Vom Heilwerden

Und dann sitzt er bei mir in der Küche, während ich das Abendessen vorbereite und sagt ganz ruhig diese Worte. Und ich ahne, was ihn das gekostet hat. Ich fühle, weiß und sehe, wie sehr und wie aufrichtig er in jedem Moment darum bemüht ist, das Richtige zu tun. Es ist nicht so schrecklich, wie ich es vermutet habe. Es ist nur schrecklich, die Unsicherheit zu spüren. Zu fühlen, dass er kämpft. Das tat er diesmal nicht. Zum ersten Mal. Keiner meiner Sinne hat diesen Satz kommen gefühlt. Und darin liegt so viel Trost und so viel Hoffnung.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern.

Aber vielleicht weitergehen?

Ausgebrannt

Ich möchte nicht mehr. Ich möchte heute niemanden zum Sport fahren, ich wollte gestern niemandem zum Tanzen bringen, ich will morgen niemanden zum Reiten fahren, ich will nicht mehr abwechselnd zu Physiotherapie und Zahnarzt hetzen, ich will keine anderen Menschen in Kliniken fahren, ich will keine Arztgespräche mehr führen und weder putzen noch einkaufen noch arbeiten noch mir die Sorgen anderer Menschen anhören. Ich möchte nicht eingeladen werden, mit niemandem essen oder ins Kino gehen oder auf einer Hochzeit eine Rede halten, nein. Nein. Nein.

Ich will schlicht und ergreifend meine Ruhe haben. Ich will nicht reden, ich will mir nicht jeden Tag den gleichen Sermon anhören und verständnisvoll nicken, Problemlösungen anstoßen, Taschentücher reichen und vor allem kann ich diesen Körperkontakt kaum noch ertragen. Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich urlaubsreif bin, aber das will ich ja nicht einmal. Ich will nur das gleiche Recht wie jeder kranke Mensch haben, sich einfach in Ruhe und Schweigen zurückzuziehen und über alles, was über Nahrungsaufnahme, Körperhygiene und Gesundwerden hinausgeht, nicht mehr funktionieren zu müssen. Ich weiß, wie sehr sie mich brauchen. Ich weiß, wie sehr das letzte Jahr alle Reserven aufgebraucht hat, die die letzten Jahre über geschaffen wurden. Ich weiß, dass diese Scheißsache mit der Operation und dem langen Heilungsprozess nun so ungelegen kommt wie ein Kropf. Ich weiß es doch. Ich spüre, wie ich stärker und heiler und hoffnungsvoller werde und kann auf der anderen Seite keinen Schritt mehr weitergehen, weil alles in mir einfach nur ausgebrannt ist.

Mein Körper kreischt bei jeder Bewegung. Ich schlafe nicht gut. Ich habe Schmerzen.

Ich fühle mich alleingelassen und ich trage zu viel.

Ich möchte, will und kann einfach nicht mehr. Nur noch wenige Stunden, bis ich wieder in zwei Arme flüchten kann, die mich zumindest einen Moment halten werden.

Licht in der Dunkelheit.

Linien

„Die Brüste hängen so sehr.“

Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von der Aussicht war. Frankfurt, Innenstadt. 20. Stock mit Blick über die gesamte Stadt. Gigantisch.

„Und der Bauch schwabbelt so. Diese schlabbrige Haut. Auch am Po muss Fett abgesaugt werden. Der ganze Körper sieht so widerlich aus, dass es mich bei jedem Blick in den Spiegel ekelt.“

Ich sehe irritiert in den Raum zu dem Mann, der mit geübtem Griff die Brüste meiner Mutter packt und hin und herwackelt. In seiner Hand hält er einen dicken schwarzen Stift, mit dem er Linien auf ihren Körper malt. Ich lege den Kopf schief und frage mich, warum wir hier sind. Ich bin 8 oder 9 Jahre alt.

„Schrecklich, diese Hängebrüste. Bald gehen sie mir bis zum Bauch. Ekelhaft.“ Der Mann hebt eine Brust hoch und malt noch mehr Striche. Ab und zu geht er zu seinem Schreibtisch und schreibt etwas auf einen Zettel. Er brummt. Ob zustimmend, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin weit weg von Zuhause und finde die Situation befremdlich. Affäre, geistert es durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, was dieser Begriff bedeutet und doch kenne ich ihn. Jahre später soll ich erfahren, dass zu genau diesem Zeitpunkt die Ehe meiner Eltern auf der Kippe stand. Wegen einer Frau, die mein Vater kannte. Und liebte? Vielleicht. Wenn ihm das möglich war. Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, ob meine Mutter jetzt mit diesem Mann zusammen ist. So wie er ihren Körper anfasst, begutachtet und bemalt kann das gut sein. So nah habe ich meine Eltern nie beeinander gesehen. Das mit den Strichen auf ihrem Körper kommt mir merkwürdig vor.

Wochen später sollte meine Mutter plötzlich verschwinden. Als sie wiederkommt, ist ihre Körpermitte merkwürdig verformt. Ihre Taille ist verschwunden. Ihr ganzer Bauch sieht so gestrafft aus wie eine langgezogene Gummimatte. Sie darf nichts heben und sich nicht bücken. Dafür ist sie glücklich. So kenne ich sie nicht. Große hässliche Narben zieren ihre Vorderseite. Breit, rot, grässlich und eiternd. Wann immer ich einen Verbandswechsel vornehmen muss und die Wundflüssigkeit abtupfe, dreht sie sich im Spiegel halbnackt hin und her. Und strahlt. „Jetzt sehe ich aus wie eine richtige Frau. Sieh nur, wie schön flach mein Bauch ist!“

Ich sehe auf die Gummimatte, die mit Haut nur noch so wenig zu tun hat und nicke. Es scheint etwas Gutes zu sein. „Nur die Brüste hängen noch so ekelhaft.“ An den Brüsten ist nichts verändert worden. Ich sehe keine Narben und sie sehen noch genauso aus wie vorher. Ich versuche, zu verstehen, was an ihnen ekelhaft ist. Es gelingt mir nicht. „Wenn du Pech hast, hast du auch diese widerlichen Hängebrüste geerbt.“

Ich erschrecke. Was heißt das? Was kann ich tun? Einen kurzen Augenblick lang drängt es in mir, sie zu fragen, was ich dann machen soll, aber sie wendet sich schon wieder ihrem Spiegelbild zu.

Es eitert aus der großen Bauchnarbe, die sich von Hüfte zu Hüfte zieht. Sie scheint es nicht zu bemerken. Gedankenverloren streichelt sie mit verliebtem Blick die gestraffte Haut darüber.

Narziss, gefallen

Selbstverliebtheit, Größenwahn und übersteigertes Selbst werden durch Unschuld am Leben gehalten, soviel ist mir inzwischen klar.

Erst durch den völligen Verlust meiner Unschuld – meines Glaubens an Liebe, Treue, Wahrheit und Versprechen – konnte das, was ich immer als eine meiner größten Stärken verbucht habe, in sich zusammensinken und sich als das zeigen, was es immer schon war. Trug. Was bin ich nun noch? Eine leere Hülle, die nie gelernt hat, Stärke und echten Selbstwert in sich selber zu finden, sondern immer von Umständen abhängig gemacht hat. Wie gerne würde ich zurück. Wie gerne würde ich all dies hier einfach von mir abschütteln, negieren, vernichten, allein: ich kann nicht.

Es lag und liegt nicht in meiner Hand, ich bin nur von den Kollateralschäden betroffen, die verheerender nicht hätten sein können.

Jede Nuance in seiner Stimme ein Drama, eine Bedrohung meiner Existenz, eine Bedrohung meines Selbst. Wie hat er das gemeint, wie dieses, wie jenes? Kann ich meiner Wahrnehmung glauben, wo sie mich fast ein Jahrzehnt in die Irre geführt hat?

Nachbeben, kollateral. Auch hier. Vor Tagen, Wochen, stellte ich fest: Ich glaube, ich habe mich selbst verloren. Und vielleicht stimmt das, vielleicht geht die Erkenntnis aber auch viel tiefer. Vielleicht habe ich mich nie besessen. Vielleicht, vielleicht. Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht. Unerschütterlicher Glaube an die Ewigkeit und unumstößliche Gewissheit, einen Gefährten an meiner Seite zu haben, der diesen Namen auch verdient, wichen einem schwammigen Gefühl von Unsicherheit, Zweifel und Bedeutungslosigkeit des Seins an sich.

Schon über ein Jahr.
Schon weit über ein gottverdammtes Jahr hinaus kenne ich mich nicht mehr. Nicht mein Spiegelbild, nicht meine Werte, nicht meine Überzeugungen.

Nur Angst. Bohrende, existenzielle Angst.

Wer bin ich denn noch?

Stillstand

Es ist nicht Zeit, die alle Wunden heilt. Es ist die Ruhe, die im Innehalten wohnt. Ein gebrochenes Bein kann man nicht im Dauerlauf heilen lassen. Und auch ein Herz benötigt Ruhe und Schutz, um heilen zu können. Erst dann wird es wieder bereit sein, sich wieder zu öffnen ohne eine schwärende Wunde aufzubrechen. Ich habe hart gelernt, dass man nicht einfach weitermachen kann. Dass Stillstand nicht immer nur Rückschritt bedeutet. Es ist in solchen Fällen vielmehr eine Achtsamkeitsübung sich selbst gegenüber. Sich selber Zeit zu geben. Sich erlauben, einfach mal stehenzubleiben. Sich umzusehen. Nach hinten, natürlich. Den Weg betrachten, den man zurückgelegt hat. Aber auch in Ruhe nach rechts und links sehen, um zukünftig nicht einfach nur in die entgegengesetzte Richtung zu laufen aus der man gekommen ist.

Sehen. Atmen. Warten.

Theorien

Theorie hat den großen Nachteil, dass sie nicht individuell sein kann, ohne sich selbst zu verraten. Wer macht einen Menschen liebenswert? Niemand. Ein Mensch ist nicht mal prinzipiell liebenswert, nur weil er da ist.

Diese Annahme basiert auf einem erlernten Wertesystem, das keine allgemeine Gültigkeit hat, nur weil wir innerhalb eines gesellschaftlichen Konsens, der unsere angeblich erreichte Zivilisationsstufe repräsentieren soll, beschlossen haben, dass das so ist. Jeder Mensch ist liebenswert? Schwachsinn. Wir hätten das nur gerne so, weil wir alle eine Scheißangst davor haben, keine Rechte zu besitzen und nicht geliebt zu werden. Liebe ist unsere Triebfeder. Immer. Überall. Das macht uns als Menschen aus. Und auch wenn der immer gern genommene Vergleich zu den Affen nicht viele Unterschiede zeigt – die wenigen, die existieren, sind gravierend.

Wir sind die einzigen Lebewesen, die darüber nachdenken können, warum wir über etwas nachdenken. Philosophie nennt man das gemeinhin und es ist mehr als nur ein Prozentsatz an Chromosomen, der uns vom Affen unterscheidet.

Wechselbäder

Solange Hass kalt ist, kann ich ihn ertragen. Ich lebe seit meiner Geburt mit kaltem Hass. Abscheu, Ekel, Verachtung – seine Kinder – habe ich jeden Tag meines Lebens gespürt. Ich habe erst spät erkannt, dass sie nicht meinem Verhalten galten. Sie galten mir. Meiner Person. Meinem Sein. Nun mag man darüber streiten, warum sie in mir so viel Wut und Jähzorn hervorgerufen haben, aber nur selten die gleiche Art von Kälte. Wut und Jähzorn sind heiß. Sie sind leidenschaftlich, sie brennen feuerrot und leben.

Purer Hass ist kalt. Eiskalt. Er brennt nicht minder, aber anders. Giftiger. Sein Ziel ist der Tod, während Wut das Leben selbst herausfordert.

Den Hass habe ich ertragen gelernt, aber Wut, aus einer Leidenschaft geboren, nährte immer meine Sehnsucht nach Liebe.