Fallen

Die Dinge, die uns lange Jahre so unverrückbar, unbezwingbar, unantastbar erschienen – sie fallen. Sie zerfallen, zerfasern, lösen sich auf. Und ungläubig staunend sehe ich zu, wie die Dinge sich ordnen. Eins ums Andere.

Lange Zeit konnten wir nur Weichen stellen, ohne jemals die zukünftige Strecke auch nur erahnen zu dürfen.

Wir haben monate- und jahrelang auf etwas zugearbeitet, das wir nicht sehen und kaum greifen konnten.

Jetzt sind wir dort. Und sehen. Begreifen, wofür es sich gelohnt hat.

Die Trauer um die Vorstellung, wie wir es uns als Familie gewünscht hätten, ist allerdings blass geworden.

Wir gehen nun eben einen anderen Weg als wir uns vorgestellt haben. Und vielleicht ist alles gut so, wie es passiert ist.

Flashbacks

Dieser Tage reicht ein Blick auf die Uhr, um vor 17 Jahren festgebrannte Erinnerungen in Echtzeit wiederauferstehen zu lassen.

Nicht von ungefähr kommt das Kratzen im Hals, die Kopfschmerzen, die Magenschmerzen, das Unwohlsein. Die Erinnerungen an das Durchlebte, die als absolut erfahrene Einsamkeit, die Schmerzen, die Hilflosigkeit. Selten ist etwas so klar und scharf umrissen wie in diesen ersten Septembertagen.

Dieses Mal wiederholt sich sogar die Wochentagfolge von damals.

Der Montag, der Dienstag, der Mittwoch. 

In 20 Stunden werde ich zweimal bei der Geburt meines ersten Kindes gestorben sein.

In 24 Stunden werde ich vom Chefarzt im Aufwachraum darüber informiert worden sein.

In 26 Stunden werde ich meine seit 6 Stunden laut schreiende Tochter das erste Mal in den Arm genommen haben und dann 18 Monate lang wortwörtlich nicht mehr loslassen.

Und ich kann sie morgen nicht einmal in den Arm nehmen, um ihr und mir zu ihrem Geburtstag zu gratulieren.

Weil sie weg ist.

Das Glückskind

Die Kriegerprinzessin ist in vielerlei Hinsicht ein Glückskind.

Das fing vielleicht schon damals an, als sie mitten in der Nacht mit halbem Glückshäubchen, einem Herzfehler und tiefblauem Gesicht (und einer Nabelschnur, die sich mehrfach um ihren Hals gewickelt hatte), im größten Gewitter des damaligen Sommers geboren wurde. Sie ist das Kind, das wir am häufigsten in ein Krankenhaus fahren oder von dort abholen mussten. Egal, ob sie sich einmal die gesamte Lippe gespalten hatte und mit zwei Jahren stoisch – ihren Lieblingsesel an sich gedrückt – das Nähen der gesamten Lippe über sich ergehen ließ – mir trotzig in die Augen blickend und willens, diese Prozedur durchzustehen – oder ob wir eines Tages nach Hause kamen, den Kobold in heller Aufregung vorfanden, die Polizei sei dagewesen, die Motte sei vom Auto angefahren worden. Auch da holten wir später ein leicht trotziges und aufrecht stehendes Kind aus dem Krankenhaus. Nicht ohne bleibende Schäden, aber seelisch unversehrt.

Ich stehe voller Ehrfurcht vor diesem einen Kind, das mir so ähnlich ist und mich so sehr zur Weißglut bringen kann wie kein anderes. Mit dem ich mich bis aufs Blut streiten kann. Das gleichzeitig eine Sanftmut gegenüber anderen Lebenwesen an den Tag legt, die ihresgleichen sucht.

Und ich sehe voller Dankbarkeit und Staunen, wie das Leben und das Schicksal immer wieder ihre Hände über dieses willensstarke Geschöpf halten.

Wenn jemand etwas gewinnt, dann ist sie es. Wenn jemand etwas findet, an dem wir alle vorbeigelaufen sind, dann ist sie es. Wie beim Fahrradfahren, als wir alle über einen 20 Euro Schein gefahren sind und sie ihn sah und aufhob. Wie sie jeden Getränke- oder Essensautomaten überprüft und immer eine Münze findet. Zwei Euro hier, einen Euro dort, einen Schein auf der Straße… Kranke oder verletzte Tiere – findet nur sie und bringt sie mit nach Hause.

Sie ist das Kind, das ich Lose aussuchen lasse und mit jedem davon gewinne.

Sie ist auch dasjenige, das sich den gefährlichsten Situationen aussetzt. Das Kind, das am höchsten klettert, am tiefsten fällt, hundertprozentig den Dornenbusch oder das Brennesselfeld trifft, wenn wir anderen in der Buchenhecke landen. Sie ist heimlich an den Fluss gegangen, während er Hochwasser führte, reingefallen, kam wieder heraus. Sie ist abends zum Sportplatz geschlichen, eingesperrt worden, in der einsetzenden Dunkelheit über drei Meter Gitter geklettert.

Sie tanzt im zarten weißen Spitzenkleid mit ihren schimmernden rotgoldenen Haaren und schlägt unerbittlich zu, wenn sie sich verteidigen muss.

Niemand nimmt diesem Kind irgendetwas weg.

Wer viel Helligkeit in sich trägt, zu dem gehört auch die Dunkelheit.

Aber vom Schicksal geküsst – immer.

Zeugnistag

Ist es nicht erst ein paar Tage her, dass es Halbjahreszeugnisse gab?

So ewig lang uns die Zeit bis zum Sommer noch vorkam, so schnell ist sie dann doch vergangen. Sommerferien, endlich. So dringend nötig für uns alle.

Die Kinder haben heute ihre Zeugnisse bekommen und was soll ich sagen?

Ich bin so stolz auf sie, dass sie allesamt wieder ein Jahr Schule absolviert haben.

Auf jeden etwas anders und jeder ist in diesem Jahr mal wieder über sich hinausgewachsen.

Der Kobold hat seinen Drang zur Unterrichtssabotage inzwischen weitestgehend unter Kontrolle und hat das Lernen für sich entdeckt. Leider unterrichten einige seiner Lehrer immer noch nicht für alle Wahrnehmungstypen gleichwertig, sondern hauptsächlich visuell und auditiv, aber das können wir zuhause abfangen. Mit den Berufswünschen Polizist oder Youtuber kann ich hervorragend leben, denn der Kobold geht seinen Weg auf seine Weise. Wir werden sehen, wo er uns hinführt. Notentechnisch hat er sich in fast allen Fächern um eine Note verbessert und das ist eine Leistung für ihn, die man mit Worten kaum angemessen beschreiben kann.

Das ehemals gehörlose kleine Kind, das ein Jahr früher eingeschult wurde und das entgegen der Empfehlungen nicht auf eine Sonderschule sondern auf eine Regelschule geht, hat auch das zweite Schuljahr mit Bravour gemeistert. Überflieger, in jedem Fach, in jedem Bereich. Es liegt einfach in ihm. Sein Paradefach Mathematik ist ihm oft zu leicht, löst er doch die Gleichungen des Achtklässlers hier genauso leicht wie ihm das Bruchrechnen mit der Sechstklässlerin fällt.

Die Kriegerprinzessin hat ihr erstes Jahr am Gymnasium ebenfalls hervorragend gemeistert. Kein Straucheln, keine Zweifel, nichts. Öfter mal ist sie mit ihrem Dickkopf an (Lehrer-)Wände gestoßen, aber das darf auch sein. Sie behauptet sich. Das berühmte „Absacken“ der Noten im ersten Jahr des Gymnasiums blieb auch bei diesem Kind aus.  Jetzt endlich Schulsachen in die hinterste Ecke, Konsolen raus, Strandlaken auf die Gartenliegen, Wasser in den Pool, Eiscreme ins Gefrierfach.

Sommerferien, wir kommen!

Agonie

Wenig in meinem Leben erreichte je die bittere Intensität jenes Schmerzes, den ich zurzeit empfinde. Versagen, Wut, Enttäuschung und Liebe reichen sich die Hand und weinen gemeinsam. Ich bin nicht die, für die ich mich hielt. Ich strauchle mehr als ich jemals für möglich hielt. Ich kämpfe nicht so unfair wie ich mir geschworen hatte. Ich liebe mehr als ich ertragen kann. Ich verabschiede mich langsamer als mit gut täte. Mein Herz blutet stärker als ich erlauben wollte. Ich sehe das ersehnte Lebewohl vor mir, wenige Meter nur, so nah und gleichzeitig unerreichbar.

Fehlt mir der Mut? Die Kraft? Das Wollen? Wo ist meine Selbstachtung? Wann richte ich mich endlich auf und sperre aus, was mir absichtlich so weh tut? Kann ich das? Tut es danach noch mehr weh als jetzt? Kann es doch eigentlich nicht. Aber es ist vieles passiert, das ich nie für möglich hielt.

Ich will diesen Kampf nicht mehr. Ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr. Wenn man um eine Liebe kämpfen muss, dann ist es keine.

Quod me nutrit, me destruit.

Mein Kobold

Der Kobold wird heute 13 Jahre alt.

Mein erster Sohn und das Kind, das ich als Erstes selber auf die Welt bringen durfte. Ich verfalle schon lange nicht mehr in jede Erinnerungswehmut, die mich durch die Kleinkindjahre der Kinder begleitet hat, sondern es ist Raum für etwas Neues, Größeres gewachsen.

Das ehrfürchtige Staunen, einen Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten zu dürfen. Mein großer Sohn ist ein Mensch mit unglaublich viel Humor. Einer, der mich zum Lachen bringt. Mit einem extrem feinen Sinn für Situationskomik. Ich liebe es, wenn er seine langen schlacksigen Arme um mich legt und ich mich frage, wie lange es wohl noch dauert, bis er mich an Körpergröße überholt hat. Er ist das Kind, das mir wohl am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und dasjenige, bei dem sich die meisten meiner Grübeleien und Sorgen irgendwann einfach in Luft auflösen. Ich bemühe mich, gelassener zu sein, mehr Nachsicht zu haben und ihm vor allem mehr Zeit zu geben, weil er kein Freund von Eile ist. Es ist, als würden für ihn die Uhren immer einen Tick langsamer laufen, so wie sie für mich immer einen Tick schneller zu laufen scheinen. Das ist sehr herausfordernd.

Ich sehe in keinem anderen Kind so sehr meinen Vater als kleinen Jungen und meinen Großvater in seinen Gesichtszügen.

Ich liebe es, mit welcher Vehemenz er seine Freunde und seine Geschwister verteidigt.

Wie er im Laufe der Jahre mit wachsender Kraft und Körpergröße den Mann immer weiter mit Angriffen herausfordert und an diesem Kräftemessen wächst. Wie er gelassener wird und lernt, seine enorme Körperkraft zu zügeln. Ich bewundere sehr, dass er völlig in seiner eigenen Zeit und Realität versinken kann, aber sofort spürt, wenn es wichtig ist und er Präsenz zeigen muss.

Er hat es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt – vom zweiten Kind zum Vierten herabgestuft zu werden. Trotzdem hat er diese Situation bewältigt. Und die Rolle rückwärts – zum Ältesten in unserem Alltag – die hat er ebenfalls mit Bravour gemeistert.

Mein Baby, mein Kobold, mein wunderbarer großer Sohn.

Trauer

Die Tage, die in Trauer versinken, werden weniger, aber es gibt sie noch.

Tage, an denen das Aufstehen einem Kampf um Leben und Tod gleicht. Das Weitermachen, das Kümmern, das Dasein mehr eine Existenzfrage denn Alltag ist. Tage, an denen ich mein Unglück und meine Trauer laut herausbrüllen möchte und doch stumm bleibe. Weil es niemanden gibt, der versteht. Kein Kind zurückkommt, nur weil ich es rufe. Unsere Zeit vorüber ist. Die Tage, an denen alles in Frage steht und nichts eine Berechtigung zu haben scheint bis auf das rohe blutige Gefühl von Hass, Verzweiflung, Wut und Trauer um etwas, das auf ewig zu mir zu gehören schien. Die Liebe sitzt katatonisch in ihrer Ecke und ist weder Ruf noch Echo. Nichts mehr.

Nur Stille.

Schach

Der Mann hat vor einigen Wochen begonnen, mit den Kindern Schach zu spielen.

Ich habe ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Spiel. Ich spiele Schach, seit ich 3 Jahre alt bin. Gegen einen Vater, der hochintelligent, anspruchsvoll, perfektionistisch und hart war.

Ich habe das Spiel geliebt und das Spielen gehasst.

Das Warten auf seinen Zug, das vernichtende Urteil, wenn ich nicht mindestens 5 Züge im Voraus geplant hatte, Taktikbesprechungen, die Fehler, die nie verziehen wurden. Meine Niederlagen waren keine verlorenen Spiele, es waren Demütigungen. Er war immer besser als ich. Und als ich gelernt habe, so zu spielen wie er, damit ich gewinnen konnte, verlor ich jede Freude daran.

Natürlich ist Schach ein logisches Taktikspiel. Aber ich bin kein logischer oder taktischer Mensch. Ich treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus, ich verabscheue langes Nachdenken, ich spiele auch beim Schach für den Lustgewinn und erst in zweiter Linie für den Sieg. Gegen jemanden wie meinen Vater zu spielen bringt mir so viel wie gegen einen Schachcomputer zu spielen. Es langweilt mich zu Tode, wie so viele Dinge, die perfekt sind.

Jetzt ist es so, dass die Kinder mich gebeten haben, an mir üben zu dürfen, seit der Mann mit ihnen spielt. Nach einigem Zögern habe ich dem zugestimmt und sehr schnell meine Liebe zu diesem Spiel wiederentdeckt. Und ich darf das Echo der Begeisterung spüren.

So liefern wir uns wilde Schlachten um Türme, Pferde und Läufer von einer Seite zur anderen, die mitunter auch ohne Sinn und Verstand ablaufen, aber Spaß bringen. Und im Laufe der Wochen geschah etwas Bemerkenswertes: Sie veränderten das Spiel selbständig. Sie fingen an zu taktieren, mich einzuschätzen, Züge im Voraus zu planen und meine Schachzüge vorauszusehen. 

Der große Sohn spielt wie sein Vater nur um den Sieg und bringt mich inzwischen schon ins Schwitzen, wenn ich ihm nur gegenüber sitze. Die Kriegerprinzessin ist eine Chaotin vor dem Herrn, lernt aber inzwischen, wo ich meine Schwachstellen habe und verfolgt diese unerbittlich. Der kleine Sohn ist ein logisches Gehirn durch und durch. Er erfasst jedes meiner Vorhaben mit Leichtigkeit und es ist recht anspruchsvoll, ihn zu besiegen.

Und obwohl die Denkpausen länger werden und das Vorausplanen der eigenen Züge viel umfassender, verlieren wir bei alledem nicht den Kontakt zueinander.

Es wird mit Liebe gespielt und vielleicht ist genau dies der entscheidende Unterschied, den ich nie kennengelernt habe.