Mit der Fassade fiel auch der Stress.
Kein peinlich genaues Achten auf Kleidung, MakeUp, Frisur, Uhrzeit… Völlig egal. Dann komme ich eben, wenn noch keiner da ist. Oder schon alle weg sind. Dann ist eben ein Fleck auf meinem Pullover und dann sind die Stiefel eben nicht geputzt. Dann winke ich eben nur zerstreut, wo ich mich vorher auf ein halbstündiges Gespräch vorbereitet habe. Und dann – so wie heute Mittag – lehne ich eine Bitte nach Verfassen und Ausformulieren einen umfangreichen Textes eben einfach ab.
Einfach so.
Mein momentaner Gesundheitszustand macht es mir leicht, diese Dinge auch ohne schlechtes Gewissen mit nicht mehr als einem bedauerndem Achselzucken einfach an mir vorbeizuwinken.
Das Verblassen in die Menge wird noch dauern, ich weiß das. Es ist leichter, als strahlender Stern am Himmel aufzugehen, als sang- und klanglos wieder im Nebel zu versinken. Das braucht Zeit, weil ich in den letzten Jahren dafür einfach zu viele Menschen im Herzen berührt habe. Und auch, wenn diese Zeit für mich vorüber ist, möchte ich doch keine Wunden hinterlassen. Dafür sind die Fortschritte zu kostbar, die diese Menschen gemacht haben.
Also übe ich mich in Geduld und in sozialer Camouflage, bis ich wieder dort bin, wo ich mich wohlfühle.
Und das beinhaltet noch wesentlich mehr und größeren Abstand zu meinen Mitmenschen.