Von Schutz und Mut

„Mama, kann ich auch Geld ham?“, fragte der Kobold in der Bremer Fußgängerzone, nachdem das Tochterkind dem russischen Seemannschor etwas in den Kasten gepackt hatte.

Ich nicke  und gebe ihm auch eine Münze in die Hand.

Er geht drei Schritte vorwärts und just in diesem Moment bringen die fünf Männer mit Wucht und Lautstärke ein herzzerreißendes Lied zu seinem Höhepunkt.

Der Kobold springt entsetzt quiekend einen halben Meter zurück und flüstert:

„Ich trau mich das nich so alleine! Die Männers sind so laut!“

Ich schmunzle ein bisschen, will etwas sagen, aber das Tochterkind nimmt ihn schon in den Arm und sagt:

„Komm, wir gehen zusammen. Ich pass auf dich auf!“

„Auch mit die Männers?“

„Ja, auch bei den Männern.“

Utopie

Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.

Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.

Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.

Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.

Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.

Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.

Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.

Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.

Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.

Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.

Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.

Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.

Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.

Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.

Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir  zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“

Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.

Und ich verstand nicht.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.

Und sagen:

Seht her.

Kobold in glänzender Rüstung

Letzte Woche im Krankenhaus ist etwas sehr Bemerkenswertes vorgefallen.

Sonst sehr scheu und leicht völlig aus der Fassung zu bringen, wenn man ihn aus seiner eigenen Welt holt, rettete der Kobold seine kleine Schwester.

Eine Krankenschwester flirtete über den Flur mit der Motte und sagte mit einem Mal: „Na komm mal her, du Süße!“

Dem Kobold entglitten sofort sämtliche Gesichtszüge und er fasste die Motte ziemlich unsanft am Kragen, zog sie nach hinten und fuhr die Krankenschwester an: „Das DARF die KenzoMausMotte nich! Wir kennen uns ja ga nich!“

Man sah, wie Angst und Beschützerinstinkt hart miteinander kämpften.

Umso stolzer bin ich, dass er dermaßen über sich hinausgewachsen ist.

Kinder, Kinder

Als das Mottenkind mir beim Toben im Bett gestern irgendetwas fieses Hartes an die Schläfe knallte und danach triumphierend kreischend den Rückzug antrat, sank ich in die Kissen und jaulte so ein bisschen herum.

Der Kobold sieht mich nachdenklich an, fragt, was er kennt:

„Mama, hassu Bauchweh?“

und informiert den großen hübschen Mann fachmännisch über mein Leiden.

„Mama tut der Bauch weh, Papa!“

„Der Kopf!“, seufze ich theatralisch.

„Mama hat Bauchweh, Papa!“, lässt der Kobold sich nicht irritieren.
[Ärzte wissen ja immer alles besser]

„Am KOPF tut es weh!“ brülle ich entrüstet.

Der Kobold nickt ein wenig so, als wäre ich geistesgestört, sieht zu seinem Vater hoch und setzt nach:

„Papa, Mama hat Bauchweh am Kopf!“

Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.

Erdbeermotte

Das Mottenkind läuft seit eineinhalb Monaten. Bei uns gilt die Regel: wer laufen kann, wird weder geschoben noch getragen.

Als wir gestern Richtung Wald liefen, ist mir erstaunt klar geworden, wie unterschiedlich die Kinder diese Anfangslaufzeit bewältigen.

In diesem Laufstadium war es beim großen Tochterkind so, dass sie stramm marschiert ist. Am liebsten an der Hand, immer geradeaus. Die freie Hand zeigte begeistert auf die Umgebung mit einem begeisterten „da!“. Ab und an sind wir stehen geblieben und haben etwas bestaunt und sind dann weitergegangen.

Wir sind gewandert, haben Spaziergänge gemacht, ach, was war das wundervoll.

Ich war fasziniert, wie toll das ist, mit Kind durch die Gegend zu laufen.

Der Kobold war anders. Wie ein Brummkreisel auf Speed rotierte er um mich herum. Hier eine Pfütze, dort ein Grashalm, da hinten ein Stein. Ich lief einen Meter, er lief zehn Meter. Hin, zurück, um mich herum, von mir weg.

Alles mit wehendem roten Haar und lautem Gekreische.

Ich war fasziniert, wie anstrengend es sein kann, einfach nur ein wenig zu laufen. Womöglich noch geradeaus.

Und die Motte? Wir laufen zehn Meter, sie bummelt einen.

Sie läuft mit einer Gemütsruhe, die mich vermuten lässt, dass sie auch ohne weiteres dabei einschlafen könnte.

Jede Ameise wird mit einem begeisterten „Gah!“ begrüßt und die Motte lässt sich auf den dicken Hintern plumpsen, um ebendieser Ameise erst einmal einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen.

Gestern war bemerkenswert, weil wir sie überhaupt nicht animieren konnten, mit uns mitzugehen. Einen halben Meter ist sie weitergelaufen, hat eine Pfütze entdeckt und sich mitten in ihr niedergelassen.

Sich glücklich seufzend direkt hineingelegt und in den Himmel gesehen. Die Nase in den Regen gestreckt, die Augen zusammengekniffen und laut losgelacht.

Und ich bin fasziniert, wie sehr mich dieses Kind das Leben genießen lehrt.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Kobold

Wenn mein Sohn breit grinsend an den großen Küchenschrank gelehnt da sitzt und es hinter ihm in besagtem Schrank ganz dolle rumpelt und er sich dabei einen Ast freut…

… dann hat er es wieder einmal geschafft, den dicken Halbperser in den Schrank zu locken und dort einzusperren.

Das Tier ist aufgrund weitreichender Erfahrung in dem Bereich nur leicht gestresst und wieder frei.
Der Kobold ist maulig, hat inzwischen die Tür für die zweite Katze geöffnet und wirft Käse in den Schrank.