Pragmatismus

Mir in aller Seelenruhe von seiner nächsten Frau zu erzählen und ob er mit ihr Kinder haben möchte, erfordert entweder sehr viel Mut oder sehr viel Ignoranz.

Oder einfach nur sehr viel weniger Glauben an uns als ich habe.

Sechs Leben

Die Tage ziehen so dahin, ins Jahr.
Fünf Monate sind es seid seiner Geburt, fünf Monate Inkontinenz, fünf Monate Schmerzen, fünf Monate Depression, fünf Monate Hoffnung, leise.

Muss irgendwann besser werden, der Körper trägt Spuren davon.
Die Seele auch.

Möchte die ganze Welt umarmen und dann wieder in die Luft bomben, weil es keinen Grund zur Hoffnung gibt.
Keine Gerechtigkeit.
Keine Liebe.

Rückschläge werfen uns aus der Bahn, wir schlingern so dahin, ohne Kurs.
Und manchmal erschlägt es mich, dass ich auch in diesem desolaten Zustand nach wie vor der Kapitän sein soll – Herr über dieses Schiff, der, der bis zuletzt stehen bleibt, auch wenn es sinkt. Erst alle anderen, dann ich. Ich bin nämlich nicht wichtig. Kann selbst dann weitermachen, wenn ich eigentlich nicht mehr kann, damit es für niemanden unbequem wird.

Und dann ist da auf der anderen Seite wieder jeden Tag so viel Glück. So viel Liebe. Dieses Lächeln, dieses eine, zahnlose, das mich mit der Welt versöhnt, komme was da wolle. Der Bragi, der mich weitermachen lässt.

Hilflosigkeit, die Zeit nicht einfach anhalten zu können, im Moment zu verharren und ihn bis in alle Ewigkeit zu konservieren, auch wenn das Stillstand bedeutete.
Vielleicht geht es zu schnell. Vielleicht zu langsam.

Irgendwo, auf halber Strecke muss ich mich selbst verloren haben.
Leider hat mich niemand aufgesammelt.

Wechselschritt

Ich weiß nicht, warum die Erinnerungen momentan so stark sind. Weiß nicht, woher ich so gestresst bin, dass die Haut wieder Blasen schlägt und ich nachts in Alpträumen zu versinken drohe.

Die katastrophal verlaufene Operation des Mannes im Januar mag Auslöser gewesen sein, aber ich dachte, ich würde konstruktiv aufarbeiten. Nicht wegsehen, nicht vergleichen, hinsehen, annehmen. Es fällt schwer, wenn man selber alleingelassen wird, wenn etwas Vergleichbares passiert und umgekehrt der Anspruch auf Exklusivität auf Intensität von Leid besteht.

Es gelingt mir geistig, mich zusammenzureißen, doch mein Körper und meine Verfassung sprechen eine andere Sprache. Kann den Mann nicht mehr annehmen, kann mich nicht mehr annehmen. Hadere mit meiner Vergangenheit. Erlebe in Sequenzen abwechselnd Missbrauch, Folter, Unfälle und normale Demütigungen/Misshandlungen und bin so hilflos wie ich es immer gehasst habe.

Kein Wächter da, der mich wegblenden könnte, alles ungefiltert beim Essenmachen mit vier Kindern am Tisch, die lachen und albern, während die Erinnerung mich schlagartig ins Dunkel reißt.
Will duschen gehen, mir die Haut vom Körper scheuern, weil überall ihre Finger zu spüren sind. Will aus der Haut fahren, mich verstecken, endlich den Tränen freien Lauf lassen, die nun schon so lange Jahre ungeweint sind.

Ich will mir nichts vormachen und es nicht dramatisieren. Es wird besser im Laufe der Jahrzehnte. Es wird erträglicher. Es rückt weiter weg, auch wenn das Gefühl im Moment der Gedankengefangennahme etwas anderes sagt.

Es ist doch schon so viel besser geworden.

Ich habe mich für dieses Leben mit einem Ja entschieden. Nicht immer laut und deutlich, nicht immer uneingeschränkt, aber schlussendlich bleibt es ein Ja.

Ja. Ich will.

Erschöpfung

Vielleicht ist es das, woran unsere Gesellschaft am meisten krankt:
Dass es einem erst schlecht gehen muss, damit man sich um ihn kümmert.

Dass man das Gefühl hat, körperlich schwer krank sein zu müssen, um diese Aufmerksamkeit einfordern zu dürfen, sich überhaupt erst zu wagen, zu verlangen, zu bitten, zu flehen, zu betteln, dass der Andere sich auch mal kümmert…

Wie einfach wäre es – und wie vermessen kommt es mir vor – zu sagen: Ich fühle mich ungeliebt. Ich möchte getragen werden. Umsorgt. Möchte ab und zu nein sagen dürfen und trotzdem geliebt sein…

Krieg der Gedanken

Ich bekomme weder die Bilder noch die Gedanken aus dem Kopf.
Endlosschleife aus Emotionen.

Habe das Gefühl, den Mann nicht mehr richtig ansehen zu können, weil alles überlagert wird von diesem einen Tag, dieser Stunde…
Unser Leben, seins, meins, unseres, unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr wie sie war.

Und das betretene Neuland liegt im Nebel.
Gestalten soll ich es.

So hilflos.

Emotionale Erpressung

Durch das Aufzeigen einer temporären Grenze bei mir mit nur einer einzigen Schulterbewegung vom mündigen Menschen zum bemitleidenswerten Opfer zu werden ist so erschreckend wie bemerkenswert.

Als hätte ich kein Recht darauf, auf mich selber zu achten.

Und ich kenne dieses Prinzip von Grenzüberschreitungen dermaßen gut, dass es mir die Galle hochwürgt, wenn ich daran denke, dass dies ein geeignetes Kommunikationsmittel sein soll.

Nicht für mich.
Nicht mit mir.
Nie wieder.

Elementares

Darf ein Fels in der Brandung wanken? Was, wenn man ihn wanken gesehen hat? Ist er dann nach wie vor ein Fels, sobald er seinen Halt wiedergefunden hat?

Oder ist das Gefühl, sich in jeder Situation daran festklammern zu können, ein für alle Mal verloren?

Schwebend zwischen den Dingen…

Verwundet

Traue mich kaum zu schreiben, weil es eine Grenze, eine andere, eine fremde, verletzen könnte. Mache die ersten zaghaften Schritte nach vorne und hoffe inständig, dass wir den Weg weitergehen können.

Vielleicht sind es gar nicht die großen gewaltigen Dinge und Geschehnisse, die eine Beziehung für immer verändern, die Rollen tauschen, in denen man sich jahrelang so wunderbar eingefunden hat… vielleicht braucht es bloß eine Stunde, eine Welt auf den Kopf zu stellen und sie neu betreten zu müssen, wie man sie zuvor noch nie betreten hat.

Falsche Entscheidungen sind nicht rückgängig zu machen, man muss mit ihnen leben oder sterben. Solange der Tod keine Wahlmöglichkeit darstellt, muss man sich arrangieren.
Schuldgefühle, auf ganzer Linie. Hätte ich doch nur, wäre ich doch nur früher dort gewesen, wäre ich nur dageblieben…

Kenne meine Rolle nicht mehr, meine Aufgabe und merke doch, wie nach nun fast zwei Wochen die Aufmerksamkeit langsam nachlässt und die Müdigkeit kommt. Vertauschte Rollen, so kommt es mir vor und ich fühle mich so falsch..

Die Achtsamkeit fordert meine ganze Konzentration und ich frage mich, wie tief die Wunde ist. Wie stark die Verletzung.
Ob sie die Seele erreicht hat.

Traue mich nicht, in die Vergangenheit zu blicken, weil ich werten würde.
Von mir wird erwartet, diese Dinge einfach auszuhalten. Schmerz, Hilflosigkeit, gehört ja dazu, ist ja natürlich. Ich werde damit allein gelassen bis es nicht mehr anders geht. Für sich selber beansprucht man eine ganz andere Behandlung und bekommt sie natürlich auch, denn ich bin nunmal niemand, der andere Menschen im Stich lässt, wenn es ihnen schlecht geht.

Auch noch auf der Flucht vor mir selber.
Und gleichzeitig Fels in der Brandung.

Hilflos.