Versuchung. Härter.

Ich hätte mir heute Morgen in der Kälte wohl keine bessere Lektion wünschen können als diese. Und parallel zu diesen Worten sehe ich eine neue Nachricht blinken mit einer Forderung, wie sie unverschämter nicht sein könnte. Ich glaube, ich werde sie einen Moment lang einfach ignorieren.

Aus Respekt.
Vor mir selber.

Trial and error

Ich habs wieder getan. Wenn ich jedesmal einen Euro dafür bekommen würde, wenn ich den Satz höre: „Die Arge hat mir diesen Monat so wenig Geld gelassen, dass… [unverschämte Bitte bitte hier einfügen]“, dann wäre ich noch deutlich reicher als jetzt.

Es ist ja nur einmal, es geht um die Kinder, bla bla bla… Ich mags nicht mehr hören und ich war nicht gut gewappnet, also habe ich wieder einmal (für einmal, haha) zugesagt. Ich frage mich tatsächlich, wann man seinen Stolz verliert. Hat das nur mit dem Geld zu tun? Warum geht das so oft Hand in Hand? Man könnte meinen, dass Menschen, die keine Sozialhilfe beziehen, es vielleicht auch nicht nötig haben, immer wieder andere Menschen ihre Probleme lösen zu lassen, aber ich glaube, das ist es nicht allein. Ich kenne so viele Menschen, die in genau derselben Situation sind und eben nicht den Staat, die bösen Nachbarn, die schlimme Firma dafür verantwortlich machen, dass sie sich neben Zigaretten, elektronischem Spielzeug und Alkohol eben keine Busfahrkarten mehr kaufen können.

Wenn das überhaupt stimmt. Ich erhebe bei diesen bestimmten Menschen in meinem Umfeld keinen Anspruch mehr darauf, die Wahrheit erfahren zu wollen, weil ich das schlicht aufgegeben habe.

Und überhaupt – was macht es für einen Unterschied? Ärgern tut es mich dennoch. Ich will einen weiteren Weg finden, Nein zu sagen. Einen, der für mich passt. Ich will mich noch weiter zurückziehen. Es hatte nun schon so häufig geklappt, aber ich vermute, auch diese Dinge rückwärts zu entwickeln, benötigt einfach Zeit. Viel Zeit. Und weitere Fehler meinerseits. Was am Telefon nicht gut geklappt hat, funktionierte immerhin bei einem ungebetenen Besuch, der heute vor meiner Burg stand, sehr gut. Knapp, klar, nicht unfreundlich aber auch nicht freundlich meinen Standpunkt geäußert.

Nein, nicht hier, nicht jetzt, gar nicht. Punkt.
Neinsagen ist gut fürs Gemüt. Immer wieder.
Übungssache.

Lektionen in Langsamkeit

Ich schaffe es nicht.

Und statt auf meinen immerwährenden Antrieb aus Beschimpfung und Demütigung meiner Selbst zurückzugreifen, damit ich endlich in die Gänge komme, tue ich .. nichts. Gar nichts.

Ich nehme es hin wie es ist und es ist so verteufelt schwer, mich nicht selbst klein zu machen, faul zu nennen, zu nichts nutze zu fühlen, aber ich nehme es hin. Heute passiert hier nicht viel. Keine Pflicht, keine Kür. Nichts. So wie gestern. Und vielleicht kommt so wie gestern die Lust beim Nichtstun. Echte Motivation aus Liebe und Lust am Tun heraus geboren statt jene, die sich nur der Pflichterfüllung beugt. Da ist sie wieder, die gehässige Stimme, dass er sich das morgens auch nicht aussuchen kann. Aber verfickte Scheiße, ich bin nun mal ich.

Nicht er, nicht sie, niemand anders.

Nur ich. Und das ist nicht nur völlig ausreichend, es ist auch in Ordnung. Ich muss mein, unser … Leben nicht abarbeiten. Ich darf langsam machen. So langsam wie ich will.

Ich muss nicht bis in zwei Wochen 20kg abnehmen, ich muss nicht jeden Tag zweimal kochen, ich muss nicht leben wie in Schöner Wohnen, ich muss abends nicht bis Mitternacht wach sein und ich muss mich nicht adhoc in eine Femme fatale verwandeln, wenn irgendwann nach 16 Stunden auf den Beinen endlich alle Kinder im Bett sind.

Ich muss das nicht. Ich muss das nicht leben und ich muss das nicht sein. Ich muss tatsächlich gar nichts. Jetzt geht es tatsächlich nur noch darum, mein Ich will wiederzufinden.

Damit ich auch wirklich wieder ich sein kann.

mausgrau

Mit der Fassade fiel auch der Stress.

Kein peinlich genaues Achten auf Kleidung, MakeUp, Frisur, Uhrzeit… Völlig egal. Dann komme ich eben, wenn noch keiner da ist. Oder schon alle weg sind. Dann ist eben ein Fleck auf meinem Pullover und dann sind die Stiefel eben nicht geputzt. Dann winke ich eben nur zerstreut, wo ich mich vorher auf ein halbstündiges Gespräch vorbereitet habe. Und dann – so wie heute Mittag – lehne ich eine Bitte nach Verfassen und Ausformulieren einen umfangreichen Textes eben einfach ab.

Einfach so.

Mein momentaner Gesundheitszustand macht es mir leicht, diese Dinge auch ohne schlechtes Gewissen mit nicht mehr als einem bedauerndem Achselzucken einfach an mir vorbeizuwinken.

Das Verblassen in die Menge wird noch dauern, ich weiß das. Es ist leichter, als strahlender Stern am Himmel aufzugehen, als sang- und klanglos wieder im Nebel zu versinken. Das braucht Zeit, weil ich in den letzten Jahren dafür einfach zu viele Menschen im Herzen berührt habe. Und auch, wenn diese Zeit für mich vorüber ist, möchte ich doch keine Wunden hinterlassen. Dafür sind die Fortschritte zu kostbar, die diese Menschen gemacht haben.

Also übe ich mich in Geduld und in sozialer Camouflage, bis ich wieder dort bin, wo ich mich wohlfühle.

Und das beinhaltet noch wesentlich mehr und größeren Abstand zu meinen Mitmenschen.

Blickwechsel

„Das ist ein Unterschied. Einer, der nichts besser macht, aber bedeutsam ist.“

Ich starre auf die Worte, die vor diesen beiden Sätzen geschrieben stehen und mein Herz klopft. Glaube ich ihm? Ja, ich glaube ihm. Ich spüre ein Ziehen irgendwo in meiner Bauchmitte, das sich nach Leichtigkeit anfühlt. Nach Hoffnung. Ja, es ist ein Unterschied. Marginal im Geschehenen selbst, zentral in der Interpretation desselben. Heilung kann immer nur rückwärts erfasst werden. Man benötigt den Abstand zum größtmöglichen erfahrenen Schmerz, um zu erkennen, wo man steht. Wie stark die Wunde tatsächlich noch blutet. Ob sie eitert. Oder ob der Blick auf die Narbe nur die Erinnerung an die klaffende Wunde hochholt. Was uns betrifft: Ich bin mir nicht sicher, wo ich stehe. Aber ich spüre, dass die Wunde sich schließt.

Wir werden mit großen hässlichen Narben weitergehen.
Aber weitergehen.

Verschenktes Potential

Es ist doch auch heute noch recht hart zu sehen, wieviel Zeit und Energie und Zukunftsplanung ich auf etwas aufgewandt habe, das einfach niemand haben wollte. Der Preis, etwas nicht einfach nur kostenlos hinterhergetragen zu bekommen sondern ein Minimum an Energie für etwas aufwenden zu müssen, war wohl zu hoch. Ich will nicht verbittert klingen, weil das bedeuten würde, weit über meine Grenzen gegangen zu sein und das bin ich nicht. Ich habe rechtzeitig die Reißleine für mich und mein Leben gezogen, wenngleich ich immer noch mit den Auswirkungen zu kämpfen habe. Und traurig. Das bin ich auch hierbei.

Und das darf ich auch sein.

Reduktion

Da blinken sie, die Nachrichten in sozialen Netzwerken, in meinem E-Mail-Postfach, auf meinem Handy. Ich bin seit zwei Tagen zuhause. 9 entgangene Anrufe, 4 Voice-Mails, 13 SMS, 17 private Nachrichten, unzählige E-Mails. Ich lasse sie warten. Was in den letzten Wochen durch den Zwang meines Körpers, kürzer treten zu müssen, begann, formt sich nach und nach zu einem klaren Gedanken, dass die Öffentlichkeit, die ich vor ziemlich genau 2 Jahren gewählt habe, nicht mehr mein Ort ist. Ich bin zu verwundet, zu roh, zu überdrüssig all dieser Schicksale. Ich brauche keine Einladungen, kein gemeinsames Frühstück, kein Kino mit anderen Frauen, kein Essengehen mit Männern, keine Gespräche mit Familien, keine Menschen, die sich selbst zu mir einladen wollen, keine ungebeten Gäste, die plötzlich vor meiner Burg stehen, keinen Smalltalk, keine Bitten um Ratschläge, kein Draußen mehr.

Es reicht für ein ganzes Leben. Es reicht.

Erkenntnis

Und dann wird dir klar, dass du dein blutendes Herz nicht mehr schützen kannst. Vor der brennenden Erkenntnis, dass nicht nur er es war, der dich so lange belogen hat, sondern du es warst, die sich selbst verleugnet hat. In jenem einen Moment, in dem Eitelkeit, Selbstwert und Vertrauen so unwiederbringlich zerstört wurden, dass in deinem Innern plötzlich kein Raum mehr war für echte Gefühle wie Wut und Lust und Leidenschaft und Größe. Nur Angst. Verzweiflung. Und dann bricht  die Erkenntnis wie eine Flutwelle über dich herein, dass du dieses Leben hier nicht leben willst. Nicht so. Nie wieder. Nicht mit ihm und nicht ohne ihn. Sondern mit dir selber. Mit dir, wie du echt bist. Egal, was für Konsequenzen das nach sich zieht. Die klare Sicht darauf, dass wir nicht 16 Monate lang im Sterben lagen, sondern der Tod lange vorher ein Eheversprechen mitgenommen hatte, das so nie Bestand hatte und ich versucht habe, eine Leiche in einen Alltag zu integrieren, der alles leugnete, was meine Augen, mein Kopf, mein Herz und mein Bauch mir gesagt haben, erschreckt mich zutiefst. Ich habe mich selbst verloren, habe ich ihm vor Wochen, Monaten ins Ohr geflüstert und diese bitteren Tränen der Verzweiflung vergossen, die mich seit 16 Monaten jeden Tag begleiten und von denen ich in dieser Zeit mehr geweint habe, als es manch anderem Menschen in seinem ganzen Leben möglich ist. Nun. Ich habe mich wiedergefunden. Ich war gar nicht weg. Nur verschüttet. Zerbrochen. Einmal mehr in meinem Leben. Und das blutende Herz, das da vor mir auf der Straße liegt, das blutet eben weiter. Einmal mehr, nur noch ein letztes Mal. Diesmal, bis es aufhört zu schlagen. Aber das wird nicht heute sein. Nicht heute. Als ich heute Morgen aufwache, liege ich in einer großen Lache aus Blut in meinem Bett und die Symbolik lässt mich lächeln statt weinen.

Ende und Neubeginn.