Linien

„Die Brüste hängen so sehr.“

Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von der Aussicht war. Frankfurt, Innenstadt. 20. Stock mit Blick über die gesamte Stadt. Gigantisch.

„Und der Bauch schwabbelt so. Diese schlabbrige Haut. Auch am Po muss Fett abgesaugt werden. Der ganze Körper sieht so widerlich aus, dass es mich bei jedem Blick in den Spiegel ekelt.“

Ich sehe irritiert in den Raum zu dem Mann, der mit geübtem Griff die Brüste meiner Mutter packt und hin und herwackelt. In seiner Hand hält er einen dicken schwarzen Stift, mit dem er Linien auf ihren Körper malt. Ich lege den Kopf schief und frage mich, warum wir hier sind. Ich bin 8 oder 9 Jahre alt.

„Schrecklich, diese Hängebrüste. Bald gehen sie mir bis zum Bauch. Ekelhaft.“ Der Mann hebt eine Brust hoch und malt noch mehr Striche. Ab und zu geht er zu seinem Schreibtisch und schreibt etwas auf einen Zettel. Er brummt. Ob zustimmend, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin weit weg von Zuhause und finde die Situation befremdlich. Affäre, geistert es durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, was dieser Begriff bedeutet und doch kenne ich ihn. Jahre später soll ich erfahren, dass zu genau diesem Zeitpunkt die Ehe meiner Eltern auf der Kippe stand. Wegen einer Frau, die mein Vater kannte. Und liebte? Vielleicht. Wenn ihm das möglich war. Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, ob meine Mutter jetzt mit diesem Mann zusammen ist. So wie er ihren Körper anfasst, begutachtet und bemalt kann das gut sein. So nah habe ich meine Eltern nie beeinander gesehen. Das mit den Strichen auf ihrem Körper kommt mir merkwürdig vor.

Wochen später sollte meine Mutter plötzlich verschwinden. Als sie wiederkommt, ist ihre Körpermitte merkwürdig verformt. Ihre Taille ist verschwunden. Ihr ganzer Bauch sieht so gestrafft aus wie eine langgezogene Gummimatte. Sie darf nichts heben und sich nicht bücken. Dafür ist sie glücklich. So kenne ich sie nicht. Große hässliche Narben zieren ihre Vorderseite. Breit, rot, grässlich und eiternd. Wann immer ich einen Verbandswechsel vornehmen muss und die Wundflüssigkeit abtupfe, dreht sie sich im Spiegel halbnackt hin und her. Und strahlt. „Jetzt sehe ich aus wie eine richtige Frau. Sieh nur, wie schön flach mein Bauch ist!“

Ich sehe auf die Gummimatte, die mit Haut nur noch so wenig zu tun hat und nicke. Es scheint etwas Gutes zu sein. „Nur die Brüste hängen noch so ekelhaft.“ An den Brüsten ist nichts verändert worden. Ich sehe keine Narben und sie sehen noch genauso aus wie vorher. Ich versuche, zu verstehen, was an ihnen ekelhaft ist. Es gelingt mir nicht. „Wenn du Pech hast, hast du auch diese widerlichen Hängebrüste geerbt.“

Ich erschrecke. Was heißt das? Was kann ich tun? Einen kurzen Augenblick lang drängt es in mir, sie zu fragen, was ich dann machen soll, aber sie wendet sich schon wieder ihrem Spiegelbild zu.

Es eitert aus der großen Bauchnarbe, die sich von Hüfte zu Hüfte zieht. Sie scheint es nicht zu bemerken. Gedankenverloren streichelt sie mit verliebtem Blick die gestraffte Haut darüber.

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