Trugbild

Es gibt sie nicht, ich weiß das. Es gibt keine Sicherheit. Keine Wahrheit.
Nichts Absolutes kann auf dieser Welt Bestand haben.
Nicht einmal die Liebe.
Aber es gibt die trügerische Illusion einer Sicherheit, die den meisten Menschen reicht, um sich wohlig seufzend in etwas sinken zu lassen, das den Naturgesetzen nach gar nicht existent sein kann.

Auch ich lag in dieser sehr bequemen Hängematte und würde mich nur zu gerne wieder dorthinbegeben, wenn da nicht der tiefe Schnitt in meinem Fleisch wäre, der schwärend schwarz und blutrot – stinkend vor Misstrauen und Schmerz – vor sich hinfaulen würde.
Ich bin nicht allein in meinem Leben. Vier weitere Leben hängen an meiner Verfassung, meinem Leben, meiner Wahl. Und das noch weitere 8-15 Jahre.

Ich habe auf Basis einer mir leichtgläubig zurechtgezimmerten Illusion von Sicherheit Entscheidungen getroffen und Verantwortung übernommen, die ich heute im Leben nicht mehr so annehmen würde.

Allein, was bringt mir diese Erkenntnis?

Gebranntes Kind.

Abgesagt

Ich habe keinen Hunger. Ich quäle mir Löffel für Löffel meiner Tagesportion Nahrung in den Mund und bin froh, als ich um 8 Uhr morgens damit fertig bin, alle notwendigen Nährstoffe zu mir genommen zu haben. Nun nur noch 2 Liter Wasser über den Tag verteilen und dann habe ich den nächsten Tag geschafft.

Ich weiß, ich muss essen. Darum tue ich es. Aber ich habe weder Hunger noch Appetit. 35kg sind es jetzt. Die Gelenkschmerzen sind verschwunden, die Nervenschmerzen auch. Dafür schreit das Herz, blutig, zerschunden. Die Panikattacken begleiten mich durch den Tag und ich versuche lange Strecken einfach nur zu atmen. Mich nicht mitreißen zu lassen in den dunklen Strudel der Verderbnis, den meine Depressionen nur zu willig bereitstellen.

Komm zu uns in die Schatten, hier bist du sicher, wispern sie und ich weiß um ihre Verlockung und ihren Schutz. Ich habe getan, was mir vor Wochen noch undenkbar erschienen wäre: Ich habe die beiden Termine für heute morgen abgesagt. Ich kann nicht. Egal, was sie über mich denken. Egal, was sie reden, egal, wie das aussieht. Nicht einmal mehr die Maske, die so makellos ist, passt mir mehr. Wozu die Lüge eines perfekten Lebens aufrechterhalten?

Es bleibt nichts mehr. Nur Angst.

Dieser Moment

Als ich gestern in der Kirche neben ihm stand, den Schein wahren, vor meinem Gott und unserer Gemeinde und mich diese Sehnsucht schier überwältigte, als ich seinen tiefen Bass hörte; wie er mitsang, in dieser Stimmlage, in der er sonst nur meinen Namen stöhnt.

Alles hätte ich gegeben, in diesem Glück, in der Illusion dieses perfekten Momentes sterben zu dürfen.

Ballast abwerfen

Lauf.

Der Gürtel wird inzwischen vier Löcher weiter zugezogen, die Jeans trägt sich unangenehm, bald zu weit, bald zu viel Stoff, ein paar Kilo noch, bis sie mir endgültig von den Hüften rutschen wird, auch mit Gürtel.

Und die Haare sind ab. 70 Zentimeter dunkle Locken. Abrasiert. Kahlgeschoren. Endlich ich.

Ich bin alt genug und habe genug mitgemacht, endlich mein wahres Ich zeigen zu dürfen. Neue Narrenfreiheit. Was soll mir noch passieren?

Ich muss nicht geliebt werden. Ich habe die Liebe meines Lebens verloren und habe nur noch mich. Mich und diese Angst.

Mir kann nichts mehr passieren.

Lauf.

Tränen

Ist dort noch Gefühl, wo Tränen laufen? Ich fühle nichts außer dem salzigen Geschmack auf den Lippen und den feuchten Spuren auf meinem Gesicht.

Wattig, taub, kalt. Und doch laufen diese Tränen ununterbrochen aus meinen Augen. Seit einer halben Stunde? Einer Stunde? Ich weiß es nicht.

Ich wische sie von Zeit zu Zeit vom Tisch, wenn es zu nass wird und frage mich, aus welchem Gefühl sie sich wohl speisen, wenn ich es doch nicht empfinden kann.

Still

Die schwere Stahltür fällt leise ins Schloss und es ist still. So still.
Ich atme tief aus. Nur ich. Endlich. Gefürchtet, gehasst, ersehnt.

Ich gehe ein paar Schritte durchs Haus, sehe die halbgegessenen Tortenstücke vom Geburtstagskuchen am Morgen. Geschenkpapier auf dem Fußboden. Zeichen einer Familie. Ich konnte immer schon gut lügen. Heute früh habe ich emotionslos mit einem liebevollen Lächeln auf dem Gesicht gesungen, um den Schein zu wahren. Scheinheiligenschein.

Keine Blöße, keine wahren Gefühle, keinen Schmerz zeigen.

Nichts ändert sich. Nichts. Egal, wie viele Tränen ich gestern geweint habe, wie viele Tränen ich heute oder in Zukunft weine, es ändert sich nichts. Gar nichts. Es wird nicht ungeschehen.

Ich suche verzweifelt nach der Unbändigkeit, der Wildheit, dem Glauben in meiner Seele. Nach dem Teil meiner Selbst, der in grenzenloser Arroganz und anmaßender Liebe zum Leben jeden Anspruch erhebt, den er will.

“Immer nur du”, flüstert es in meinen Gedanken. Wie oft habe ich diese Worte gehört, geglaubt? Glauben wollen.

Zerbrochen.

Ich habe nichts mehr. Nur Lügen, eine falsche Basis und eine Illusion, die ich für kostbare Realität hielt. Lacht er heimlich ob meiner Naivität? Gibt es den Mann, den ich zu sehen glaubte? Nicht hier. Nicht in ihm.

So sinnlos.

Sehnsucht

So viel Sehnsucht. Nach einem kleinen Wesen, das in Unschuld gezeugt wurde. Unbefleckt, unbesudelt, rein.

Die Teile des Herzens, die noch schlagen, hüpfen vor Freude. Was bleibt, sind ungeweinte Tränen. Die Vergangenheit kann man nicht ändern. Die Vergangenheit muss man akzeptieren.

Auch wenn sie von einer rosa Wolke zur braunen Kloake wurde.