Ich darf nicht urteilen, aber ich kann da sein. Diese Hand, die sie mir hingestreckt hat, ergreifen. Ich blicke die letzten zwei Wochen zurück auf mein eigenes Leben. Auf jeden einzelnen Tag, der mit drei Kindern so angefüllt ist mit Leben, mit Liebe, mit Tun und Wirken und ich erinnere mich an die Stunden bei ihr.
Auch sie hat drei Kinder im selben Alter. Die Kleinen, die ebenso agil und vor Lebensenergie berstend durch das Haus rennen, in einem Zuhause, in dem man nun auf den Tod wartet.
Nicht aktiv vorbereitend, sondern passiv ausharrend. In Schockstarre, sich nicht ausmalen könnend, was das Leben noch bereithalten sollte für dieses todgeweihte Kind.
Und ich möchte sie schütteln und anbrüllen, dass draußen die Sonne scheint, dass die letzte Erinnerung an dieses Leben nicht Grabesstille sein sollte.
Allein, es steht mir nicht zu. Lektionen in Demut.
Wenn die Maske fällt… [Mirlinda]
Schon vor einem Jahr dachte ich jeden Tag an die Freundin meiner Tochter. Wie sie nach der Diagnose Gehirntumor von Operation zu Chemotherapie zu Bestrahlung wechselte, immer mit der faszinierenden Ausdauer eines Kindes, das niemals freiwillig über den Tod nachdenken würde. Sie besuchte ihre Klasse von Zeit zu Zeit, es wurden Briefe geschrieben.
Sie ging einige Wochen wieder zur Schule, ein halbes Jahr nach einem Marathon, der jeden Erwachsenen zu einem Bündel Elend hätte werden lassen. Hüftlange prachtvolle schwarze Locken wichen kurzen vereinzelten Haaren auf einem 9jährigen Kinderkopf und meine Tochter sagte auf ihrem Geburtstag nur: das wächst wieder.
Stumm erfuhren wir auf einem Elternabend, dass sie jetzt doch nicht mehr zur Schule gehen würde. Weitere Behandlungen, jeden Tag Klinik, Hausunterricht. Und ich fühle seit eineinhalb Jahren verstärkt diese Nähe, die ich nie wollte, die aber immer da war. Seit 3 Jahren, seit der Einschulung. Als ich dieses Kind das erste Mal sah und etwas fühlte…, das ich nicht einordnen konnte. Sowohl zu ihrer Mutter als auch zu ihr selber.
An ihrem Geburtstag letztes Jahr fasste ich mir ein Herz und nahm Geschenke meiner Tochter und einen großen Strauß Heliumballons und meine Kinder und klingelte.
„Man muss die Familie in Ruhe lassen“, so die Parole der Lehrerin und ich zweifelte. An meinem Gefühl, an meinem Verstand, an meinem Instinkt.
Und trotzdem fasste ich meinen Mut zusammen und fuhr hin. Kinderarme streckten sich nach mir aus, ganz selbstverständlich.
Ich fuhr vorsichtig mit den Fingern über die lange Narbe, die quer über den gesamten Schädel reicht und lächelte. Sie lächelte zurück. „Sieht schlimm aus, oder?“ Ich grinste. „Ich bin eigentlich mehr beeindruckt. Meine längste Narbe ist nicht mal halb so lang.“ Ein mädchenhaftes Lächeln wurde zu einem spitzbübischen Grinsen. Wir waren die einzigen, die an diesem Tag da waren. Wann immer meine Tochter andere Freundinnen besuchte, wurde getuschelt über den Gesundheitszustand dieses Kindes, mit dieser Art scheinheiligen Mitgefühls, das mir die Galle hochsteigen lässt. Und ich presste die Lippen zusammen und schwieg stumm. „Das arme Kind“, „man weiß ja nichts genaues“ In bestimmten Abständen werden Briefe in der Klasse geschrieben, an dieses Mädchen. Gegen das Vergessen. Und doch nur Gewissensberuhigung.
Und kein Tag verging im gesamten letzten Jahr, an dem ich nicht überlegte, was ich tun könnte. Ob es mir überhaupt zusteht, mich das zu fragen. Ob ich nicht noch mehr durcheinander bringen würde zwischen Klinikalltag und Sorgen der Familie, die schon genug um die Ohren hatte.
Und ich schwieg. Hilflos.
Meine Tochter schreibt ihre Briefe immer sehr sorgfältig. In jedem Brief steht, wie sehr sie sie vermisst und sie legt ihr Herzblut hinein.
Letzte Woche klingelte es abends an unserer Tür. Der Vater stand vor unserer Wohnung und bat, unsere Tochter kurz mit hinunter nehmen zu dürfen. Seine Tochter würde sie so gerne kurz sehen, sie säße im Auto. Mein Mann ging mit hinunter, wir übrigen winkten von oben, vom Fenster aus. Sie tauschten Telefonnummern.
Und keine drei Stunden ist es her, da stehe ich vor der Schule meiner Tochter, habe noch 5 Minuten Zeit, bis sie kommt, da durchfährt es mich plötzlich. Ich schnappe mir die Kleinen, beschließe, dass meine Tochter dann eben laufen muss und ich sie später auf dem Heimweg aufsammle, und fahre zu einem Geschäft in der Nähe, in dem wir sonst nie – wirklich niemals – einkaufen. „Wir machen einfach mal was Neues“, höre ich mich sagen und frage mich, warum ich nicht eben noch die 5 Minuten auf meine Tochter gewartet habe. Es erschließt sich mir nicht.
Wir irren etwas ziellos im Laden umher, ich will eigentlich gar nichts kaufen und fahre zusammen, als ich eine helle bekannte Mädchenstimme den Namen meiner Tochter rufen höre und auf mich zurennen sehe. Sie ist es. Wir umarmen uns. Sie ist dünn geworden. Sie klammert sich an mich und ich gewähre mir einen Moment Schutzlosigkeit.
Kurz durchzuckt mich eine Erkenntnis, die ich nicht fassen kann. Ihre Mutter folgt in vorsichtigem Abstand und wir geben uns die Hand. Sie lächelt, doch es ist nicht echt. Ich bleibe ernst. Ich erkläre, dass meine Tochter noch in der Schule ist und ihre Tochter beginnt, mit meinen Kleinen durch den Laden zu streifen. Ich sehe in orangebraune Augen, die meinen eigenen sehr ähnlich sind und will weg. Weit weg. Ich will wegrennen, weg von hier, nichts mit diesen Menschen zu tun haben, aber ich bewege mich keinen Millimeter. Ich kann nicht. Wir tasten uns ab, langsam, vorsichtig. Sie ist sehr gefasst, wir beginnen einen Smalltalk, der die Blicke zwischen uns Lügen strafen will, doch es gelingt nicht. Fast höre ich es nicht, so unvermittelt kommt es nach einem belanglosen Satz leise. „Es gibt keine Chance mehr. Sie weiß es noch nicht.“ Ich will mich in mir verkriechen, mich zurückziehen, wenn ich jetzt eine Floskel schaffe, mein Mitgefühl auszudrücken muss ich mich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Nur eine Floskel. Nur eine kleine Floskel. Es geht nicht.
„Darf ich dich umarmen?“ Neinneinnein, nicht. Es gibt kein Zurück mehr. Und so stehen wir da, zwei Frauen im gleichen Alter, mitten in diesem Geschäft und die Welt steht still. Menschen gehen an uns vorbei, als ich die Arme um sie lege und spüre, wie ein Schluchzen aus tiefster Seele in ihrer Kehle aufsteigt und sie schüttelt. Weich wird sie für einen Moment, ganz zart.
Ich kann es kaum aushalten, meine Schutzmauern so tief unten zu sehen und ich harre aus. Gebe mich hin.
Als sie mich freigibt, hat sich alles geändert. Die Worte dürfen aussprechen, was die Augen schon vorher wussten.
Und so sprechen wir über Hospizarbeit, Schmerzmittel und Zeitspannen. Wenn alles gut läuft, maximal ein Jahr. Wenn es zu einem Krampfanfall kommt, kann es jeden einzelnen Moment soweit sein. Jede Sekunde. Keine Garantien, keine Sicherheit, keine Zeit. Ein Jahr, wenn es gut läuft…
Meine Gedanken hängen diesem Satz nach. Ist ein Jahr lang? Ist es kurz? Die Worte sterben und Tod fallen kein einziges Mal. Morgen fährt meine Tochter zu Besuch dorthin. Ich spüre, dass diese Verbindung existiert.
Hab ich es mir ausgesucht? Hat es mich ausgesucht? Wozu?