Bewegung

Stillstand ist Rückschritt hämmert es in meinem Kopf, doch ich kann mich nicht bewegen. Keinen Millimeter. Weder nach vorne oder nach hinten noch zur Seite. Ich kann einfach nicht. Gelähmt.

Lauf zischt es unbarmherzig, doch ich kann nicht.
Der Schmerz ist nur still, nur teilnahmslos, nur atmend und verharrend zu ertragen. So wie die Wehen damals. In einer anderen Welt zu einer anderen Zeit. Wo sich das Universum nur noch auf den nächsten Atemzug konzentriert, weil man sonst verrückt werden würde, den Schmerz nicht aushalten könnte und ob der Ungewissheit der Dauer schier verzweifeln würde, würde man an mehr als nur ans Ein- und Ausatmen denken.

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.

Lähmend

Will nur Ablenkung. Betäubung.
Die Zeit rumbekommen, bis ich wieder schlafen kann.
Tief und traumlos.
Dafür muss ich müde sein. Übermüdet, völlig am Ende.
Sonst kommen die Träume wieder.
Morgens kaum aus dem Bett kommen und die sinnlose Leere in meinem Leben erneut mit Ablenkung ertragen.
Das Minimum an Pflicht erfüllen.
Und dann warten.
Bis der Tag gnädigerweise zuende geht und die Nacht kommt.
Und das Vergessen.
Nur kurz. Nur ein paar Stunden.
Immer wieder.

So sinnlos.

Schwere

Kopfschmerzen. Trauer. Resignation. Angst.

Wenn nur die Last ein wenig leichter wäre. Doch würde ich sie dann so empfinden? Wüsste ich nicht um das Gewicht, würde ich ein Weniger an Last dann leichter empfinden? Müßig. Es ist wie es ist.

Zweifel und Angst fressen meine Seele auf.
Unsicherheit, Misstrauen und Schmerz schinden mein Herz.

Wo soll ich denn noch hin? Und vor allem: was soll ich dann dort, wenn er dort nicht ist? Das Leben ist so sinnlos geworden. Und das zieht an jeder Faser meines Ichs. Neun Jahre. Neun vergeudete Jahre. Neun Jahre Entscheidungen. Neun Jahre Vertrauen. Neun Jahre Sicherheit.

3285 Tage, in denen es möglich gewesen wäre, mir die Wahrheit zu sagen. Mir zu zeigen, wie man ist. Mich zu konfrontieren. Mir das zu geben, was man versprochen hatte. Hoch und heilig. Scheinheilig… Müßig. All das. Was bleibt mir denn?

Eine jämmerliche klägliche Version meiner Selbst.

Morgen

Wirst du dich für mich verschwenden? Und vergisst einfach den Rest?

Wirst du immer bei mir liegen? Solange man uns beide lässt?

Wirst du mit mir überfliegen? Mich bejahen, wenn ich dich frag?

Noch so viel kann aus uns werden, bis zum letzten Tag…

Herbert Grönemeyer auf den Ohren und Tränen in den Augen.

Gedankenkreise

Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht;…

Wieviele Jahre ist es her, dass er meine Lust an Leben und Wissen weckte? Und wieviele schier endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn von Literatur später habe ich das erste Mal gemerkt, dass er bereit war, seine Frau und seine drei Söhne für ein paar aufregende Stunden mit mir zu verraten? Ich erinnere mich an jenen Abend, als wir aus dem Restaurant kamen – keine 4 Straßen von seinem Zuhause entfernt – und er mir wie immer den Vortritt ließ und sein Blick dabei auf die neue Tätowierung in meinem Nacken fiel.

Ich fühlte sein Aufstöhnen mehr als dass ich es hörte und schon damals war es ein zutiefst weibliches Wissen darum, was mir möglich sein würde.

Was und wen er verraten würde, wenn ich ihn nur dazu einladen würde.

Das Wissen um meine Macht erfüllte mich tief und vollkommen. Ich war es. Ich konnte das tun. Es lag in meiner Macht, dass dieser Mann alles aufs Spiel setzen würde. Seinen Ruf, seine Stelle, seine internationale Reputation, seine Ehe, seine Familie. Für eine 18jährige, der das Wort Liebe so fremd war wie ihm der Nervenkitzel im Laufe von 50 Jahren geworden war.

All die Jahre hat dies maßgeblich mein Männerbild geprägt.

Aufgewachsen mit einem Vater, der nie ein Mann von Ehre und zunächst einmal sich selbst und seinem Sadismus verpflichtet war und begleitet von Männern, die so schwach waren, dass ich nur mit Verachtung auf sie hinabsehen konnte. Männer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Frauen verleugneten, sich ihrer schämten und so gekonnt logen wie flirteten.

Selbst der strahlende Held meiner Kindheit lebte ein Leben, zu dem er sich aus freiwilliger Verpflichtung an eine Frau, die nur ein flüchtiges Abenteuer für ihn bleiben sollte und an ein Kind, das in der jugendlichen Unbedachtsamkeit einer feurigen Nacht entstanden ist, selbst verdammt hatte. Es gab andere Frauen für ihn, daran ließ er kaum einen Zweifel. Begehrenswertere. Schönere. Liebenswertere. Angemessenere. Und doch hat er über 60 Jahre lang seine Pflicht getan. Bis zu seinem Tod. Nein, er war mir in diesem einen Punkt kein guter Lehrer. Ein Mann sollte nicht nur ein Versorger sein. Es beschneidet seine Männlichkeit ebenso wie Angst und mangelndes Rückgrat.

Die Macht der Frauen und die Schwäche der Männer waren so allgegenwärtig, dass ich nie daran zweifelte. Nicht sehen könnend. Wenn ich nicht wollte, könntest du nichts dagegen tun… flüstert er mir heiser ins Ohr und die eiskalte Hand, die Herz und Magen seit 9 Wochen unbarmherzig umklammert hält, erhöht einmal mehr den Druck in meiner Mitte.

Antworten, die man nicht versteht, wenn man die Fragen stellen muss…

Ich kreise um mich selber, verändere mich, grüble, zweifle, frage… Und nun soll es nicht in meiner Macht liegen noch gelegen haben, den Einen halten zu können? So viel Angst.

Hilflos. Machtlos. Ohnmächtig.
Wer die Verantwortung übernimmt, hat die Macht.
Wissen ist Macht.
Wer fragt, der führt.
Wie Peitschenhiebe knallen meine Dogmen auf das geschundene Herz.

Und nun soll ich loslassen, was mich stets am Leben gehalten hat?