Ankommen

Erst zwei Tage sind vergangen und schon löst sie sich wieder, die Mauer um die Seele des Kindes. Ich erinnere mich an die ersten Jahre, in denen sie nach jedem Besuch bei ihm hohes Fieber bekam, eine Woche völlig außer Gefecht gesetzt war.

Und so wunderte ich mich heute, als heute Nachmittag die ersten Tränen flossen. Auf eine Rüge meinerseits hin. Es folgten viele weitere Tränen beim Singen heute Abend, als es nicht gelingen wollte, ihren Text meinen Klaviernoten anzupassen. „Ich kann das einfach nicht, Mami.“ Doch. Du kannst alles tun, was du willst. Tränen.

Sturzbäche von Tränen liefen beim Stern über Bethlehem über ihre Wangen und irgendwie, irgendwie hörte sich das heilend an. Strahlend, nachdem es geglückt war. Das blockende Kind von gestern ist wieder weg.

Ich hatte mich auf einen größeren Zeitraum eingestellt – ich weiß, dass sie sich schützen muss.
Dass es erst nach und nach alles hochkommt.
Das Heimweh, die Verzweiflung, allein gewesen zu sein.
Mitgekommen sind viele hässliche Redewendungen, die er benutzt.
Demütigende Witze auf Kosten anderer. Den Kopf hab ich heute Morgen schiefgelegt und sie stumm angesehen, als sie sich über ihre kleine Schwester lustig machte, statt ihr wie sonst zu Hilfe zu eilen. Und sie blickte mich an und ich sah den Schrecken in ihren Augen.

Und die Tränen, ungeweint noch. Jetzt kommen sie, die Tränen; die nächsten Tage werden noch harte Arbeit, Wehen, Geburt, überall.

Und Heilung. Bis zum nächsten Mal. Aber beim nächsten Mal ist sie wieder etwas stärker. Wieder gewachsen. Ich muss Vertrauen haben.

Schreibe einen Kommentar