Gegen die Flut

Natürlich ist mir rein intellektuell klar, dass dort der Schlüssel liegt. Niemand kann auf lange Zeit eine derart mächtige Emotion unterdrücken, ohne sein Selbst zu beschneiden. Umso mehr, wenn diese Wesensveränderung weniger aus dem hehren Motiv erwächst, sich selbst zum Guten verändern zu wollen als vielmehr dem inneren Zwang entspringt, Kollateralschäden so weit als möglich zu minimieren. Ich spüre, wie es manchmal hochkocht – alle Emotionen, die diesem Strang entspringen. Feuer, Leidenschaft, Wut, Hass, Glaube.

Und dann kommt die Angst mit ihrem großen übermächtigen Hammer, der „Vergangenheit“ heißt und der inzwischen auch vom letzten Menschen, dem ich jemals vertraut habe, so vernichtend geführt wurde, dass jeder Funken irgendeiner dieser Emotionen im Keim erstickt wird. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass manche Dinge vielleicht niemals mehr gut werden können. …da ist sie wieder, die trotzige kleine Stimme, die brüllt Doch! Ich will! Ich will alles! Sie ist noch da. Leiser zwar, aber im Wollen ungebrochen.

Der Unterschied zu früher ist wohl, dass ich auch ihr nicht mehr glauben kann.

Zeitlupe

Es ist wieder eine Schachtel leer. Ich komme mir vor wie ein Kettenraucher. Ständig der Griff zur Schachtel, ein kurzes Nachdenken, wie viele man schon hat, wie viele man noch darf, bevor man wieder auf andere Medikamente ausweichen muss. Gestern der erste Tag nach der Operation, an dem ich mal wieder Medikament, zusätzliche Tabletten gegen Schmerzen und dann abends noch stärkere Schmerzmittel aufeinander stapeln musste. Junkie, ich. Immerhin das Morphin steht seit Wochen nur noch im Schrank und hält mir für Notfälle den Rücken frei. Ich habe kurz überschlagen, was ich dafür auf dem Schwarzmarkt bekommen würde und immerhin – die Geldsorgen wären wir dann auch gleich los. Rückhalt in mehr als einer Hinsicht also. Die Gedanken bewegen sich träge durch den Tag, der vor mir liegt. Das Übliche. Viel Arzt, viel Rezept- und Überweisungskram, Termine machen, planen, warten. Vor allem warten. Warten darauf, dass die Schmerzen vielleicht zurückgehen, warten auf die nächste Tabletteneinnahme, warten auf den nächsten Tag. Alles wie immer. Arbeit würde mir guttun, aber ich habe ja gestern erst wieder gemerkt, wie sehr mir dann mein Körper nachmittags die Kelle vor den Latz knallt. Alle Lichter aus und dann kommt die Zeit der Buße. Danke, aber nein danke. Die Aussicht auf ein heute notwendiges Maß sozialer Interaktion außerhalb meiner Rehabilitation ringt mir ein gedankliches Würgen ab. Notfälle, natürlich. Ich bin ja da, ich habe ja bestimmt einen Rat. Ich verdamme den Tag, an dem ich diesem Netzwerk beigetreten bin. Damals, als ich nach draußen wollte. Als ich öffentlich wurde. Wo will ich denn jetzt noch hin?

Langsam, sagt mir die verfickte innere Stimme, die mir auch immer rät, doch noch eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich mir umbringe.

Leise Stimmen haben nur die anderen.

Resignation

„Es sind nur Richtwerte, aber drei bis sechs Monate nach der Operation sollten Sie damit rechnen können, auch mal wieder einen schmerzfreien Tag zu haben… Wo genau sind Sie heute?“ Ich sehe in eisblaue Augen. Wissend, lächelnd. Eines jener Lächeln, das niemals den Mund erreicht, sondern das aus einem tiefen inneren Wissen gespeist wird, das man annehmen muss, um es erkennen zu können.

Ich räuspere mich. „Vier“, kommt es gepresst über meine Lippen.

„Wochen.“, füge ich widerwillig hinzu.

Morgen sind es vier Wochen.

Er zieht die Augenbrauen hoch, unmerklich. „Dafür haben Sie bemerkenswerte Fortschritte gemacht!“
Er lächelt aufmunternd, ich resigniert.

„Geduld, hm?“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage an ihn, aber er nickt trotzdem. Ich nehme einen Stapel Zettel in Empfang für mehr Schmerzmittel, mehr Physiotherapie, mehr wasweißich und verabschiede mich, jaja, bitte, danke, du mich auch.

Bis zum nächsten Mal.

Montag

Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, ich würde dort ohne Angst- und Panikattacke einfach auf diesem Stuhl sitzen und gelassen darauf warten, dass ich endlich einkaufen fahren kann, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt. „Es wird nicht weh tun. Aber ich mache alles, was Sie brauchen, um mir zu vertrauen.“ Diese Worte voller Zugewandtheit, die tief und rauh aus seiner Kehle kommen, lassen mich unwillkürlich an den Mann an meiner Seite denken und ich frage mich, wie dieser wohl in 20 Jahren aussehen wird. Ich ahne .. glaube zu wissen. Und mir gefällt, was ich vermute.

Ich lächle. Und nicke. „Ich vertraue Ihnen. Sie können anfangen.“ Er lächelt sein Bärenlächeln, das mich jedesmal wieder dahinschmelzen lässt und so viele Erinnerungen an meinen Großvater hochholt, der im selben Alter wie er gewesen sein muss, als ich gerade in die Pubertät kam.

Zwanzig Minuten später bin ich fertig und stehe ruhig auf. Mit trockenen Händen und ruhigem Geist. „Bis nächste Woche“ grüße ich zum Abschied und trete lächelnd auf die Straße. Ich spüre seine Blicke noch bevor ich ihn sehe.

Schlechtes Timing, denke ich und nicke ihm zu. Das Begehren in seinen Augen lässt sich nur schwer übersehen. „Hallo Schönheit“, sagt er leise und wirft mir eine Kusshand zu, während es mir kalt den Rücken herunterläuft.

Aus den Schatten

Als ich vor Jahren entschieden habe, mein virtuelles Ich auch in dieser Hinsicht aufzugeben, wusste ich nicht wirklich, was mich erwartet. Ich habe voller Enthusiasmus ein glattes, strahlendes öffentliches Ich erschaffen, das einige sehr markante Teile meines Wesens repräsentiert. Und mir war auch schnell klar, dass dort kein Platz ist für das zerklüftete Dunkle und Düstere, das einen sehr großen und erschreckend anderen Teil stellt, der gemeinsam mit dem Licht mein Ganzes formt. Natürlich war das erfolgreich. Ich kenne meine Stärken fast so gut wie meine Schwächen. Ich weiß, wie anziehend ich sein kann, wenn ich mich öffne. Kenne meine Verlockungen, sowohl die für Frauen als auch die für Männer.

Heute bricht mir schon am Morgen der kalte Schweiß aus, wenn ich darüber nachdenke, welchen Menschen ich unter Umständen in den nächsten Stunden begegnen werde. Wie ich lächeln und nicken werde. Meine Affekte unter Kontrolle halte. Wie mein Geist unbarmherzig jede noch so unwichtige Einzelheit speichern wird, jederzeit abrufbar und alles sich in Gehirn und Magen zu einem widerwärtigen Knäuel von Gedanken- und Wortfetzen ballt, das immer größer, faseriger und unverdaulicher wird, bis ich es – um nicht daran zu ersticken – einem Gewölle gleich erbrechen muss.

Hierhin.

Endlich wieder.

Schmetterling, schwarz [Brina]

Manchmal denke ich noch an dich. Im Moment wieder mehr, weil.. ach, aus Gründen. Ich erinnere mich daran, wie stürmisch ich mich in dich verliebt habe. Von einem Wort auf das andere, in einem euphorischen Strudel überschäumender rosafarbener Gefühle. Ich war gerade getrennt, frisch verliebt, aber unsicher.

Und dann kamst du mit deinem ewigen Optimismus. Mit deiner Liebe zu allen Menschen. Für einen Misanthropen wie mich fast unerträglich und vor allem die Sehnsucht nach dem Licht nährend, das ich damals noch so wenig in mir sehen konnte. Ich sah dein Strahlen, dein Leuchten und bewunderte dich grenzenlos.

Kurze Zeit später erfuhr ich, dass du Krebs hast. Sterben müsstest. Bald schon. Es ging nur noch um ein wenig mehr Zeit auf diesem Planeten. Ich begleitete dich durch schlaflose Nächte, hunderte von Kilometern von dir entfernt – aber nur eine SMS, eine E-Mail, einen Anruf weit weg.

Ich nahm Anteil an deiner Chemotherapie, an den Nebenwirkungen und an deinem unerschütterlichen Glauben an ein gutes Ende. Ich durfte deine innere Schönheit in all ihrer Pracht erfahren und bewundern und trotz deines schweren Weges hast auch du mir bedingungslos zur Seite gestanden. Mir geholfen, zugehört, zugelesen, den Blick nach vorne gerichtet, wo ich am liebsten wieder zurück gelaufen wäre.

Als ich dahinter kam, dass alles an dir nur erlogen war, durfte ich auch deine Abgründe sehen.

Es sollte mir eine ebenso schmerzhafte wie nachhaltige Lektion sein. Fünf Jahre lang habe ich niemanden mehr an mich herangelassen. Fünf Jahre. Dann erst kam jemand, der mich noch tiefer verletzen sollte, als es dir jemals möglich gewesen wäre.

Und so absurd das Leben nun einmal spielt, wiederholt sich nun – 10 Jahre später – die ganze Geschichte erneut. Mit anderen Vorzeichen. Da ich seit einem Jahr meiner eigenen Nemesis gegenüberstehe und jeden Tag ums Überleben kämpfe, werde ich hieran allerdings nicht teilnehmen können. Ich werde mich zurücklehnen und das Schauspiel genießen.

Leben und Tod. Brot und Spiele.

Wortanfänge

Es ist 6 Uhr morgens, als ich von unerträglichen Kopfschmerzen wach werde und ein anderer Schmerz beim Umdrehen in die Operationsnarben schießt. Die erste Schmerztablette wirkt nicht, die zweite auch nicht. Schrill kreischen die Gedanken in den Kopfschmerz hinein und ich frage mich, wie ich mich heute umbringen könnte. Das ist selbst für mich ein denkbar schlechter Start in einen Mittwoch. Nichts Neues von den Depressionen. Kleine Scheißer. Ich spüre eine vertraute Bewegung an meiner Seite und da ist es wieder, das beschissene Hoffnungsgefühl, das mich im Leben hält. Schreiben. Ich muss schreiben. In meinen Gedanken formen sich die Fetzen zu einem Knäuel, zu Wortgebilden, zu Sätzen. Ich muss schreiben. Aber wieder öffentlich? Die Panik macht meinen Mund trocken. Ich habe schon zu viel Öffentlichkeit in meinem Leben. Tagebuch? Befriedigt mich nicht. Dem inneren Narziss wird übel ob dieser Verschwendung. Keine Einbildung, wie ich merke, als ich nach dem Aufstehen ins Waschbecken kotze. Ich blute aus der Nase und mein Magen stülpt sich ein weiteres Mal nach außen. Gut, dass ich noch nichts gegessen habe. Hypochondrisch veranlagt wie ich bin, frage ich mich, ob ich nun noch eine weitere Tablette nehmen kann, oder dann an einer Überdosierung sterbe, weil die vorherigen zwei schon vom Körper absorbiert und nicht wieder mit erbrochen wurden. Und ob das so schlimm wäre. Wäre es. Also weniger das Totsein als vielmehr das langsame Verenden an den Symptomen einer Überdosis Migränetabletten… Ich entscheide mich vorerst gegen weitere Medikamente. Die Operationsschmerzen werden noch früh genug weitere Tabletten fordern. Jetzt erst mal die Kopfschmerzen klein kriegen. Dusche, beschließe ich. Als mir das dritte Mal das Duschgel aus der Hand rutscht, weil meine Scheißhand immer noch nicht zuverlässig auf die Befehle meines Gehirns reagiert, formt sich unter heißem Wasser der Gedanke mit dem Schreiben in etwas Greifbares, das mir darum aber nicht weniger Angst macht.

Ich bin zurück.