Narziss, gefallen

Selbstverliebtheit, Größenwahn und übersteigertes Selbst werden durch Unschuld am Leben gehalten, soviel ist mir inzwischen klar.

Erst durch den völligen Verlust meiner Unschuld – meines Glaubens an Liebe, Treue, Wahrheit und Versprechen – konnte das, was ich immer als eine meiner größten Stärken verbucht habe, in sich zusammensinken und sich als das zeigen, was es immer schon war. Trug. Was bin ich nun noch? Eine leere Hülle, die nie gelernt hat, Stärke und echten Selbstwert in sich selber zu finden, sondern immer von Umständen abhängig gemacht hat. Wie gerne würde ich zurück. Wie gerne würde ich all dies hier einfach von mir abschütteln, negieren, vernichten, allein: ich kann nicht.

Es lag und liegt nicht in meiner Hand, ich bin nur von den Kollateralschäden betroffen, die verheerender nicht hätten sein können.

Jede Nuance in seiner Stimme ein Drama, eine Bedrohung meiner Existenz, eine Bedrohung meines Selbst. Wie hat er das gemeint, wie dieses, wie jenes? Kann ich meiner Wahrnehmung glauben, wo sie mich fast ein Jahrzehnt in die Irre geführt hat?

Nachbeben, kollateral. Auch hier. Vor Tagen, Wochen, stellte ich fest: Ich glaube, ich habe mich selbst verloren. Und vielleicht stimmt das, vielleicht geht die Erkenntnis aber auch viel tiefer. Vielleicht habe ich mich nie besessen. Vielleicht, vielleicht. Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht. Unerschütterlicher Glaube an die Ewigkeit und unumstößliche Gewissheit, einen Gefährten an meiner Seite zu haben, der diesen Namen auch verdient, wichen einem schwammigen Gefühl von Unsicherheit, Zweifel und Bedeutungslosigkeit des Seins an sich.

Schon über ein Jahr.
Schon weit über ein gottverdammtes Jahr hinaus kenne ich mich nicht mehr. Nicht mein Spiegelbild, nicht meine Werte, nicht meine Überzeugungen.

Nur Angst. Bohrende, existenzielle Angst.

Wer bin ich denn noch?

Stillstand

Es ist nicht Zeit, die alle Wunden heilt. Es ist die Ruhe, die im Innehalten wohnt. Ein gebrochenes Bein kann man nicht im Dauerlauf heilen lassen. Und auch ein Herz benötigt Ruhe und Schutz, um heilen zu können. Erst dann wird es wieder bereit sein, sich wieder zu öffnen ohne eine schwärende Wunde aufzubrechen. Ich habe hart gelernt, dass man nicht einfach weitermachen kann. Dass Stillstand nicht immer nur Rückschritt bedeutet. Es ist in solchen Fällen vielmehr eine Achtsamkeitsübung sich selbst gegenüber. Sich selber Zeit zu geben. Sich erlauben, einfach mal stehenzubleiben. Sich umzusehen. Nach hinten, natürlich. Den Weg betrachten, den man zurückgelegt hat. Aber auch in Ruhe nach rechts und links sehen, um zukünftig nicht einfach nur in die entgegengesetzte Richtung zu laufen aus der man gekommen ist.

Sehen. Atmen. Warten.

Wechselbäder

Solange Hass kalt ist, kann ich ihn ertragen. Ich lebe seit meiner Geburt mit kaltem Hass. Abscheu, Ekel, Verachtung – seine Kinder – habe ich jeden Tag meines Lebens gespürt. Ich habe erst spät erkannt, dass sie nicht meinem Verhalten galten. Sie galten mir. Meiner Person. Meinem Sein. Nun mag man darüber streiten, warum sie in mir so viel Wut und Jähzorn hervorgerufen haben, aber nur selten die gleiche Art von Kälte. Wut und Jähzorn sind heiß. Sie sind leidenschaftlich, sie brennen feuerrot und leben.

Purer Hass ist kalt. Eiskalt. Er brennt nicht minder, aber anders. Giftiger. Sein Ziel ist der Tod, während Wut das Leben selbst herausfordert.

Den Hass habe ich ertragen gelernt, aber Wut, aus einer Leidenschaft geboren, nährte immer meine Sehnsucht nach Liebe.

Gegen die Flut

Natürlich ist mir rein intellektuell klar, dass dort der Schlüssel liegt. Niemand kann auf lange Zeit eine derart mächtige Emotion unterdrücken, ohne sein Selbst zu beschneiden. Umso mehr, wenn diese Wesensveränderung weniger aus dem hehren Motiv erwächst, sich selbst zum Guten verändern zu wollen als vielmehr dem inneren Zwang entspringt, Kollateralschäden so weit als möglich zu minimieren. Ich spüre, wie es manchmal hochkocht – alle Emotionen, die diesem Strang entspringen. Feuer, Leidenschaft, Wut, Hass, Glaube.

Und dann kommt die Angst mit ihrem großen übermächtigen Hammer, der „Vergangenheit“ heißt und der inzwischen auch vom letzten Menschen, dem ich jemals vertraut habe, so vernichtend geführt wurde, dass jeder Funken irgendeiner dieser Emotionen im Keim erstickt wird. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass manche Dinge vielleicht niemals mehr gut werden können. …da ist sie wieder, die trotzige kleine Stimme, die brüllt Doch! Ich will! Ich will alles! Sie ist noch da. Leiser zwar, aber im Wollen ungebrochen.

Der Unterschied zu früher ist wohl, dass ich auch ihr nicht mehr glauben kann.

Finsternis

Blut. Tod. Verderben.

Die Nächte sind so grell und laut wie die Tage stumm und erschöpfend sind. Ich nutze den Tag, um mich von den Schrecken der Nacht zu erholen. Wieder und wieder.

Dachte ich doch damals, dass die Zeit der schlimmsten Albträume endgültig vorbei sei, belehren sie mich jetzt hämisch lachend eines Besseren. Kein Schutz, keine Sicherheit. Und so haste ich Nacht für Nacht durch Erlebnisse meiner Kindheit, durch die Hilflosigkeit, das Grauen, die Verbrechen.

Ohnmacht ob meiner Schwäche, meiner Unfähigkeit, mich zu wehren, zu widersetzen, ob meiner Winzigkeit und ihrer Größe und Macht. Meine eigenen Kinder müssen in diesen Träumen das durchleben, was ich damals aushalten musste und ich stehe daneben.

Stumm.
Mache mich ein zweites Mal schuldig, indem ich wieder schweige.

Wieder zum kleinen Kind werde, das all diese Dinge einfach mit der gnädigen Verdrängung bewältigt, die als einzige die omnipotente Schuld der Erwachsenen in ein kindliches Verstehen und den lebensrettenden Glauben wandelt, dass es schon einen Grund geben muss für all diese Dinge.
Und doch sieht mein erwachsenes Ich zu.
Sieht, wie meine Kinder mit demselben Blick nach Hilfe suchen wie ich damals. Ich bleibe stumm und ertrage die Bilder, bis die Nacht mich aus ihren Fängen lässt und mir einen neuen Tag schenkt, an dem ich Kraft sammeln muss für den Schmerz und die Verzweiflung, die ich auszuhalten habe wegen der Wege, für die der dunkle Engel sich entschieden hat.

Und für die Nacht, die wieder kommen wird.

Tanz mit dem Teufel

Ich schlafe mit Kopfschmerzen ein, ich wache mit ihnen auf.

Die ständigen Wechsel setzen mir zu, ich weiß nicht, wo und wie ich als nächstes wieder in dieses Leben falle und nur Sekundenbruchteile habe, mich zurechtzufinden und weiterzumachen. Angst. Angst, wohin ich sehe, gehe oder fühle. Ich lebe schon so lange mit diesen Wechseln und mit der Herausforderung, die damit einhergeht. Wir waren so lange stabil, so lange ein wirklich funktionierendes System, das einen kompletten Mensch bildete, dass mich die erneute Zersplitterung hart trifft.

Ich bin müde. So müde. Unendlich erschöpft.
Ich. Ausgerechnet ich werde so hintergangen. Der Narzissmus verteilt seine Ohrfeigen.

Das Kopfkino bringt mich um.
Warum tue ich das?
Wofür bestrafe ich mich?
Oder will ich mich zwanghaft erinnern, um nicht in der weichgespülten Harmonie und seinen hochheiligen Besserungs-Versprechen am Ende noch zu vergessen, zu was er fähig ist?
Und wie gnädig wäre das Vergessen, wenn es kein Erwachen mehr gäbe. Aber wie dumm wäre es, daran zu glauben, dass es nicht mehr passierte?
Ich liebe ihn.
Ich hasse ihn.
Ich habe mich entschieden, zu bleiben.
Auszuharren.
Auszuhalten.
Bis irgendwo wieder ein Licht zu sehen ist.

Mein Eheversprechen war tatsächlich Eines und wenngleich ich es mir nie vorstellen konnte, betrachte ich es tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben als meine Aufgabe, mich der Herausforderung der Vergebung zu stellen.

Der Liebe wegen, die er mit Füßen getreten hat.
Ich sehe die Ironie.
Ist es der falsche Weg?
Ich werde es irgendwann erkennen.
Und ich bete, dass ich es dann nicht bereue.