18

Meine Tochter.

Ich habe dich mein ganzes Leben lang ersehnt.
Dich geliebt, lange bevor du geboren wurdest.

Heute wirst du 18.
Volljährig.

Du bist der schönste Mensch auf dieser Welt, dein Lachen klingt wie Musik in meinen Ohren, dein Herz ist groß und voller Neugier auf und voller Liebe für dieses Leben.

Dein erster Name für deinen Körper bedeutet Anmut – und du tanzt tatsächlich voller Eleganz und Anmut durch dein Leben, willst es zu deinem Beruf machen.

Dein zweiter Name für deinen Geist bedeutet Weisheit – du vereinst unendlich viel Wissen, Gaben und Talente in dir, besitzt einen hellwachen und scharfen Verstand mit einer großen Portion Mitgefühl.

Dein dritter Name für deine Seele bedeutet Stein, der brennt – und er könnte passender nicht sein. In dir lodert ein Feuer, ganz tief und es brennt hell und heiß, aber nicht alles verzehrend. Niemandem ist es möglich, diese Flamme zu ersticken, vergiss das nicht.

Was ich dir wünsche?

Flieg hoch – so hoch du kannst.
Hör immer auf deinen Bauch.

Bereue nichts.

Qual

Es sind Nächte wie die vergangene, auf die Tage wie heute folgen.

Voller Hass, Selbstzweifel, Trauer und Wut.
Voller Hätte und Wenn und Wäre.
Voller Trauer vor allem.
Wenn ungeweinte Tränen aus zwei Jahren in die Augen steigen und man nichts dagegen tun kann.
Außer weinen. Was man sich geschworen hat, wegen diesem Menschen nie wieder zu tun.

Auch wenn es das eigene Kind ist.

War?

Ach, ich weiß es ja nicht.

Die Zweifel sind groß und die kleine Menge der Menschen, die zum tausendsten Mal die tragische Geschichte meines Verlusts anhören wollen, tendiert inzwischen gen Null. Was ich sogar verstehen kann. Ich kenne alle Es ist jetzt schon lange hers, alle Sie ist ja nicht aus der Welts und vor allem alle Das wird irgendwann schon wieders.

Und ich zerbreche allein beim Gedanken an einen weiteren Allgemeinplatz, eine weitere Floskel, eine weitere sensationslüsterne Nachfrage. Ich kann das nicht mehr und ich will das nicht mehr.

Natürlich haben wir das aufgearbeitet. Dutzende Stunden mit und ohne Supervision darauf verschwendet, die Lage und jedem nur denkbaren Gesichtspunkt zu beleuchten und zu zerkauen. Intellektuell ist alles gesagt.

Das Herz schreit immer noch. Laut. Verzweifelt. Es gibt keinen Trost.
Will in den Arm nehmen, festhalten, nie wieder loslassen.
Will die Zeit zurückdrehen und irgendetwas anders machen.

Egal was.

Alles, wenn es nötig sein sollte.

Es ist müßig. Sie kommt nicht zurück. Ich kann sie nicht zu Kontakt zwingen. Zu Antworten schon gar nicht.

Zwei Jahre ohne mein Kind. Ohne zu wissen, wie es ihr tatsächlich geht. Nur mit der Ahnung, mit hingeworfenen Brocken von Jahr zu Jahr, mit Bruchstücken aus Polizeiberichten, und mit ganz viel vorgespieltem Alles in Ordnung. Mit Schweigen. Vor allem mit Schweigen.

Und einem in unendlich viele Stücke zersprungenen Mutterherz, das kaum noch in der Lage ist, irgendetwas zu empfinden.

Es kommt nicht auf die Größe an

Das Mittagessen ist schon auf den Tellern, als Butz verkündet, sein Penis sei zu klein, um beim Pinkeln von der Badtür aus das Klo zu treffen.

Totenstille.

Der Kobold unterbricht das Schweigen.
„Es kommt nicht auf die Größe an! Du musst mehr Druck aufbauen!“


[Holt. mich. hier. raus.]

Abgrenzungen

„Mama, ich lieb dich. Und auch deine anderen Kinder hab ich ein bisschen lieb.“

– Mit meinen anderen Kindern meinst du aber schon deine Geschwister, Motte, ja???

„Mir ist meine Formulierung lieber.“

Nachlass

Ein Tagebuch ist etwas zutiefst Persönliches.

Und wenn man ein Fremdes in Händen hält, ist es eine ebenso persönliche Gewissensfrage, ob man wirklich erfahren möchte, was darin steht. Es gibt mitunter Dinge, die man vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Und Wissen kann man nicht zurückgeben, das ist das einzig Tragische daran.

Ich habe wie geplant meine Tagebücher (die, die ich nicht weggeworfen oder gelöscht habe, weil sie irgendwann zu belastend für mich selber wurden) Korrektur gelesen, mit einigen wenigen fehlenden Bildern versehen und in vernünftige Buchform gebracht.

Im Moment kommen sie alle nach und nach aus der Druckerei und wandern in meine Nachlasskisten.

Dort finden sich für jedes Kind einzigartige Erinnerungsstücke, Mutterpässe, Briefe, die ich seit Jahren schreibe und nun eben auch meine gedruckten und nach Jahren sortierten Tagebücher.

Ich versuche so zu leben, dass ich meine Kinder jeden Tag mit Geschichten aus ihrem und meinem Früher und mit bleibenden Erlebnis-Erinnerungen versorge, aber vielleicht ist es irgendwann gut, wenn man etwas zum Anfassen hat, an dem man sich auch mal festhalten kann.

Oder es ungelesen verbrennt.

Aber das liegt dann nicht mehr in meinen Händen.

Das Türplakat

An der Haustür ist bei uns viel Platz für Kalender, Stundenplände, Fotos, etc.

Nachdem es letztes Jahr für die Kinder schon so gut geklappt hat, mit einem großen Türkalender den Überblick über das „große Ganze“ im Jahr nicht zu verlieren, habe ich mich dieses Jahr für die noch umfangreichere Variante entschieden.

Wozu groß, wenn man es auch gigantisch machen kann?

Also habe ich ein Plakat mit den Maßen 90×120 cm gestaltet, auf dem nicht nur ein Kalender mit Beschriftungsmöglichkeiten aufgedruckt ist, sondern auch noch freie Flächen für Familienunternehmungsfotos, Eintrittskarten, Andenken.

Meine Kinder neigen dazu, bei jeder Gelegenheit zu behaupten, wir würden ja „nie“ was machen und bei Erinnerung an die letzten Erlebnisse, sind diese für die Kinder „schon ewig her“, also hilft es uns (also den Kindern…) auch, uns im richtigen zeitlichen Zusammenhang zu erinnern.

Mit vielen Menschen und vielen Interessen und ebensovielen Freunden und eigenen Freitzeitvorstellungen als Familie etwas gemeinsam zu unternehmen, ist eine Herausforderung, die ich auch in diesem Jahr wieder gerne annehme.

Mindestens eine große Familienunternehmung jeden Monat, Platz ist noch für einige mehr.

Adventskalendertürchen Nr. 18

Nr. 18 – Die Kriegerprinzessin

Motte, Naturgewalt. Große kleine Tochter.

Sie kämpft um jeden Zentimeter, kann es kaum erwarten, noch größer, noch kräftiger, noch schneller, noch älter, noch erfolgreicher, noch … alles zu werden.

Die Kriegerprinzessin war auch in diesem Jahr eine große Herausforderung für meine Geduld und mein Nervenkostüm. Mit jedem Tag fordert sie mehr vom Leben, ist trotziger, wilder und unbändiger als je zuvor und ich bin so unendlich dankbar, dass dieses Kind genau so ist, wie es nunmal ist.

Selbstbewusst mit mehr als nur einem Hauch von Größenwahn.

Intelligent im immerwährenden Spagat zwischen Genie und Chaos.

Mit wild loderndem inneren Feuer und der Tendenz zu Brandwunden.

Nicht durch Wasser löschbar.

Es ist ein besonderes Geschenk, einen solchen Menschen begleiten zu dürfen. Sie spiegelt mich, ist mir so ähnlich und treibt mich mit genau dem Verhalten zur Weißglut, das ich selber an den Tag lege.

Sie ist mein Augenstern. Vereint so viele Gegensätze in sich, dass man nur ehrfürchtig staunend zusehen und auf Gott vertrauen kann. Dieses Kind lehrt mich das Loslassen im Vertrauen darauf, dass schon alles gut werden wird.

Meine schwerste Lektion.

Adventskalendertürchen Nr. 16

Nr. 16 – Der Kobold

Uff. 

Es fällt mir sehr schwer, dieses Kind angemessen in Worte zu fassen.

Mein Schrei-Kobold, mein großer Sohn, mein Bulldozer, mein emotionaler Ausnahmezustand.

Ich hatte in diesem Jahr einen Sohn an meiner Seite, der den Spagat vom vierten Kind zum Ältesten schaffen musste. Einer, der von „einer von den Kleinen“ zum „Großen“ aufgestiegen ist, und das alles innerhalb weniger Monate.

Mein Kobold ist nur noch wenige Zentimeter kleiner als ich – er misst momentan 1,70m in der Höhe und es ist kein Ende in Sicht. Manchmal erhascht man schon einen Blick auf den Mann, zu dem er sich gerade formt, manchmal noch Einen auf das kleine Kind, das er eigentlich schon hinter sich gelassen hat.

Niemand bringt mich so zum Schmunzeln wie er. Seine Parodien von Freunden, Familienmitgliedern – von mir im Besonderen – lassen mich immer wieder fast auf dem Boden liegen vor Lachen. Dank ihm kenne ich leider auch jeden schmutzigen Witz dieses Universums.

Es ist fast unmöglich, ihm etwas abzuschlagen. Als der Charme verteilt wurde, hat er gleich mehrfach hier geschrien, dafür ließ er Aufmerksamkeit, Gelassenheit und Ernst leichten Herzens links liegen.

Es ist schwer, ihm böse zu sein, auch wenn er das Kind ist, das zum Haareraufen Mist machen kann.

Er geht nach wie vor keiner Auseinandersetzung aus dem Weg und provoziert oft und gerne seine Mitmenschen.

Es ist ihm von meiner Seite immer leicht verziehen, denn er misst sich grundsätzlich nur an Menschen, die entweder größer und stärker sind als er oder ihm mindestens ebenbürtig.

Sein ausgeprägter Schutzinstinkt gegenüber Schwächeren oder hilfsbedürftigen Tieren oder Menschen macht ihm zu jemandem, der auch gegen den Strom schwimmen kann und will, um seine Ziele zu erreichen. Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er Unrecht als solches sofort brandmarkt. Immer, jederzeit. Auch, wenn es ihm zum Nachteil gereicht.
Ist er im Unrecht, besitzt er die Größe, sich mit Stolz und Würde aufrichtig zu entschuldigen.

Ich liebe es, ihn mit dem Mann kämpfen zu sehen. Wenn diese beiden langen und kräftigen Menschen aufeinandertreffen und miteinander ringen – der junge heißblütige Hitzkopf und der gelassene erfahrene Kämpfer – dann möchte ich vor Stolz einfach nur platzen, dass ich diese beiden Männer zu meinem Leben zählen darf. Ich frage mich, wann der Punkt erreicht sein wird, an dem sich das Kräfteverhältnis ins Gegenteil verkehrt. Ich sehe zwar, dass dieser Punkt noch in weiter Ferne liegt, aber ich bin gespannt, wie das sein wird.

Es bleibt zu hoffen, dass der Kobold bis dahin noch ein wenig von dem Langmut und der Gelassenheit seines Vaters übernimmt. Ich bin so dankbar, diesen lebensfrohen Menschen auf seinem Weg ins Erwachsensein begleiten zu dürfen, auch wenn er in meinem Herzen immer noch der kleine vorlaute Kobold ist, der mich in seinen ersten Jahren vor so viele Herausforderungen gestellt hat. An keinem Kind bin ich so gewachsen wie an ihm.

Und auch dafür bin ich unendlich dankbar.

Adventskalendertürchen Nr. 15

Nesthäkchen, besonderes Kind, ewiger Kleinster der Familie, Butzemann, närrischer kleiner Tuk.

Der kleine Sohn hat viele Namen und ich kann jedes gängige Vorurteil über die jüngsten und letzten Kinder nur bestätigen.

Er käme niemals auf die Idee, dass sich die ganze Welt nicht nur um ihn drehen würde.

Wir haben in diesem Jahr das erste mal fast vollständige Hörfähigkeit attestiert bekommen. Der letzten Operation im nächsten Frühjahr steht damit nichts mehr im Wege. Seine Herzfehler sind weitestgehend unauffällig und er entwickelt sich nach dem Rückstand der ersten Jahre einfach nur prächtig.

Die Entscheidung, ihn trotz allem schon zwei Jahre nach Beginn des Spracherwerbs und der Hörfähigkeit einzuschulen, hat sich als goldrichtig erwiesen. Er gehört zu den Besten seiner Klasse, macht genau so viel Quatsch wie für sein Alter und den Lehrer vertretbar ist und hat jede Menge guter Freunde gefunden.

Er ist und bleibt mein Sonnenscheinchen, mein Strahlemann. Ich kann nicht umhin, immer wieder die Parallele zu ziehen, dass mit seiner Geburt meine gesamte Welt in der Finsternis versank.

Monate, Jahre.

Wo Licht ist, ist immer auch Schatten.

Heute erfreue ich mich sehr an diesem vorlauten Kind, das ununterbrochen redet, alles besser weiß und wissen will, ständig in Bewegung ist und seinen Platz als kleiner süßer Unschuldsengel sehr wohl behaupten möchte. Er ist herausfordernd, aber ich zweifle nicht daran, dass er seinen Weg gehen wird.

Eine Welt ohne ihn wäre undenkbar.