Alltag

Die Kriegerin wütet beim Nachhausekommen laut vor sich hin, ich schiebe sie mit Wassermelone auf die Terrasse, wo Butz zur Beruhigung gerade 100 Meter Seil wieder ordentlich auf eine Rolle wickelt, der Kobold wankt schlaftrunken zu uns und fragt, was es zu essen gibt.

Alltag. ♥

Pappenheimer

Entweder habe ich Butz gerade wütend direkt von der Haustür umsonst wieder zur Schule geschickt, weil der Zusatzunterricht tatsächlich nicht stattfindet oder ich habe einen erneuten Alleingang, den abgesprochenen Ausbildungsplan zu ändern, vereitelt.

Man darf gespannt sein.

Zu meiner Verteidigung: Als das Kind in den Chor sollte, hat es in der ersten Klasse selbständig erreicht, stattdessen freitags in der fünften Stunde am Mathematikunterricht der Viertklässler teilnehmen zu dürfen, ohne das wir informiert wurden.

Das war der Beginn einer langen Reihe von Alleingängen, egal ob es um Sprachen, Lernen von Musikinstrumenten, Religion oder Sport ging.

Und wenn das heute wirklich ausfiel, werde ich mich aufrichtig entschuldigen, aber ich habe das Bauchgefühl, das wird nicht nötig sein.

„Rabenaas.“, würde Uroma nun liebevoll grinsen und sagen: „Lass ihn, Kind. Er ist ein findiges Kerlchen.“

[seufzt]

[Natürlich fand der Unterricht statt. Mal sehen, was er sich nächste Woche einfallen lässt.]

Erstens kommt es schlimmer…

Diskutiere eine Stunde lang auf der Terrasse mit den Großen hitzig über Migrationspolitik, bin froh, als sich beide irgendwann zurückziehen wollen, da appariert ein Butz im Garten und verkündet:

„Heute ist der Tag, an dem ich kochen lerne!“

[Ich atme. Ich schaffe das.]

Widerstand

Butz legt uns in einer eloquenten Darbietung den Antrag vor, am Donnerstag weder seinen Pflichten nachkommen noch um 22 Uhr seine Endgeräte abgeben zu müssen und wir erlauben dies.

Wir ernten einen zutiefst enttäuschten Gesichtsausdruck, er ist unter sichtbarem Stress.

Butzi?

„Ich hatte doch noch was vorbereitet, wenn ihr Nein sagt.“

Okay, wir sagen Nein, lass hören!

„Ihr müsst überzeugender Nein sagen, sonst weiß ich, DASS IHR ES GAR NICHT SO MEINT!“

[Es ist an einigen Tagen anstrengender als an anderen.]

Klassenfahrt

Der Kasten mit den 20 Halbliterflaschen Limo, der zu Beginn der Klassenfahrt vor aller Lehrer und Eltern Augen in den Bus geladen wurde, war also mit Wodka befüllt.

[Kreativ sind sie ja.]

Ich bin mir sicher, dass sowohl Eltern als auch Lehrer grundsätzlich immer mehr wissen als Kinder denken.

Aber Pädagogik ist eben auch, in einem angemessenen Alter bestimmte Dinge laufen zu lassen.

Gewalt in der Erziehung

Kobold hält mir etwas beim Umwickeln mit Panzertape fest und weil ich so viel Zug ausübe, reißt es und ich zimmer ihm Hand und Rolle volle Lotte ins Gesicht.

Der Titel ‚Schlechteste Mutter des Jahres‘ ist dann auch vergeben.

Nachtrag, später: Eventuell hat es sich gelohnt, dem Kind ins Gesicht zu boxen, denn nach ewigem Hin und Her hat der Kobold gerade zugesagt, mit der Kriegerin gemeinsam den Führerschein zu versuchen.

[Da ist im Gehirn wohl was verschüttelt worden und wir nutzen das jetzt so lange es anhält!]

Fehlentscheidungen

Ein überdrehter Butz kommt nach Hause, als ich gerade im Aufbruch bin und fragt, ob er mit einkaufen kommen kann.
Butz und ich sind unterwegs ja eine eher schwierige Kombination, aber ich denke mir, ich gebe dem Ganzen eine weitere Chance.

Sein Stresslevel ist anscheinend jenseits von Gut und Böse, denn schon während der Fahrt zieht er im Sekundentakt am Türgriff bis kurz vor den Punkt, an dem die Tür dann tatsächlich aufgeht und ich drohe, ihn auf den Rücksitz zu verfrachten und die Kindersicherung zu aktivieren.

Kurz hält er still und wütend die Luft an, bis ich weiteratmen befehle und er dazu übergeht, die Lüftungsklappen im Takt der Musik beidhändig zu öffnen und zu schließen. Ich atme selber ein bisschen und versuche mit mäßigem Erfolg, ein Gespräch zu beginnen.

Auf dem Parkplatz muss er sich beweisen, wie nah sein Körper an Autos herankommt ohne sie zu berühren und ich sehe ihn schon halb auf der Motorhaube des Sportwagenfahrers liegen, der entsetzt wieder aussteigen will, als Butz einen gekonnten Limbo unter einem Spiegel vollführt.

Im Laden teile ich ihm einen Sack Leergut zu, den er in den Automaten eingeben muss und denke mir, was soll schiefgehen, unterschätze aber die Dringlichkeit, Flaschen gerade, richtig herum und nach Getränkeart geordnet in den Automaten zu sortieren.

43 Pfandzettel im Wert von 0,25 Euro später freue ich mich schon auf das Gesicht des Angestellten an der Kasse und versuche, Butz verschiedene Aufträge zum Holen von bestimmten Dingen zu erteilen. Das Zählen und Antippen von Waren in Regalen ist aber minimal interessanter.

Während das Kind im Stechschritt die Gänge abschreitet und völlig vergisst, dass es nicht mehr klein und niedlich sondern groß wie ein ausgewachsener Mann und genauso breit ist, reißt es verschiedene herrenlose Einkaufswagen mit. Beim dritten Beinahezusammenstoß greife ich ein.

Hand an den Einkaufswagen it is und ich verfluche mich, dass ich nicht besser eingeschätzt habe, wie gestresst er tatsächlich ist. Also Zähne zusammenbeißen und durch. Ich werfe in der verzweifelten Hoffnung, Butz mit Quengelwaren ablenken zu können, den Einkauf aufs Kassenband.

Nicht mit Butz. Entsetzt entfährt ihm ein Aufschrei, während er anfängt, Waren nach Größe, Form, Aussehen und Kategorie zu ordnen. Als er vorne angelangt ist, kann ich ihn nur durch körperlichen Einsatz daran hindern, die Bierdosen des Kunden vor uns nach Sorte zu sortieren.

Das Kassieren verlangsamt sich durch Scannen der 43 Pfandbons und Butz‘ Zeigefinger auf dem Kundenmonitor, der mit bedrohlich wirkender Akribie jeden Artikel noch zweimal prüft, während der Kassierer sich immer unwohler fühlt und aufgrund der Verzögerung eine zweite Kasse öffnet.

Ich murmle beruhigend vor mich hin, da wagt es der Kassierer, das letzte Teil selber und mit einer an Arroganz grenzenden Willkür einfach oben auf Butzis Ordnung in den Einkaufswagen zu legen.
Ich schiebe Butz Richtung Ausgang und halte im Gehen noch schnell die Karte vor.

Draußen angekommen schnaufe ich einmal tief durch und füttere das Kind mit Milchschnitten. Das verschafft mir etwas Zeit, die Einkäufe in Tourbus zu laden und den Wagen zurückzubringen. Ihm das aufzutragen traue ich mich gerade nicht obwohl das eigentlich Kinderaufgabe ist.

Ich ziehe mich auf den Fahrersitz hoch und lächle Butz an: ‚Das war anstrengend, hm?‘
Er nickt, zieht auf der Fahrt ein paar Male am Türgriff, hört aber gleich wieder auf. Zuhause legt er sich auf die Terrasse, winkt Ludwig herbei und 40 Kilo Labrador legen sich auf ihn.

Ich sehe, dass mit jedem Kilo Gewicht, das auf ihn herabsinkt, die Unruhe weicht. Ein paar Momente später zieht er Lu liebevoll an Ohren und Lefzen, erzählt von seinem Tag und genießt das tiefe wohlige Brummen, das aus dem Hund kommt.

Heute ist ein Tag, an dem ich nicht weiß, ob wir Fortschritte machen, ob es vorwärts oder rückwärts geht, ob wir auf einem guten Weg oder davon abgekommen sind, aber letzten Endes können wir eh immer nur einen Schritt vor den anderen setzen und schauen, wo das Leben uns hinführt.

Lost in Translation

Unterhalte mich mit den Lateinerkindern und beende meinen Satz mit ‚…venenum facit.‘ als der Kobold um die Ecke biegt.

Er starrt mich entsetzt an:

„ENTSCHULDIGUNG? Fick dich doch selber?“

[Ich werde nie wieder aufhören können zu kichern.]

So Tage

Heute bin ich wieder extrem dankbar dafür, dass ich mit meinen Kindern nicht befreundet sein will, denn die wirklich rotzige Laune von drei Teenagern, die gegen ihren Willen Komposthaufen umsetzen müssen, die muss man erst mal aushalten können.

Kobold schiebt laut vor sich hinzeternd die Schubkarre mit Erde den Berg hoch.

„Und das muss jetzt ich machen, obwohl ich krank bin!“

Butz, der mit Schaufel und Mistgabel hinter ihm herstiefelt, motzt:
„Du bist überhaupt nicht krank! Du bist nur superbehindert! Ich bin krank!“

Kriegerin, die die medizinischen Diagnosen der beiden besser präsent hat, brüllt von unten: „Ihr seid beide behindert. Aber vor allem seid ihr Idioten! Und dafür gibt es keinen Nachteilsausgleich!“

Butz: „Wir sagen nicht Idioten!“

Kriegerin und Kobold: „FRESSE!“

[Wie ich mich manchmal einfach ungewollt in einer Folge von „Die Flodders“ wiederfinde.]

Real Life

Butz zerkleinert seit einer Stunde Granitblöcke mit dem Vorschlaghammer und brüllt ab und zu wütend:

„Im Spiel ist das nur ein Klick!“.

[Ja. Mensch. Realität auch einfach so ernüchternd immer.]