29.03.2026 [Heimkehr]

Es ist Sonntag. Ich wache mit fürchterlichen Schmerzen auf und das Kind ist vom gestrigen Tag so fertig, dass mein Angebot vom Sonnenaufgang am Meer nur leise grummelnd abgelehnt wird. Ich bin erleichtert. Ich habe kaum noch Kraft für irgendetwas. Wir lassen uns Zeit und räumen in Ruhe die Ferienwohnung auf, machen uns fertig, packen alle Sachen zusammen und tragen sie ins Auto.

Wir geben unsere Wohnungsschlüssel bei der Verwaltung der Ferienwohnung ab und freuen uns darauf, bei strahlendem Sonnenschein noch an den Hundestrand zu gehen. Henriette hat Spaß und tobt durch die Gegend. Genau wie die Tochter. Genau das Richtige vor der langen Fahrt, die uns bevorsteht. Ich habe reichlich Schmerzmittel genommen und ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich die lange Fahrt bewältigen soll, aber mit vielen Pausen wird das schon irgendwie klappen.

Ich merke, dass Angst und Panik in den letzten Tagen so gut wie verschwunden sind. Durch die vielen Fahrten auf der Autobahn, das ständige Hin und Herfahren von Ort zu Ort fühle ich mich stabiler als in den ganzen letzten zwei Jahren zuvor. Vielleicht würde ich es nicht Vertrauen nennen, aber ganz leise ist da so etwas wie Zuversicht in mir, dass ich vielleicht irgendwann wieder ein normales Leben führen kann.

Wir genießen die letzten Stunden an der Ostsee. Irgendwann werfen wir einen letzten Blick aufs Meer und gehen langsam Richtung Auto. Die Heimfahrt wird gut sieben Stunden dauern, wenn nicht länger, und es ist an der Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Die Heimfahrt selber ist erstaunlich unspektakulär. Wir hören unser Hörbuch weiter, diskutieren und langsam befällt das Tochterkind eine Art von Schwermütigkeit, die für mich nur schwer auszuhalten ist.

Wir hatten so schöne Tage miteinander, nur wir beide. Und ich hoffe, dass sie etwas davon mitnehmen kann.

Ganz bald wieder?, fragt sie vorsichtig.

Und ich nicke. Ja, ganz bald wieder.

Ich will das auch.

Und ich will mein Leben zurück.

06.03.2026 [zu müde für Überschriften]

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen.

Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht vor anderen Menschen für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein.

Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

Druck

Keine Zeit, keine Zeit…

Morgens um 7 Uhr die ersten 10 Kilo Putz anzurühren, um die Wände fertig zu bekommen, damit man nach dem Abtrocknen dann das Esszimmer endlich streichen und fertig machen kann, so lange zu fünft in der kleinen Gartenküche ohne Tisch einfach beim Essen herumzustehen oder zu sitzen oder sich gedrängt an die Arbeitsplatten zu stellen, jede Minute kann der Anruf kommen, dass die Geburt losgeht, die Esszimmerschränke stehen aktuell vor meinen Schränken, in denen sich die Karten und das Geschenk zur Geburt befindet, dazu die Autofahrschulkatastrophen der beiden Chaotenkinder, der Marder hat erneut das Autokabel angenagt, ich habe keine Ahnung, wann ich wie wo was am besten machen soll, ich bin mitten in der depressivsten und hoffnungslosesten Phase meines Lebens und laufe nur noch auf Hochfunktionalität, ich weiß das.

Ich betreibe Raubbau an meinem Körper, an meinem Geist und an meiner Seele und habe oft so dunkle Gedanken, die zäh wie flüssiger Teer an mir kleben und sich weder abschütteln noch abwaschen lassen, also schleppe ich mich mit ihnen durch die Tage, immer weiter, immer weiter, gehetzt von einem äußeren Umstand nach dem nächsten, nichts mehr im Griff, nichts mehr unter Kontrolle, einfach nur noch mitlaufen, rennen, kriechen, immer weiter.

Meine Unfähigkeit, mich begreiflich zu machen, belastet nicht nur mich, sondern auch meinen Gesprächspartner und wo ich Grenzen kommuniziere, ernte ich nur Unverständnis und selbstzentrierten Fokus, der mich unsichtbar, unbegreifbar, unwichtig macht.

Nicht mein Inhalt wird gehört, sondern die Form, was schwer ist, wenn jemand wie ich nur noch mit dem Rücken zur Wand versucht, sich schreiend, wütend, innerlich verzweifelt weinend Gehör zu verschaffen; wo Worte nicht auf emotionalen Resonanzboden sondern intellektuelle Analyse fallen.

Abbruch

Leise rieselt der Putz…

Nachdem wir die Heizungen im Esszimmer voll aufgedreht haben und der Putz ein paar Tage trocknen konnte, kommen nun weitere große Platten davon von der Wand. Am Freitag kommt der Dachdecker, der sich die Hausecke ankuckt, denn es ist nasser als es sein dürfte, Bruchstein hin oder her.

Leider regnet es zusätzlich wieder in Strömen, das Haus wird nass, die Wand ist nass, wir trocknen von innen gegen, es ist alles sehr unerquicklich. Aber gut, immerhin etwas zu tun zusätzlich zu den ganzen Waschladungen, die gerade anfallen, weil das Baby aus dem Skiurlaub zurück ist und zumindest heute auch nur halb so schlimm aus demselben Grund: Ich habe das Butzebaby wieder.

Er hat sogar daran gedacht, mir ein Souvenir mitzubringen und der dritte Satz nach seiner Ankuft (während er schon ausgehungert Käsekartoffelpüree und Fischstäbchen in sich hineinstopfte) war:

„Endlich wieder richtiges Essen.“

Wir sind also wieder komplett, er durfte den Tag heute durchatmen und morgen beginnen dann wieder Schule und Alltag.

Küche, Kinder, Katastrophen

„Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie.“

Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann.

Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: „Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen.“

Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind.

Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen.

Schönschön.

Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Gefühl

Es stürmt. Eiskalt. Mit widerlich nassen, großen Schneeflocken, die mir ins Gesicht gepeitscht werden.

Innerhalb von Sekunden sind meine Haare, mein Schal, mein Mantel weiß und mein Gesicht eingefroren.

Und weil ich inmitten einer Welt, in der niemand auf irgendetwas außer sich selber achtet, auch unter Menschen alleine bin, löst sich endlich die Sehnsucht aus meinen Augen und läuft mir über die Wangen. Alles egal und doch so schmerzhaft.

Wechselbad

Große kindgemachte Katastrophe im Hause falunrot, der Kobold steht neben mir und beobachtet mich, wie ich von dunkelrot wütend über blass bis hin zu grün im Gesicht wechsle und wartet interessiert, bis ich wieder atme.

„So. Und wie gehen wir Erwachsenen jetzt damit um, hm?“

Neue Wege

Butz, mach dir bitte etwas zu Essen für die Schule.

„Hab schon.“

Ach. Was denn?

„Ein Mortadellabrot“

Ach. Dann zeig das mal.

„Ich habe den Eindruck, du weißt, dass ich lüge, oder?“

Hmhm.

„Ich dachte, so ist es kürzer, aber das funktioniert ja nur so mittelsuper.“

Mini-Me

Butz hat nun die gleiche Jacke wie der Mann und äußert beim Anprobieren hochzufrieden: „Ich bin jetzt ein kleiner Klon von Papa!“

[Ja. Beide bringen mich regelmäßig um den Verstand…]

Sichtbarkeit

Habe mich heute Morgen bereits mehrfach erbrochen, Panikattacken weggeatmet und bin dann mit sehr viel Angst trotzdem zum Zahnarzt gegangen.

Wie jedes Mal.

Traumafolgen sind ein Arschloch, aber ich bin nicht bereit, mir davon mein Leben diktieren zu lassen.

Die Kinder wissen inzwischen schon viel zu viel und gleichzeitig nur ein winziges Bruchstückchen aus meiner Vergangenheit und trotzdem werde ich an diesen Tagen einfach liebevoll von ihnen ins Bett geschickt, bekomme einen Obstteller, eine stille Umarmung, ein leises „Du bist super.“

Und je älter sie werden, desto wichtiger sind diese Lücken im Superheldenumhang von Eltern.

Ich erlaube mir inzwischen eine Durchlässigkeit, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre, die aber unabdingbar für die Abnabelung ist, damit wir uns als Erwachsene neu begegnen dürfen.