Homeschooling

Die Tochter legt sich fest:

Das Beste am Onlineunterricht ist der dreijährige Sohn der Lehrerin, der sich – wenn sie mal kurz das Zimmer verlässt – vor dem Computer positioniert und mit kritischem Blick ein mahnendes „‚allo?! ‚allo!? Lernt ihr nisst?“ in die Kamera spricht.

Warum liegt denn hier Stroh rum?

Der amazon-Fahrer ist ein 2 Meter großer Hüne, hat lange schwarze Locken, lächelt wie ein junger Gott, spricht nicht so ganz perfektes Deutsch und ruft jedes Mal sehr laut quer durch den Garten:

„Habe ich das gut gemacht? Ich will es Ihnen genau richtig besorgen!“

[Die Nachbarn bestellen wohl auch bald bei Amazon.]

Wahl

Je tiefer der Morast wird, je unebener der Weg, je höher die Gipfel, desto mehr Worte braucht es, die Welt zu bändigen. Der Text als formbares Element in einer unformbar wogenden Mischung aus Hilflosigkeit, Erinnerung, Erfahrung, Fähigkeiten und Chaos. Der Alltag als Erdung, jede Pause als Sog in den reißenden Strudel der eigenen Gedanken.

Die Erkenntnis ist der entscheidende erste Schritt. Hier werden meine Programmierungen aufgerufen, hier triggert die Konditionierung. Ich bin wieder das dressierte Äffchen, der Pawlowsche Hund einer Kindheit, in der alles darauf ausgerichtet war, so viel Fähigkeiten, so viel Erfahrungen, so viel Wissen, so viel Funktionalität wie nur irgend möglich zu erreichen.

Mein unperfektes und langweiliges heutiges Leben, das allem entspricht, was ich niemals werden sollte, ermöglicht mir den Schritt zurück und den Blick auf mich selber. Ich kann und darf einfach innehalten und mir die Situation ansehen. Muss mich nicht von Adrenalin überschwemmen lassen, muss nicht funktionieren, muss nicht springen, nur weil das Stöckchen da ist.

Ich habe die Wahl, ob ich zu dem Treffen gehe, das mein Vater mir mit diesem mir völlig fremden Mann aufzwingen will, um etwas zu übergeben.

Ich kann mich frei entscheiden. Muss mich weder an Regeln, die ich nicht selber aufgestellt habe, halten, noch überhaupt irgendetwas tun, was mir nicht gut tut. Muss den Text nicht entschlüsseln, kann das Geheimnis dort lassen, wo es gerade ist und kann auch entscheiden, dass mich das alles überhaupt nicht interessiert.

Und wenn ich gehe, dann nicht allein, wie gefordert.

Ich bin nämlich nicht mehr allein auf dieser Welt.

Ich habe den mächtigsten Wächter der Welt an meiner Seite.

Den einen Menschen, der alles gesehen hat und alles wissen darf.

Ich bin nicht mehr alleine.

Schulbesuch, Corona-Edition

Als der kleine Sohn gestern über den Hausaufgaben saß, lief ihm die Nase. Kein Schnupfen, kein Husten, keine gelbe oder grüne Verfärbung, kein gar nichts, aber ihm lief halt die Nase.

In den Merkblättern der verschiedenen Schulen ist das ein Ausschlusskriterium für den Schulbesuch, bis sich „ein klareres Bild“ ergibt.

Also blieb der Sohn heute zuhause, wir meldeten eine „laufende Nase“ an die Schule mit einem Direktor, der sehr klar äußert, sich von der Politik völlig alleingelassen zu fühlen und haben nun die Anweisung, ihn 24 Stunden zu beobachten und wenn dann weder Symptomveränderungen oder neue Symptome oder Fieber hinzukommen, geht er wieder hin.

Als Dauer-HNO-Patient aufgrund seiner Hörschädigung und einiger Probleme in diesem Bereich, die durchaus Symptomen wie Erkältungen ähneln können, sehe ich unruhigen Zeiten entgegen.

Denn weder bringe ich das Kind nun bei jedem Schnott-Tropfen zum Arzt noch vermute ich gleich eine Infektion dahinter, aber im Sinne eines funktionierenden gesellschaftlichen Gesamtschutzes muss er sicherheitshalber zuhause bleiben.

Und wenn es nur die 24 Stunden zur weiteren Beobachtung sind.

Aber was ist, wenn er tatsächlich eine Infektion hat und die sich dann auch tatsächlich nur in einer laufenden Nase äußert? Dann schicke ich ihn nach 24 Stunden trotzdem zur Schule, denn die Kriterien sind ja: Wenn es nicht schlimmer wird, Husten oder Fieber dazukommt, ist das Kind schulfähig und verpflichtet, wieder die Schule zu besuchen.

Im asymptomatischen Krankheitsverlauf haben wir dann ein krankes Kind in die Schule geschickt, das alle anderen anstecken könnte.

Was ist die Alternative?
Jedes Mal einen Test zu machen?
Wir verlassen das Haus nur zum Einkaufen, für Arzttermine und Arbeit, halten Abstand, treffen niemanden, tragen Mundnasenbedeckung.
Das steht in keinem Verhältnis zu irgendetwas.

Andererseits haben wir viele Kinder in vielen unterschiedlichen Schulen, die jeden Tag Kontakt mit insgesamt hunderten anderer Menschen haben.

Ist das das „Restrisiko“?

Ich bin etwas ratlos.

5 Monate Pandemie

Am 12. März haben wir beschlossen, die Kinder nicht mehr zur Schule gehen zu lassen, am 13. kam für NRW die Mitteilung über die Schulschließungen ab dem 16. März.

Das ist nun fünf Monate her.
Fünf Monate Homeschooling mit allen Kindern, Sommerferien, Isolation hier zuhause, um sich nicht zu infizieren oder andere anzustecken.

Und heute?
Heute ist der erste Tag im neuen Alltag.

Corona ist vielleicht nicht vorbei, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Leider. Eine unserer größten Stärken verwandelt sich hier in ein unkalkulierbares Risiko.

Urlaubsreisen, Treffen, mangelnde Hygiene, Rundreisen, Sorglosigkeit, Freizeitparks und nicht einmal mehr das Bemühen, es so aussehen zu lassen, als würde man sich noch Gedanken machen.

Ich weiß nicht, wo das hinführt und wie es weitergeht.
Wie wir als Welt aus dieser Aufgabe hervorgehen.
Was das mit uns macht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir unterm Strich allzu gut dabei wegkommen.

Und habe ich vor Monaten noch gesagt, wenn diese Krankheit deutlich gefährlicher, tödlicher, stigmatisierender wäre, würden die Menschen anders handeln, glaube ich auch daran inzwischen nicht mehr. Der Großteil von uns ist ja schon völlig unfähig, diese Situation ununterbrochen im Bewusstsein zu halten. Die Kinder können nicht mehr aufgrund von Risikopersonen im Haushalt dauerhaft vom Präsenzunterricht befreit werden, also gehen sie zur Schule.

Mit Maskenpflicht im Unterricht. Ich bin gespannt auf die ersten Berichte.

Meine persönlichen Fäden entwirren sich nur langsam. Ich bin alleine und merke, dass ich freier atmen kann, aber ich bin wie gelähmt. Weiß gar nicht, was ich als Erstes anfassen soll, es sind so viele Dinge und nur so wenig Zeit für diese zwei, vier, sechs? Stunden bis hitzefrei und wer weiß, wie lange die Kinder gehen, wann das Erste mal hustet, Schnupfen hat, 24 Stunden zuhause bleiben muss, wieder schwänzt… er ist noch so unkalkulierbar, dieser neue Alltag.

Vielleicht konzentriere ich mich mal auf das Wesentliche und backe erst mal einen Geburtstagskuchen für morgen.

Erziehungsmaßnahmen

Sitze bei offenem Fenster im Arbeitszimmer und dachte wirklich, die Kinder wären im Garten.

Plötzlich von draußen: „Boah, fick dich, Alter!“

Ich brülle Richtung Fenster: SO wird hier bestimmt nicht gesprochen!!

Von draußen: „Entschuldigen Sie bitte… wir gehen mal weiter…“

Geburtstag mal anders

Seit die Kinder 5 Jahre alt sind, geben sie Geburtstagspartys, die an Größe und Aufwand kaum zu überbieten sind.

Einfach, weil wir das lieben und es für uns etwas Großartiges ist.

Dieses Jahr ist alles anders.

Normalerweise wäre ich Anfang Mai schon mitten in Vorbereitungen, Aufbauten, Spielkonzepten und Materialbeschaffung oder -ordnung.

Nicht dieses Jahr.

Wir feiern nicht.

Da die Kinder noch nie weitere Familie hatten (ich habe keine Geschwister, der Mann hat keinen Kontakt, unsere Mütter sind tot, die Väter wohnen weit weg), war immer klar, dass ein Geburtstag etwas ist, das man mit seiner Wahlfamilie – nämlich all seinen Freunden feiert.

Es ist spannend, zu erleben, was der Verzicht darauf in diesem Jahr mit uns macht. Ich habe sehr viel freie Energie und Zeit, die ich anderweitig investieren kann und genieße das mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Die Partyplanung für so viele Kinder war immer fester Bestandteil meines Jahresablaufs und letzen Endes natürlich auch ein Teil meines Geschenks an das jeweilige Kind.

Die Kinder nehmen auch diesen Aspekt mit eher stoischer Gelassenheit hin. Genau wie all die anderen Einschränkungen, denen sie gerade unterliegen. Ich werte es als positives Zeichen, dass sie sich auch in diesen stürmischen Zeiten kaum aus der Ruhe bringen lassen und im Grunde genommen doch all das hier haben, was sie brauchen.

Die Kanäle, über die sie mit ihren Freunden kommunizieren können, sind dieser Tage gefühlt immer offen und das fängt viel auf.

Das wird an ihren Geburtstagen ebenfalls tragen, dass die Menschen, die ihnen nahestehen, zwar nicht anwesend, aber da sind.

Corona

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen es schaffen, mein Bild von dem, was wir so euphemistisch „Zivilisation“ nennen, noch weiter nach unten zu korrigieren.

Ich bin zurzeit so fertig mit meinen Mitmenschen und meine Nächstenliebe ist weit über das normale Maß hinaus erschöpft. Die angespannte Situation fordert ihren Tribut, die Nerven der meisten Leute liegen blank und ich bin so unendlich dankbar, dass ich meine Kinder hier bei mir haben kann und sie nicht rauslassen muss.

Ich bin dankbar für Haus und Garten und ganz ganz viel Abstand zu den vielen Irren, die da draußen anscheinend nur noch von ihrem Reptiliengehirn gesteuert werden.

Das Türplakat

An der Haustür ist bei uns viel Platz für Kalender, Stundenplände, Fotos, etc.

Nachdem es letztes Jahr für die Kinder schon so gut geklappt hat, mit einem großen Türkalender den Überblick über das „große Ganze“ im Jahr nicht zu verlieren, habe ich mich dieses Jahr für die noch umfangreichere Variante entschieden.

Wozu groß, wenn man es auch gigantisch machen kann?

Also habe ich ein Plakat mit den Maßen 90×120 cm gestaltet, auf dem nicht nur ein Kalender mit Beschriftungsmöglichkeiten aufgedruckt ist, sondern auch noch freie Flächen für Familienunternehmungsfotos, Eintrittskarten, Andenken.

Meine Kinder neigen dazu, bei jeder Gelegenheit zu behaupten, wir würden ja „nie“ was machen und bei Erinnerung an die letzten Erlebnisse, sind diese für die Kinder „schon ewig her“, also hilft es uns (also den Kindern…) auch, uns im richtigen zeitlichen Zusammenhang zu erinnern.

Mit vielen Menschen und vielen Interessen und ebensovielen Freunden und eigenen Freitzeitvorstellungen als Familie etwas gemeinsam zu unternehmen, ist eine Herausforderung, die ich auch in diesem Jahr wieder gerne annehme.

Mindestens eine große Familienunternehmung jeden Monat, Platz ist noch für einige mehr.

Bonbonladen

Da die bürokratischen Grenzen bezüglich meiner finanziellen Bewegungen jetzt doch wesentlich weiter gefasst sind, als wir das bislang dachten, komme ich mir momentan noch vor wie ein Kind im Bonbonladen, das sich nicht entscheiden kann, welche Sorte es nun zuerst probieren soll. Startkapital habe ich auch diesmal keines, also schauen wir doch einfach mal, wo der Weg mich hinführt.