Schwere.

Es ist zwei Jahre, drei Monate und 19 Tage her, seit das kostbare, zart schimmernde und zerbrechliche Gefäß namens Sicherheit und Vertrauen in meinem Herzen implodiert ist. Lange Zeit. Kurze Zeit. Eine Zeit voller Schmerz, Hass und… Liebe. Vor allem Schmerz und vor allem Liebe. Aber das negiert nicht den Hass. Das Gefäß ist im Laufe dieser zwei Jahre wieder zusammengeklebt worden. Immer und immer wieder ausgebessert. Es füllt sich nicht mehr so gut wie vorher. Es sind an vielen Stellen kleine Löcher geblieben, deren Scherben wohl unwiederbringlich verloren gegangen sind. Die Klebe- und Bruchstellen geben unter Druck nicht mehr so leicht nach wie noch vor einem Jahr oder einem halben, aber das Gefäß ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Aussicht darauf, dass es das auch niemals mehr sein wird, bringt mein Herz an manchen Tagen schier zum Zerreißen.

Wissen kann man nicht zurückgeben.

Supervision [Hoffnung. Erleichterung.]

Gestern war es soweit. Der Mann und ich hatten unsere erste Supervision. Wir sind jetzt nach drei Monaten am Ende unserer Kräfte und ehrlich genug, das auch einzusehen. Die Therapeutin lauschte uns gestern über eineinhalb Stunden lang, bis wir alles einmal auf den Tisch gepackt haben.

„Das ist viel.“, sagte sie. „Sehr viel.“

Was jetzt folgt, sind Hilfen, die wir von außen bekommen. Für das, was die Kinder mitgebracht haben, stehen große und furchtbare Worte im Raum. Und all das ist inzwischen zu groß für unser Zuhause, für uns als Paar, für unsere Familie, für unsere Kinder. Wir wollen Eltern sein.

Keine Trainer, keine Psychotherapeuten, keine Verhaltenstherapeuten, keine Freunde, kein Fachpersonal. Eltern.

Ich freue mich über die Wege, die uns aufgezeigt wurden. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns.

Für mehr Zeit zu Zweit, um unser neues Leben zu sortieren, zu ordnen und vielleicht sogar mögen zu lernen.

Zweisam einsam

In manchen Stunden ist es vielleicht das Beste, einfach nur schweigend nebeneinander in ein Feuer zu starren, während um einen herum das Leben explodiert.

Weg, weit

An manchen Tagen erscheint es mir unmöglich, dorthin zu gelangen. Unter Zwang. Und so klein die Hoffnung auch war, er würde sagen: Ach, komm, scheiß drauf!, so vermessen war sie im Grunde auch. Aber manchmal ist dieser Weg, der so gar nicht der meine zu sein scheint, so unermesslich weit und ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Will. Das ist doch nicht mein Leben.

Dieser Moment

Dieser Moment, in dem man unter blauem Himmel steht und in die grauesten Augen dieser Welt blickt und alles ist für einen kurzen Wimpernschlag in Ordnung und alles ist, wie es sein soll.
Und man selber dort, wo man hingehört.

Zweifel

Ich habe gelernt, zu was es führt, wenn man zu empfindlich ist. Und das auch noch offen kommuniziert. Das führt nur dazu, dass das Gegenüber bald Geheimnisse haben wird. Also lasse ich es. Kenne die Argumente, kenne jedes Dafür und jedes Wider und bin trotzdem ratlos. Charakter ist das, was du tust, wenn keiner hinsieht. Und wer bin ich, darüber bei anderen zu urteilen? Ist vielleicht mein Weg wieder der Falsche, indem ich wieder völlig überhöhte Ansprüche stelle, die niemand erfüllen kann und will? Und tue ich ihm erneut Unrecht, wie damals schon über so lange Jahre, indem ich ihn erhöhe und zu einem Menschen mache, der er weder ist noch sein will? Mutlos. Was, wenn ich es bin, deren Verhalten ins Verderben führt? Weil ich weder Fünfe gerade noch loslassen kann, was mir nicht zusteht? Hoffnungslos. Habe geträumt. Von einem Grabstein, auf dem unsere Namen und unser Datum standen.

Gescheitert.

Lektionen in Langsamkeit

Ich schaffe es nicht.

Und statt auf meinen immerwährenden Antrieb aus Beschimpfung und Demütigung meiner Selbst zurückzugreifen, damit ich endlich in die Gänge komme, tue ich .. nichts. Gar nichts.

Ich nehme es hin wie es ist und es ist so verteufelt schwer, mich nicht selbst klein zu machen, faul zu nennen, zu nichts nutze zu fühlen, aber ich nehme es hin. Heute passiert hier nicht viel. Keine Pflicht, keine Kür. Nichts. So wie gestern. Und vielleicht kommt so wie gestern die Lust beim Nichtstun. Echte Motivation aus Liebe und Lust am Tun heraus geboren statt jene, die sich nur der Pflichterfüllung beugt. Da ist sie wieder, die gehässige Stimme, dass er sich das morgens auch nicht aussuchen kann. Aber verfickte Scheiße, ich bin nun mal ich.

Nicht er, nicht sie, niemand anders.

Nur ich. Und das ist nicht nur völlig ausreichend, es ist auch in Ordnung. Ich muss mein, unser … Leben nicht abarbeiten. Ich darf langsam machen. So langsam wie ich will.

Ich muss nicht bis in zwei Wochen 20kg abnehmen, ich muss nicht jeden Tag zweimal kochen, ich muss nicht leben wie in Schöner Wohnen, ich muss abends nicht bis Mitternacht wach sein und ich muss mich nicht adhoc in eine Femme fatale verwandeln, wenn irgendwann nach 16 Stunden auf den Beinen endlich alle Kinder im Bett sind.

Ich muss das nicht. Ich muss das nicht leben und ich muss das nicht sein. Ich muss tatsächlich gar nichts. Jetzt geht es tatsächlich nur noch darum, mein Ich will wiederzufinden.

Damit ich auch wirklich wieder ich sein kann.

Blickwechsel

„Das ist ein Unterschied. Einer, der nichts besser macht, aber bedeutsam ist.“

Ich starre auf die Worte, die vor diesen beiden Sätzen geschrieben stehen und mein Herz klopft. Glaube ich ihm? Ja, ich glaube ihm. Ich spüre ein Ziehen irgendwo in meiner Bauchmitte, das sich nach Leichtigkeit anfühlt. Nach Hoffnung. Ja, es ist ein Unterschied. Marginal im Geschehenen selbst, zentral in der Interpretation desselben. Heilung kann immer nur rückwärts erfasst werden. Man benötigt den Abstand zum größtmöglichen erfahrenen Schmerz, um zu erkennen, wo man steht. Wie stark die Wunde tatsächlich noch blutet. Ob sie eitert. Oder ob der Blick auf die Narbe nur die Erinnerung an die klaffende Wunde hochholt. Was uns betrifft: Ich bin mir nicht sicher, wo ich stehe. Aber ich spüre, dass die Wunde sich schließt.

Wir werden mit großen hässlichen Narben weitergehen.
Aber weitergehen.

Erkenntnis

Und dann wird dir klar, dass du dein blutendes Herz nicht mehr schützen kannst. Vor der brennenden Erkenntnis, dass nicht nur er es war, der dich so lange belogen hat, sondern du es warst, die sich selbst verleugnet hat. In jenem einen Moment, in dem Eitelkeit, Selbstwert und Vertrauen so unwiederbringlich zerstört wurden, dass in deinem Innern plötzlich kein Raum mehr war für echte Gefühle wie Wut und Lust und Leidenschaft und Größe. Nur Angst. Verzweiflung. Und dann bricht  die Erkenntnis wie eine Flutwelle über dich herein, dass du dieses Leben hier nicht leben willst. Nicht so. Nie wieder. Nicht mit ihm und nicht ohne ihn. Sondern mit dir selber. Mit dir, wie du echt bist. Egal, was für Konsequenzen das nach sich zieht. Die klare Sicht darauf, dass wir nicht 16 Monate lang im Sterben lagen, sondern der Tod lange vorher ein Eheversprechen mitgenommen hatte, das so nie Bestand hatte und ich versucht habe, eine Leiche in einen Alltag zu integrieren, der alles leugnete, was meine Augen, mein Kopf, mein Herz und mein Bauch mir gesagt haben, erschreckt mich zutiefst. Ich habe mich selbst verloren, habe ich ihm vor Wochen, Monaten ins Ohr geflüstert und diese bitteren Tränen der Verzweiflung vergossen, die mich seit 16 Monaten jeden Tag begleiten und von denen ich in dieser Zeit mehr geweint habe, als es manch anderem Menschen in seinem ganzen Leben möglich ist. Nun. Ich habe mich wiedergefunden. Ich war gar nicht weg. Nur verschüttet. Zerbrochen. Einmal mehr in meinem Leben. Und das blutende Herz, das da vor mir auf der Straße liegt, das blutet eben weiter. Einmal mehr, nur noch ein letztes Mal. Diesmal, bis es aufhört zu schlagen. Aber das wird nicht heute sein. Nicht heute. Als ich heute Morgen aufwache, liege ich in einer großen Lache aus Blut in meinem Bett und die Symbolik lässt mich lächeln statt weinen.

Ende und Neubeginn.

Vom Heilwerden

Und dann sitzt er bei mir in der Küche, während ich das Abendessen vorbereite und sagt ganz ruhig diese Worte. Und ich ahne, was ihn das gekostet hat. Ich fühle, weiß und sehe, wie sehr und wie aufrichtig er in jedem Moment darum bemüht ist, das Richtige zu tun. Es ist nicht so schrecklich, wie ich es vermutet habe. Es ist nur schrecklich, die Unsicherheit zu spüren. Zu fühlen, dass er kämpft. Das tat er diesmal nicht. Zum ersten Mal. Keiner meiner Sinne hat diesen Satz kommen gefühlt. Und darin liegt so viel Trost und so viel Hoffnung.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern.

Aber vielleicht weitergehen?