Dickes Fell, dünne Haut

Mein Körper verändert sich.
Häutet sich, schält sich.

Ich bin eine große Frau und war das immer schon.
Breite Schultern, Muskeln, Kraft, Energie.
Lange Jahre durfte das niemand sehen, ich wollte nicht.
Mir zum Schutz, ihm zur Treue.
Ich wusste immer um meine Wirkung, wenn ich mich öffne.
Ich weiß um meinen Blick, ich weiß um die Macht, die ich besitze, wenn ich ihr erlaube, sich zu entfalten.
Die Neugierde, das Interesse, die Erregung und die Obsession der Männer an mir begleiten mich, seit ich ein Kind bin.
Früh habe ich gelernt, mit dem Feuer zu spielen. Brandwunden gehörten dazu. Immer.

Inzwischen besitze ich mehr Kontrolle über diese ungezähmte Wildheit, die mir früher reichhaltige Erfahrungen und Verletzungen bescherte, derer ich keine einzige missen möchte. Kann sie bedecken, verstecken, im Zaum halten, aber nicht leugnen. Und so spüren die Männer sie instinktiv, wenn ich mir erlaube, sie anzusehen. Nicht flüchtig, nicht beiläufig, sondern so, dass ich sie wahrhaftig sehen kann.

Ich erkenne den Moment, in dem sie innerlich zusammenzucken.
Und ich spüre, wie es ihnen in die Lenden schießt, etwas, das sie weder benennen können noch begreifen – nur fühlen.
Gestern hat er das bei einem anderen Mann das erste Mal ebenfalls gesehen, der dunkle Engel.
Und er hat seinen Besitzanspruch geltend gemacht, laut und unmissverständlich.
Der andere Mann blickte mich wissend an, lächelnd, leise.
Er hat mir gefallen, sonst hätte ich ihn nicht sehen lassen.

Unmerklich nickte er dem dunklen Engel zu und verlagerte das Gespräch und unser beider Kommunikation wieder auf eine höhere Ebene.

Sekundenbruchteile.

Zeitalter.

Ich wünschte…

Ich wünschte, du könntest…

Ich wünschte, du würdest…

Ich wünschte, du wolltest…

Ohne dein Wollen ist mein Anspruch sinnlos.

Einfach nur du.

Einfach nur ich.

Ohne Erwartungen, ohne Illusionen.

Angekommen.

Auf dem Boden der Tatsachen.

Wer zufrieden ist, hat immer genug.

Immer nur einen Schritt.

Loslassen, was ich nicht halten kann.

Freigeben, was ich nicht einsperren will.

Aufgeben, was ich nicht bekommen werde.

Ich werde lernen, mit dem Schmerz zu leben.

Mit der Aufgabe des Anspruchs, der immer so absolut wie falsch war.

Ich kann von niemandem verlangen, meine Moral- und Wertvorstellungen zu leben.

Es gibt niemand anderen wie mich.

Ich kann mich alleine glücklich machen.

Ich kann mich beruhigen.

Ich kann das überleben.

Irgendwie.

Warum weinst du, Mama?

Nur der kalte Wind, der in den Augen beißt.
Mir tun nur die Arme heute sehr weh, wird aber schon besser.
Ich habe nur eine Wimper im Auge.
Ich bin nur ein bisschen traurig.
Ich weine doch gar nicht.

Was werden sie wohl aus dieser Zeit mitnehmen?
In 10 Tagen ein viertel Jahr bald.
Eine Mutter, die sich grundlegend verändert hat, in einem Moment pragmatisch und funktional, im anderen Moment gelähmt und depressiv. Und immer diese Tränen.

Sehne mich jeden Morgen nach der Rückfahrt ohne Kinder, wenn ich die Tränen endlich laufen lassen kann. Merke, dass ich sie kaum zurückdrängen kann, wenn ich zu lange nicht geweint habe, weil sich dieser Schmerz immer tiefer in meine Seele frisst.

Die Kinder drängen auf Alltag, mein Umfeld auf eine normal funktionierende Person, der gefallene Engel auf eine Entscheidung.
Immerfort, immer wieder, unbarmherzig treiben sie mich durch den Sand der Zeit, in dem ich weder sehen noch fühlen kann.

Wie soll ich da funktionieren, wie soll ich sehen, wie soll ich mich entscheiden … bei einer Sichtweite, die gen Null tendiert?
Sie alle wollen etwas.
Und sie formulieren es.
Verbal.
Nonverbal.
Aber immer wollen sie mich vorwärts treiben – ausgerechnet mich, die ich keine Zeit und keine Normalität und keine Richtung mehr fühlen kann.
Ich kann es ihnen nur unzureichend geben.

Manches.
Einiges gar nicht.

Dabei wünsche ich mir einfach nur jemanden, der stumm neben mir ausharren kann und will.
Der mitträgt und sich dem Sturm nicht beugt.
Der mich weder herauszerren noch schützen will.
Der einfach nur ausharrt.

Geplatze Träume. Immer wieder. Jeden Tag.

Warum weinst du?

Gefallen

Der letzte unberührte Bereich meines Lebens ist nun ebenfalls dreckig.

Vergiftet.

Besudelt.

Es gibt niemanden mehr, für den ich meine Hand ins Feuer legen würde und es gibt keinen Glauben mehr an das, was ich so kostbar bereits zu besitzen glaubte.

Lug. Trug. Illusion.

Nichts bleibt mehr.

Gefallen.

Salz auf meiner Haut

Heilung ist immer schmerzhafter als die Wunde, die schon im Schlagen im Adrenalinrausch untergeht.

Das Danach ist es, das wehtut.

War doch nicht der, den du erträumtest,
ein schwacher Mensch, der es versäumte,
sich deiner heilen Welt zu beugen,
sich immer nur im Kreis zu drehn.
So trage weiter deinen Kopf
so hoch wie es nur eben geht.
Es tut manchmal schrecklich weh,
der Wahrheit ins Gesicht zu sehn.
Komm halt mich noch einmal,
mit all der Kraft, die dir noch bleibt…

Marius. Wie immer zur richtigen Zeit.

Seit 26 Jahren.

So wie du warst

Ich komme aus einer Welt, in der es keine Gnade gibt.
Kein Grau.
Kein Verzeihen.
Kein Verständnis.
Meine Welt drehte sich um das Schwarz und das Weiß. Um Rache. Vergeltung.
Und nun soll es ausgerechnet ich sein, die dazu ausersehen wurde, diese Dinge mit sich zu tragen?
Ohne Möglichkeit, das Schwarz über das Grau zu decken, noch es mit dem gnädigen Weiß einer verklärten Erinnerung zu bestatten?

Ich? Ausgerechnet ich?

Wo ich kaum atmen kann vor Schmerz, kaum denken vor Verzweiflung… ich? Ich sehe es an, dieses so viel ältere und reifere Ich des Jungen, den ich damals geheiratet habe und jeden Tag stockt mir aufs Neue der Atem ob seiner Attraktivität, Intelligenz und Erfahrung.

Und es wäre leicht, sich in genau diesen Mann zu verlieben.
Zu vergessen, zu verdrängen, zu verleugnen.
Nur das Heute zu sehen.
Und erneut das Unmögliche zu hoffen.
Aber würde ihm das gerecht werden?
Wieviel Unrecht tue diesmal ich uns beiden?
Er ist nicht nur sein Weiß. Er ist auch sein Schwarz und er hat ebenso ein Recht darauf wie ich.
Letztendlich bleibt das mir so verhasste Grau, das ich nie sein noch akzeptieren wollte.
Er. Ich. Wir.

So wie du warst, bleibst du hier
so wie du warst, bist du immer bei mir
so wie du warst, erzählt die Zeit so wie du warst
bleibt so viel von dir hier…