Supervision [Hoffnung. Erleichterung.]

Gestern war es soweit. Der Mann und ich hatten unsere erste Supervision. Wir sind jetzt nach drei Monaten am Ende unserer Kräfte und ehrlich genug, das auch einzusehen. Die Therapeutin lauschte uns gestern über eineinhalb Stunden lang, bis wir alles einmal auf den Tisch gepackt haben.

„Das ist viel.“, sagte sie. „Sehr viel.“

Was jetzt folgt, sind Hilfen, die wir von außen bekommen. Für das, was die Kinder mitgebracht haben, stehen große und furchtbare Worte im Raum. Und all das ist inzwischen zu groß für unser Zuhause, für uns als Paar, für unsere Familie, für unsere Kinder. Wir wollen Eltern sein.

Keine Trainer, keine Psychotherapeuten, keine Verhaltenstherapeuten, keine Freunde, kein Fachpersonal. Eltern.

Ich freue mich über die Wege, die uns aufgezeigt wurden. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns.

Für mehr Zeit zu Zweit, um unser neues Leben zu sortieren, zu ordnen und vielleicht sogar mögen zu lernen.

Zweisam einsam

In manchen Stunden ist es vielleicht das Beste, einfach nur schweigend nebeneinander in ein Feuer zu starren, während um einen herum das Leben explodiert.

Weg, weit

An manchen Tagen erscheint es mir unmöglich, dorthin zu gelangen. Unter Zwang. Und so klein die Hoffnung auch war, er würde sagen: Ach, komm, scheiß drauf!, so vermessen war sie im Grunde auch. Aber manchmal ist dieser Weg, der so gar nicht der meine zu sein scheint, so unermesslich weit und ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Will. Das ist doch nicht mein Leben.

Dieser Moment

Dieser Moment, in dem man unter blauem Himmel steht und in die grauesten Augen dieser Welt blickt und alles ist für einen kurzen Wimpernschlag in Ordnung und alles ist, wie es sein soll.
Und man selber dort, wo man hingehört.

Zweifel

Ich habe gelernt, zu was es führt, wenn man zu empfindlich ist. Und das auch noch offen kommuniziert. Das führt nur dazu, dass das Gegenüber bald Geheimnisse haben wird. Also lasse ich es. Kenne die Argumente, kenne jedes Dafür und jedes Wider und bin trotzdem ratlos. Charakter ist das, was du tust, wenn keiner hinsieht. Und wer bin ich, darüber bei anderen zu urteilen? Ist vielleicht mein Weg wieder der Falsche, indem ich wieder völlig überhöhte Ansprüche stelle, die niemand erfüllen kann und will? Und tue ich ihm erneut Unrecht, wie damals schon über so lange Jahre, indem ich ihn erhöhe und zu einem Menschen mache, der er weder ist noch sein will? Mutlos. Was, wenn ich es bin, deren Verhalten ins Verderben führt? Weil ich weder Fünfe gerade noch loslassen kann, was mir nicht zusteht? Hoffnungslos. Habe geträumt. Von einem Grabstein, auf dem unsere Namen und unser Datum standen.

Gescheitert.

Instabil

Diese eine Stelle am Hals, direkt unter dem Kehlkopf, die schon so oft zugedrückt wurde…

Was als Zärtlichkeitsbekundung anfing, mitten im Begrüßungsgeschehen an einem Freitagmittag inmitten von Kindern, katapultiert mich Jahre und Jahrzehnte zurück. An mehrere Stellen, die ich nun bei klarerem Verstand nicht mal mehr benennen kann.

Der Hals brennt wie Feuer, ich bekomme kaum Luft, kann nicht atmen, nicht denken, nicht fühlen. Eine sachte Berührung nur. Manchmal frage ich mich, wie er damit klarkommt.

Ich denke immer nur, ich könnte das nicht, ich könnte nicht mit so jemandem zusammensein. Jede Begegnung ein Tretminenfeld. Er kennt mich so gut. Seit Jahren schon spielen wir dieses Spiel. Mal erfolgreich, mal verlieren wir beide. Heute ist wieder alles richtig gelaufen.

Er entfernte sich sofort aus meiner Nähe, sagte kein Wort, lenkte die Kinder ab, ließ mich in Ruhe darum kämpfen, durch Disziplin in der Realität zu bleiben. Ich bin so müde. Ich schlafe seit Wochen wieder schlechter seit meine Mutter erneut in meinem Leben aufgeschlagen ist. Die Gedanken kreisen. Ich komme nicht mehr zur Ruhe. Ich werde wieder empfindlicher.

Nachrichten lesen ist bereits seit Tagen wieder gestrichen, alte Filter sind aktiv, die mir das Internet immerhin zugänglich machen, wenngleich einige Fenster einfach wieder zugeklickt werden, ohne dass ich weiß, warum. Auch hierbei bin ich müde.

Ich mag nicht von Heilung sprechen, nicht von Vereinigung. Ich frage mich, ob ich die letzten Jahre vielleicht nur blind geworden bin.

Gier.

Ich bin hungrig.
Und wenn der Hunger zu groß wird, dann ist es einem fast egal, was man zu sich nimmt, nicht wahr?
Ich habe Hunger.
Gierigen, kompromisslosen, schwarzen, alles verschlingenden Hunger.
Und ich muss ihm nachgeben, um nicht auf der Straße anzufangen, in Mülltonnen zu sehen.
Ich werde heute Abend nicht weggehen.

Es ist vielleicht das Beste, das ich für uns tun kann.

Ungleichgewicht

Wenn man so lange für jemanden Entscheidungen trifft, weil der sich dazu nicht in der Lage sieht und man sich dann selber in einer von reiner Hilflosigkeit geprägter Situation wiederfindet, dann kann man auch nicht verlangen, dass aus dem Kind plötzlich ein souveräner Erwachsener wird, der das Gleiche für einen selbst tun kann.

Un [lust] [mut] [geduld]

Da waren sie gestern, diese Worte. Selbstbestimmt. Verantwortungsbewusst. Klar.

Und ich habe Angst, natürlich.
Öffne ich die Arme, lade ich damit wieder zum Hineinsinken ein?
Begünstige ich Schwäche, wenn ich mich zuwende?

Ich will diese Fragen nicht stellen müssen.
Ich will nicht mal darüber nachdenken.
Ich will einfach ich sein können.

Und doch fürchte ich nichts mehr als das.
Ich muss ans Meer mit denen, die ich liebe.
Ich zähle die Tage.

Sehnsucht

Natürlich fehlst du mir.

Aber wenn du so nahe bei mir stehst, kann ich nicht dich sehen.

Nur mich, wie ich mich in deinen Augen spiegle.

Und du – du kannst nur mich sehen. Als wäre ich dein ganzes Universum. Aber das bin ich nicht. Und ich will es auch nicht sein.

Du musst einen Schritt zurücktreten. Ach, was rede ich. Zwei, drei, vier, hundert Schritte zurück.

Und wenn du mich dann ansiehst, als Teil einer Welt, dann wirst du sehen, wie groß ich bin. Wie stark. Wie schwach. Du wirst mich sehen können, wie ich bin und wie ich sein will.

Ich will kein Stern sein. Keine Sonne, um die du kreist.

Ich will ich sein.