Wie kann man nur so erschöpft und müde vom Fühlen sein? Wenn der Schmerz so zäh und klebrig an jeder Faser deines Selbst hängt, dass jede Bewegung zur Qual wird und bloßes Wachsein so viel Kraft kostet, dass man sich nur von Schlafphase zu Schlafphase hangelt.
wir halt
Sehnsucht
Manchmal denke ich, wenn ich nur ein einziges Wort sage, wenn ich nur über diese Schwelle schreite, mein Schweigen dann ablege, wenn es von mir gefordert wird, weil die Gegenseite sich weigert, auf meiner Ebene mit mir zu kommunizieren, dann werde ich nie wieder aufhören können zu schreien. Das Gefühl ist so übermächtig, dass ich mein innerstes Selbst in mir einschließen muss, um nicht verrückt zu werden. Ich wünsche mir gerade so viel Sanftheit, Verständnis, Werben, Zärtlichkeit, aber vor allem die Versicherung, dass ich es wert sein könnte.
Dort, wo ich bin, ist kein Platz für diese immer fordernderen Worte nach verbaler Kommunikation – allein der Wunsch kommt mir nach alledem schon so vermessen vor, wie er an mich herangetragen wird.
Ich bin nichts schuldig. Gar nichts mehr.
Sichtbarkeit
Ich bin so sichtbar in all meinen Überlegungen. In all meinen Gedanken, mit jedem Wort hier, mit allem, was ich dir ungefiltert vor die Füße werfe. Und doch verhallt es ohne Gegenseitigkeit im leeren Raum, der immer größer wird, je stiller diese Lücke klafft. Ich werde diesmal nicht fragen. Ich werde diesmal nicht die Verantwortung dafür übernehmen, was ich wissen muss, damit es wieder gut werden kann.
Perspektive
Wenn du weißt, dass etwas falsch ist, dann ist
deine erste Tat ein Fehltritt.
Die zweite eine Entscheidung.
Die dritte Gewohnheit und
die vierte schon Charakter.
Zu viel
Und auch hier wieder von offizieller Stelle: Ich bin zu viel, ich will zu viel, ich verlange Menschenunmögliches.
Das Gefühl von Verrat kocht in mir hoch, dass es überhaupt eine dritte Partei geben muss (aber ist ja gut, dass wenigstens einer von uns therapeutische Begleitung hat, nicht wahr?) und ich suhle mich in Hass und Selbstmitleid, bin mir jedoch wohl gewahr, dass sie Recht hat.
Ich bin zu viel. Ich will zu viel. Und ja, ich verlange Menschenunmögliches.
Und ich habe früher – ganz früher – mal daran geglaubt, dass es jemanden gibt, der genau dasselbe auch leben will und kann.
Ich habe mich geirrt. Wieder.
Shame on me
„Es gibt nichts, das ich nicht mit dir haben wollen würde.“
Und dann nimmt man das über all die Jahre angesammelte Vertrauen zusammen und formuliert das, was die eigene Bestimmung ist und riskiert nichts weniger als die eigene Seele und…
…scheitert.
Ekel
Ich warte auf den Zusatz. Auf eine weitere Nachricht, irgendetwas, das das relativiert, was ich immer und immer wieder lese. Ich kann die Worte inzwischen auswendig und sie verändern sich einfach nicht. Egal, wie sehr ich mir jedes Mal, das ich vorne beginne, wünschte, sie würden es tun. Ich verstehe, was ich lese, ich begreife es nur nicht. Ich hätte alles darauf gewettet, dass dieser Text einen anderen Inhalt haben würde. Alles. Ich war mir so sicher in meiner Hoffnung, in meinem Wünschen, dass ich nun umso begriffsstutziger versuche, zu verarbeiten, was mir das Herz herausreißt. Selten habe ich mir mehr gewünscht, das Alles oder Nichts ablegen zu können, mich von den Krumen ernähren zu können, die mir hingeworfen werden, endlich zur Erkenntnis zu gelangen, dass ein halbvolles Glas besser ist als ein leeres, aber es gelingt mir nicht. Ich lebe immer im Maximum, immer im Superlativ und was mir mein Leben lang als Manko verkauft wurde, lässt mich hier und heute erneut scheitern. Zu viel. Mal wieder. Zu viel Gefühl, zu viel Erwartung, zu viel alles. Der wilde Ritt in einer Gefühlsachterbahn wie meiner, den nimmt man gerne mit, wenn es zu den eigenen Höhepunkten geht, aber ich für mich war immer zu viel, wenn es hart auf hart kam. Ich zittere, mir ist kalt, mein Magen krampft sich zusammen, ich muss mich übergeben, ich kenne all diese Symptome. So fühlt es sich an, wenn etwas Existentielles in einem stirbt. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich will schreien, ich will weinen, ich will anklagen, wüten, schlagen, aber da ist nur dieser große Berg Schmerz, der mich erdrückt und jedes andere Gefühl auslöscht. Ich öffne die Nachricht erneut. Wenn ich sie nur häufig genug lese, dann verlieren die Worte vielleicht irgendwann ihre Fatalität, lassen mich innerlich abstumpfen, ausbluten, bewegen nichts mehr. Aber fürs Erste schnürt sich mir erneut die Kehle zu, bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, verpufft jedes Aufkeimen von Gefühl in Hoffnungslosigkeit. Ich kann es nicht glauben. Es kann nicht wahr sein, es stellt alles in Frage, woran ich geglaubt habe, mir fehlt vielleicht nur ein Puzzleteil, es richtig zusammenzusetzen, dass es ein anderes Bild ergibt als das, welches die Worte zeichnen.
Drei Stunden. Es wäre genug Zeit gewesen. Der Ekel kommt hoch, wie sehr ich mich exponiert habe.
Wie lange Stunden ich in der Nacht mit mir gerungen habe, ob ich etwas so Großes in Worte fassen soll, ein ultimatives Risiko eingehend, etwas so Intimes zu enthüllen.
Ich wünschte, ich hätte es nie getan.
Zweifel
Der Alltag hat nun auch die Kinder und mich wieder. Und gleichzeitig heißt das, dass der Countdown läuft.
Ich fühle mich vor allem gehetzt, gesund zu werden. Ich muss Autofahren können, ich muss diese Wege schaffen, ich muss uns hier versorgen können, wenn für den Mann die Operationen beginnen und er schlussendlich mehrere Monate ausfallen wird.
Bei alledem hab ich eine Scheißangst vor allem. Ich habe so viele Monate mit Schwindelattacken, Angst und Panik hinter mir, das alles begann im April letzten Jahres und ich bin jetzt durch die Verzögerung durch die Coronanachwirkungen so weit entfernt von leistungsfähig wie man sich das nur vorstellen kann.
Es ging mir direkt vor meinem Geburtstag so gut, ich war so zuversichtlich und hoffnungsfroh und dann kam diese Kackkrankheit und jetzt stehe ich hier und weiß nicht, wie ich das alles schaffen kann und soll. Und das ist nur der organisatorische Teil.
Ich habe Angst vor dem, was kommt. Angst vor dem, wieviel der Mann in seiner Haupthand verliert. Es ist ja keine Frage von Gelingen oder nicht Gelingen, um Erfolg zu gewährleisten muss man ihm Kraft, Beweglichkeit und Motorik nehmen. Ich habe Angst vor dem Endergebnis und so egoistisch das klingt: Angst um das, was ich verlieren werde. Es sind diese wunderbaren Hände, die mich streicheln, die mir Lust bereiten, die sicher wissen, was sie tun, die mich halten, die immer voller Kraft waren, der Inbegriff von Ästhetik, Geschicklichkeit und Stärke.
Und so unwichtig diese Gedanken im Gesamtkontext sein mögen, sind sie trotzdem da, müssen sie trotzdem reflektiert werden, muss ich sie trotzdem fühlen dürfen, um nicht verrückt zu werden.
Dabei wünsche ich mir in alledem nur, dass er schmerzfreier wird und alles andere wird sich dem unterordnen müssen.
Es wird, weil es muss.
Rückblick/Aussicht
Ich wollte im Dezember schon schreiben, dann zwischen den Tagen, dann vor Neujahr, aber die Tage vergingen wieder in Unverständnis, Streit und Kampf statt in Harmonie und so sehr die Worte bereits in meinem Kopf herumgeisterten, so wenig war ich fähig, sie aufzuschreiben.
Wir haben ein Höllenjahr hinter uns.
Und selbst wenn ich den gesundheitlichen Aspekt sehr bewusst ausklammere, weil das in seiner Tragweite kaum zu erfassen ist, so haben wir darüber hinaus einige herbe Tiefschläge einstecken müssen.
Es gibt nicht viele Menschen, denen wir uns gemeinsam öffnen. Die Schnittmenge der Menschen, denen wir beide vertrauen, ist an einer Hand abzählbar und wir haben letztes Jahr einen Wichtigen davon verloren. Wir tun uns schwer damit, jemanden in unser Leben zu lassen und wenn, dann gilt das bis in die letzte Konsequenz. Schon Anfang letzten Jahres wurde die Zweifel lauter und in den letzten Wochen und Monaten wich die Unsicherheit der zerschmetternden Erkenntnis, dass wir uns von einem Spiegel haben täuschen lassen.
Die Verbitterung darüber hallt in uns beiden noch nach. Wir haben allerdings auch eine Menge neuer Menschen kennengelernt, die uns ans Herz gewachsen sind und besonders beim Gildentreffen hat meine Seele bei einem Menschen sehr laut und wohlig geseufzt. Deine auch, weiß ich und ich finde es wieder mal bemerkenswert, wie sehr wir inzwischen aufeinander abgestimmt sind.
Ich weiß nicht, ob wir trotz der unzähligen Auseinandersetzungen und der gleichermaßen end- wie fruchtlosen Diskussionen letztes Jahr so viel reifer geworden sind als Paar. Es sind haufenweise lose Enden, die wir aktuell in der Hand halten und es ist schwer abzusehen, ob wir auf einem guten Weg sind oder weiter herumirren müssen, bis wir das Durcheinander irgendwann wieder sortiert bekommen. Wir waten derzeit durch knietiefe Scheiße und manchmal fällt dann auch noch einer hin, aber wir bleiben Seite an Seite. Dreckverschmiert, stinkend, allem überdrüssig, ich weiß das wohl.
Aber wenn wir jetzt stehenbleiben, ist auch nichts gewonnen.
Also gehen wir einfach weiter. Ich liebe dich. Nach 20 Jahren genauso und doch so anders als an dem Tag, an dem ich dich das erste Mal gesehen habe.
Verweigerung
Was wir brauchen, ist nicht noch eine weitere intellektuelle Instanz, die alles auseinandernimmt, was nicht gefühlt werden kann. Und so muss ich mich dir verweigern, um mir selber treu zu bleiben. Was ich brauche, wonach ich mich sehne, wonach ich mich verzehre, liegt nicht im Neocortex und verlangt von dir, dich dorthin zu begeben, wo deine Angst liegt.
Und ich bin mir dessen gewahr, was ich von dir verlange, denn dort gibt es die Illusion nicht mehr, alles im Griff zu haben, wenn man sich nur genug selbst kasteit, dort gibt es nur noch das Aushalten all dessen, was du dir zu fühlen versagst, weil es sich deiner Kontrolle entzieht.