10. Zehn. Zehn gottverdammte Tage sind es nun.
Voller Tränen, voller Schmerzen, voller Verzweiflung und voller Hoffnung.
Ich kann nicht mehr.
Ich will nicht mehr.
Unbarmherzig treibe ich meinen Körper vorwärts.
10. Zehn. Zehn gottverdammte Tage sind es nun.
Voller Tränen, voller Schmerzen, voller Verzweiflung und voller Hoffnung.
Ich kann nicht mehr.
Ich will nicht mehr.
Unbarmherzig treibe ich meinen Körper vorwärts.
Wie viele Tage sind es nun? Zu viele.
Betrug dröhnt es in meinem Kopf und ich will rennen. Lügen. Ich will fliehen. Laufen. Einfach immer nur immer weiter. Als gäbe es kein morgen. Meine Welt hat aufgehört, sich zu drehen. Stillstand. Rückschritt. Die alten Dämonen und Wächter lachen diabolisch, während ich Zug um Zug meinen alten körperlichen Zustand wiederherstelle.
Stell dich nicht so an. Los.
Ich spüre, wie die Muskeln aufschreien, um Gnade winseln. Sie können nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich schnaufe. Ich keuche. Ich bekomme keine Luft mehr. Es muss sein. Du willst doch laufen. Was willst du mit deinem Schutzschild und deinem Panzer aus Fett, wenn du den Verräter doch dahinter gelassen hast? Du Närrin.
Ich höre sie kichern, wie ich hier stehe und mein Körper um Erlösung fleht. Meine Lunge atmet nicht mehr, sie kreischt bei jedem Atemzug. Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht mehr stehen. Und doch quäle ich mich unerbittlich durch die Übungen, die ich einst zwischendurch innerhalb von einigen Minuten zum Aufwärmen vor dem Kämpfen mit Leichtigkeit nebenbei absolviert habe.
6 Tage habe ich nichts gegessen. Jeder Gedanke an Nahrung, jeder Geruch verursachte eine dermaßen ausgeprägte Übelkeit, dass ich würgend über der Toilette hing.
See me run.
Ich will das nicht. Ich will mein altes Leben zurück. Vielleicht ohne Arschlöcher und ohne die Illusion, dass alles in Ordnung ist.
Ach nee, geht ja gar nicht.
Lauf.
Es hat keinen Mehrwert, wenn die Gedanken, die gedacht werden, nicht geschrieben werden dürfen. Wenn Dinge, die bewegt, nicht geäußert werden können. Wenn nichts mehr einen Sinn macht.
Wenn die Hoffnung fehlt. Stumm.
„Wenn du wirklich solche Schmerzen hättest, dann würdest du deinen Alltag ja nicht so bewältigen können, wie du das tust.“
Stiche ins Herz, wenn solche Worte von einem vermeintlichen Gefährten kommen. Seelenwund. Lange Wochen, lange Monate. Immer halte ich den Mund, wenn es um diese Schmerzen geht, jene, die ich schon so lange trage und die mich so weit an den Rand meines Lebenswillens bringen. Ich ertrage stoisch jeden groß gefeierten Schmerz der einzelnen Familienmitglieder, wenn sie eine Wunde, ein verstauchtes Gelenk, einen schlimmen Schnupfen, ein was auch immer haben und ich tröste, Zuspruch gebe, halte, aushalte, ausharre, während jede Bewegung schmerzt. Jeder Gedanke am Tod klebt, weil das Leben so unlebenswert geworden ist.
Für mich bleibt keine Zeit. Keine Aufmerksamkeit. Ich halte zusammen, ich organisiere, ich leite und ich führe, ich muss stehenbleiben. „Du darfst dich auch mal fallen lassen“, spottet es in mein Ohr und ich spüre den Hass aufsteigen.
„Fallen lassen“, damit ist gemeint, dass ich am Wochenende mal ein Mittagsschläfchen machen kann.
Also schweige ich und bleibe stumm.
Schmerzhaft stumm. 5 Jahre Dauerschmerz. Bewegungseinschränkung. Stechende schreiende Schmerzen bei jedem Handgriff. Kreischende Gelenke, kaputte Muskeln, Nervenkrämpfe. Nur ein Arm, denke ich und mache weiter. Nur ein Scheißarm. Nicht einmal mein Hauptarm. Ich bin bei einer Mutter mit nur einem Arm aufgewachsen und nun stelle ich mich so an?
Möchte mich fallen lassen. Richtig. Kompromisslos.
„Wenn die Schmerzen wirklich SO stark wären…“
Es hämmert in meinem Kopf. Stell dich nicht an. Andere haben es schlimmer als du. STELL dich nicht so an.
Ich geh dann mal mein Leben aufräumen.
Ich wünschte, ich könnte dir begreiflich machen, wie schwer mir das fällt. Dass kaum etwas in meinem Leben so viel Kraft und Gedankenarbeit und Disziplin benötigt wie dies hier.
Wenn man bei der Formulierung seiner eigenen Bedürfnisse immer nur hört, dass man endlich aufhören soll, einen Menschen ändern zu wollen und doch endlich bitte einen Menschen so akzeptieren soll, wie er nun mal ist, dann hat man alles sehr gründlich falsch gemacht.
Wenn die Seele weh tut.
Traue mich nicht mehr, irgendetwas zu sagen, was als Anregung dienen und als Maßregelung oder Änderungsbestreben ausgelegt werden könnte. Bleibe stumm. So farblos, so leidenschaftslos. Es gibt Schuld, die schwerer wiegt als anderes.
Ich gehe mich dann mal um mein eigenes Leben kümmern.
Hast du dich gelangweilt?
Bin ich dir gerecht geworden?
Du mir?
Haben wir uns ein Versprechen gegeben?
Haben wir dies gehalten?
Habe ich dich enttäuscht?
War ich wichtig?
Mache ich einen Unterschied in deinem Leben?
Liebst du?
Mich?
Stumm.
Und wieviel Mut und Respekt und Wahrheit muss es wohl erfordern, nach Jahren … Jahrzehnten … Beziehung leise und würdevoll zu sagen: „Ich habe mich geirrt…“
Ich merke immer mehr und immer deutlicher, dass dieses Vertrauensding nichts für mich ist. War es nie und ist es immer noch nicht. Ich bin oft und gründlich auf die Nase gefallen und im Moment ist meine Vorstellung von einer wie auch immer definierten Beziehung im Wandel. Vielleicht benötigt es gar nicht absolutes Vertrauen? Vielleicht benötigt es keine ultimative Nähe? Keine absolute Wahrheit? Keinen Anspruch? Vielleicht.
Es fällt mir so unendlich schwer, Lüge auszuhalten. Dem anderen zuzugestehen, dass meine moralischen Werte nicht die seinen sind. Nicht so sehr bei lockeren Bekanntschaften, aber sehr wohl bei engeren Beziehungen. Ich verlange von mir, den anderen so sein zu lassen, wie er nun mal ist. Mit Lüge oder ohne. Aber ohne, dass ich einen Anspruch auf Wahrheit hätte. Das wiederum macht mir echte Nähe unmöglich. Ich lasse mich nicht fallen bei jemandem, der mir ins Gesicht lügen kann.
Aber letzten Endes… ist nicht auch das nur Augenwischerei?
Gibt es Wahrheit denn überhaupt? Gibt es eine Beziehungsform, in der zwei gleichstarke und gleichwürdige Partner das Rückgrat haben, immer und in jeder Situation dem anderen die Wahrheit zuzumuten?
Ich kenne keine.
Vielleicht bin ich all die Jahre nur einer Illusion hinterhergejagt, die mich nun, da ich sie endlich erreicht und demaskiert habe, auslacht. Zu Recht. Ich lerne gerade sehr viel über Eltern-Kind-Beziehungen und Partner-Beziehungen und nichts von dem, was ich sehe, gefällt mir. Vielleicht war ich einfach immer nur der Idiot. Keine schöne Erkenntnis, aber das war und ist wohl alles, was ich bekommen kann. Verzeihen… Der Verzicht darauf, dass der andere sich so verhält, wie ich es gerne möchte.
Freigeben… Der Verzicht auf Besitz, auf Inbesitznahme, auf Druck, auf Eindringen in die Privatssphäre des anderen. Mit seinen Entscheidungen leben müssen oder gehen. Aushalten… Mittragen, mitgehen, auch wenn es mir nicht passt. Einfach ausharren und auf bessere Zeiten warten. Nicht aufgeben. Aus all dem soll etwas Positives entstehen?
Die Tage ermüden mich und die Nacht lockt so verheißungsvoll. Einmal alle Verantwortung abgeben, alle Verpflichtungen verleugnen und alle Versprechen vergessen. Einmal nur…
Hunger nach mehr.
Ich bin müde, mir ist kalt, ich habe Schmerzen. Ich möchte schlafen, einfach nur die Augen schließen und in einer besseren Situation aufwachen als in der, die ich verlassen habe.
Ich kann noch.
Aber ich will nicht mehr.
Stückweise Kapitulation vor der Wirklichkeit.
Sterben auf Raten.
Vielleicht haben wir gar kein Anrecht auf die Wahrheit?
Und wie befreiend muss es sein, diese Erkenntnis auch zu leben?
Wenn ich doch keinerlei Ansprüche an einen anderen Menschen stellen muss, kann, darf… wie wunderbar frei und voller Liebe muss dann das Miteinander sein?