Undankbarkeit

Nichts trifft mich härter als diese Erkenntnis.
Ich habe doch alles. Eigentlich.
Der Mann erzählt mir seit wir uns kennen, dass man nicht alles haben kann. Und ich habe ihm lange Jahre widersprochen.
Seit einigen Jahren nur noch selten und seit geraumer Zeit gar nicht mehr. Vielleicht kann man tatsächlich nicht alles haben. Vielleicht muss man lernen, mit den Dingen glücklich zu sein, die man hat und haben kann. Vielleicht hört man dann irgendwann auf, so verdammt undankbar zu sein.

Wenn man gelernt hat, die Sehnsucht zum Schweigen zu bringen.

ausbaufähig [die meisten Unfälle passieren im Haushalt]

Dem Mann ein sehr privates Geburtstagsständchen zu blasen singen, noch bevor irgendjemand in diesem Haushalt wach wird, ist an sich (auch ohne Geburtstag) immer eine gute Idee.

Zwischendurch aufzutauchen und einen Blick in ein völlig zugeschwollenes Gesicht eines Mannes zu werfen, der nur noch entfernte Ähnlichkeit mit meinem eigenen hat, ist dann schon nicht mehr so schön.

Eine Gesichtshälfte schief und mit deutlichen Lähmungsanzeichen, die Lippen geschwollen wie ein PinUp-Schlauchboot mit Duckface und ein unmotiviert zuckendes Auge.

Statt Kuchen, Kerzen und Singen am Bett dann heute mal die Kinder wachbrüllen, innerhalb kurzer Zeit 6 Menschen ausgehtauglich machen und den Mann zum Arzt fahren.

Der Mann sitzt jetzt mit allergischer Reaktion auf irgendwas mit Cortison zugebombt im Büro und hat sicher Spaß dabei, wenn 50 Kolleginnen im Laufe des Vormittags reinschneien und ihm zum Geburtstag gratulieren wollen.

Magie [Liebe]

Dieser Tag verläuft seit neuneinhalb Stunden absolut katastrophal.
Nichts verläuft wie geplant, nichts funktioniert wie es soll, keiner macht, was ich sage
Und doch …  als der Großvater und der Vater meiner Kinder draußen lachend nebeneinander im strömenden Regen stehen und den Grill unter dem kaputten großen Sonnenschirm bewachen während vier Kinder um sie herum durch den Regen tollen, da stehe ich still und dankbar unter der großen Buche und sehe diese beiden so gleichen Männer an, die sich vor 8 Jahren das letzte Mal gesehen haben und seit einigen Wochen so viel nachholen.

Ich erhasche einen kurzen Blick auf meinen eigenen Mann in 30, 40 Jahren und mir gefällt, was ich sehe. Sehr.
Ich sehe die Unsicherheiten auf beiden Seiten. Die fragenden Blicke. Die Sehnsucht. Die Männlichkeit. Zärtlichkeit. Jedes Mal. Immer wieder.
Mein Herz quillt über vor Dankbarkeit, diese Momente miterleben zu dürfen. Und meine Gedanken wandern kurz zu der Frau, die meinen Mann geboren hat.

So abscheulich sie auch war, ich wünsche ihr, dass sie irgendwo da draußen ihren Frieden gefunden hat. Als ich ihm auch dieses Mal wieder etwas zu essen mitgebe, sieht er mir lächelnd in die Augen und fragt leise: „Ich bewahr die Schüssel wieder auf bis zum nächsten Mal, ja?“

Ich lächle und nicke.

Beim Abschied ergreife ich seine Hand und kann der Ähnlichkeit zu meinem Mann kaum widerstehen.

Seine Bewegungen … seine Körperhaltung … sind mir so vertraut.

Ich ziehe ihn sanft an mich heran und lege meine Wange an seine.

„Bis bald.“

Ewig

Niemals hätte ich gedacht, dass man innerhalb so weniger Jahre einen derartigen Grad an Intimität mit einem anderen Menschen erreichen kann. Besitzanspruch gepaart mit absolutem Respekt und Hingabe.

Gefährten.

Jetzt.

Immer.

Agonie [Frieden]

Noch vor einigen Jahren hätte ich nicht einmal eine Sekunde gezögert.
Jung, muskulös, intelligent, charismatisch, gutaussehend.
„Eine Nacht nur…“, flüstert er heiser, als ich mich von ihm verabschiede und ihm alles Gute wünsche.
Die Lust auf fremde Haut war immer da. Immer lockte das Verbotene, das Aufregende, das, was zuhause nicht zu finden war.
Große Schwänze, andersfarbige Haut, fremde Kultur, Leidenschaft, Spiel, Lust…
Er ist ein Welpe. 15 Jahre sind es und ich würde lügen, wenn ich sagte, ich wäre nicht geschmeichelt. Bin ich. Mehr als nur das.
Es gab Zeiten, da hätte ich ohne zu zögern zugegriffen. Habe ich.

Ich bin in bislang jeder Beziehung fremdgegangen.
Ohne Reue.
Das Leben ist kurz. Viel zu kurz.
Ich habe mir geschworen, auf meinem Sterbebett nur einen einzigen Satz zu sagen:

Ich bereue nichts.

Das muss man allerdings auch leben.
Man muss es sich trauen – jenseits aller Moral, aller Bedenken, aller anerzogenen Werte sein eigenes Bedürfnis zu erkennen.
Und dazu Ja sagen.
Ob ich alt geworden bin, fragte ich mich, als ich in diese hellen jungen blauen Augen sah und leise lächelnd ein letztes Mal den Kopf schüttelte.
Ich fand die Antwort heute erst Stunden später, als mein eigener Mann von der Arbeit nach Hause kam, mich wie jeden Tag seit 8 Jahren besitzergreifend packte, mich küsste und ich die Härte und Erregung seines Körpers an meinem spüren konnte.

Alles wonach ich mich jemals gesehnt habe vereint dieser Mann auf sich und ich darf ihn besitzen und gehöre ihm.

Nein. Ich bin nicht alt geworden.

Ich bin angekommen.

Renovieren, restaurieren, kernsanieren, abreißen.

Schweinchenrosa, Pink, Pflaume.

Eine Etage höher: Sand, Vanille, Aubergine.

Eine Etage tiefer: Mocca, Cappuchino.

Nebenan: Erbse, Honigmelone.

Was mir als Krönung meiner heimeligen Wunschphantasien wie ein Lustwandeln auf Wolken vorkommt, scheint eine Seele weiter einzuengen.

Tastaturklappern zu nächtlicher Stunde statt heiser geflüsterten Liebesbekundungen. Kühler Wind statt schwitzender Körper in Sommernächten.

Abschiedsbriefe, denke ich und schlafe nicht ein sondern tauche von einem Horrorszenario ins Nächste.

Notfallprogramme. Das Schönste, das meine Mutter mir über meinen Selbstwert mitgegeben hat: „Egal, wieviel Scheiße man dir antut, du fällst doch eh immer auf die Füße.“

Hart erarbeitet, hart erkauft. Zweifel. Misstrauen. Angst. Immer noch und immer wieder. Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung so wenig wie seinen Worten.

Ich bin viel, aber nicht dumm. Den selben Fehler ein zweites Mal wiederholen? Meine Nemesis. Erinnerungen türmen sich zu Bergen, die unüberwindbar, unüberblickbar scheinen.

Was, wenn nun doch irgendwann der Abschiedsbrief… Ich schließe die Augen. Der Schmerz ist greifbar, aber nicht übermächtig.

Selbst schuld, flüstert die kleine Stimme.
Vielleicht ist es an der Zeit.

Nichts ist für die Ewigkeit.

Panik.

Sehnsucht

Der schwerste Gang meines Lebens war jener vor acht Jahren, weg von meinem Seelengefährten.

Nach 30 Stunden nur, in denen wir von der ersten Begegnung über die erste Berührung bis hin zu Himmel und Hölle auf Erden zugleich jedes Gefühl durchlebten, das diese Welt für uns Menschwesen bereithält.

Als wir uns verabschiedeten, wussten wir nicht, ob wir uns jemals wiedersehen, wiederfühlen würden.

Entscheidungen, die im Raum hingen, die unbesprochen, ungetroffen, unentschieden blieben.

Ich fuhr fort und weinte mehrere Stunden ununterbrochen.

Er hatte einen Teil meiner Seele berührt, dessen Existenz ich viele Jahrzehnte nicht einmal erahnen konnte und ich wusste, für mich gäbe es kein Zurück mehr in mein altes Leben, meine alte Welt.

In diesen Stunden fielen viele stumme Entscheidungen.

Ich hatte ihn freigegeben und wusste doch, dass ich ohne ihn nie wieder frei sein könnte.

Wusste nicht, ob er den Schritt gehen würde. Gehen könnte.

Sehnte mich mit jeder Faser meines Herzens danach, eine Erinnerung aus dieser Begegnung in mir tragen zu dürfen. Sie würde mein Geheimnis bleiben, sollte er ohne mich weiterziehen.

Mein Weg lag für diesen Fall klar und deutlich vor mir. Ich würde mit meiner Tochter und dem Baby, das so sehr willkommen war, alleine auf dem Land leben. Irgendwo in einem winzigen Häuschen, in dem ich die beiden in Liebe aufziehen könnte.

Meine Seele … mein ganzes Ich wurde in diesen wenigen Stunden so mit Liebe angefüllt, dass ich wusste, es würde für ein Leben lang reichen.

Wenn nicht dieser Mann, würde es keiner mehr sein.